Alte Knackis: In US-Kerkern tickt die Altersbombe

Aktualisiert

Alte KnackisIn US-Kerkern tickt die Altersbombe

Auf Amerikas überfüllte Gefängnisse kommen hohe Gesundheitskosten zu, weil die Häftlinge immer älter werden. Gliedstaaten erwägen, greise Gefangene vorzeitig zu entlassen.

von
Martin Suter
Häftling im Rollstuhl in einem Gefängnis in Kalifornien. Dort wird derzeit für 900 Millionen Dollar ein neues Gefängnisspital gebaut.

Häftling im Rollstuhl in einem Gefängnis in Kalifornien. Dort wird derzeit für 900 Millionen Dollar ein neues Gefängnisspital gebaut.

Lebenslänglich bedeutet in den USA meistens bis zum Tod. Und weil sich dieser auch bei Gefangenen immer später einstellt, hat der Knast-Weltmeister ein Problem: Das Durchschnittsalter der Gefangenen steigt ständig an – und mit ihm die Kosten. Nun läutet Human Rights Watch (HRW) die Alarmglocke. Die Menschenrechtsorganisation hat einen Bericht veröffentlicht, der drastisch vor Augen führt, welche Schwierigkeiten die Betreiber von Amerikas Haftanstalten in nächster Zukunft erwarten.

Laut dem Report «Old Behind Bars» – «Alt hinter Gittern» – wuchs die Zahl der über 65-jährigen Gefängnisinsassen zwischen 2007 und 2010 94 Mal so stark wie die Gesamtzahl der Häftlinge. 2010, im letzten statistisch erfassten Jahr, waren 124 000 Häftlinge 55-jährig oder älter – fast viermal so viele wie 15 Jahre zuvor.

Wärter als Krankenpfleger

Alte Menschen sind für das raue Leben hinter Gittern schlecht gerüstet. Wie der HRW-Bericht beschreibt, fällt es vielen betagten Häftlingen schon schwer, den Weg von der Zelle zum Esssaal zurückzulegen. Sie kommen kaum mehr vom Rollstuhl hoch, und noch viel weniger können sie aufs Kajütenbett steigen. Andere greise Gefangene sind dement oder können ihren Harn nicht mehr halten, was Wärter in die Rolle von Krankenpflegern versetzt.

«Gefängnisse wurden nicht dafür entworfen, als geriatrische Abteilungen zu dienen», sagt Jamie Fellner, die Autorin der Studie. «Amerikanische Strafvollzugsbehörden betreiben heute Altersheime hinter Gittern.» Den Gefängnissen drohe ein «silbergrauer Tsunami», sagt sie. «Geh' durch irgend ein Gefängnis, und du siehst verblüffend viele Rollstühle, Rollatoren und tragbare Sauerstoffflaschen.»

Nach drei Verurteilungen lebenslänglich

Die Probleme sind in den USA besonders akut, weil kein anderes Land so viele Menschen einsperrt. Verglichen mit dem Rekordjahr 2008 ging 2010 die Zahl der Häftlinge zwar von 2,3 Millionen auf 2,27 Millionen leicht zurück. Dennoch hat in den USA jeder 100. Bewohner seine Freiheit eingebüsst. In China, dem bevölkerungsreichsten Land, gab es 2008 bloss 1,56 Millionen Gefangene.

Hinzu kommt, dass der Trend zu langen, unbedingten Haftstrafen in den USA anhält. Gesetze, mit denen Politiker in den Drogenkriegen der 1980er und 1990er Jahren «tough on crime» – hart gegen Verbrechen – erscheinen wollten, sind in den meisten Gliedstaaten nach wie vor in Kraft. Viele Gefängnisse sind überfüllt, weil junge Menschen nach drei Verurteilungen wegen Drogenvergehen zwingend lebenslängliche Freiheitsstrafen erhalten. Die Gesetze sind oft so strikt formuliert, dass anders gesinnte Richter keine milderen Strafen aussprechen können.

Beträchtliche Folgekosten

Die Bürgerrechtsvereinigung American Civil Liberties Union (ACLU) vermutet, dass bei heutigen Trends bis 2030 ein Drittel aller Gefangenen 50 Jahre und älter sein werden. «Es ist eine einfache Rechnung», sagte der Strafrechtsprofessor Martin Horn zum «Wall Street Journal». «Während der letzten 30 Jahre wurden mehr Menschen zu längeren Freiheitsstrafen verurteilt. Diese Leute werden jetzt älter.»

Die Folgekosten sind beträchtlich. Im Schnitt geben Gliedstaaten für jeden 50-plus-Gefangenen im Jahr 70 000 Dollar aus, fast dreimal mehr als für jüngere Häftlinge. Im notorisch überlasteten Strafvollzugssystem Kaliforniens haben die Haftanstalten viel zu wenige Krankenbetten. Chronisch kranke Gefangene werden oft an private Spitäler ausgelagert. Wie die «New York Times» ermittelte, kann eine solche Pflege im Jahr bis zu 850 000 Dollar kosten. «Wir haben Kerle im Koma, die an ihre Betten gekettet sind und von einem Wärter bewacht werden», sagte Nancy Kincaid, Sprecherin des kalifornischen Strafvollzugssystems.

Konservative für vorzeitige Entlassungen

Kalifornien hat deshalb den Bau eines über 900 Millionen Dollar teuren Gefängnisspitals mit 1772 Betten bei Stockton in Angriff genommen. Andere Gliedstaaten sind auch aktiv geworden. New York nahm 2006 eine Einrichtung für demente Gefangene in Betrieb; Mississippi und Texas verfügen über medizinische Zentren für geriatrische Fälle.

Gleichzeitig ertönt der Ruf, dass betagte Insassen zur Entlastung der Gefängnisse schon vor Ablauf ihrer Strafe entlassen werden sollen. Es mache keinen Sinn, alte Gefangene bis zu ihrem Tod einzusperren, wenn keine Rückfallgefahr drohe, glauben viele Experten. Laut «Wall Street Journal» beklatschen Konservative Gesetze wie im Gliedstaat Oklahoma, die eine vorzeitige Entlassung aus medizinischen Gründen vorsehen.

Nicht auf Freiheit vorbereitet

Die Autorin der HRW-Studie ist grundsätzlich nicht gegen Frühentlassungen eingestellt. Sie warnt aber davor, betagte Häftlinge unvorbereitet in die Freiheit zu entlassen. «Ältere Männer und Frauen haben häufig extrem Mühe, Arbeit und eine Wohnung zu finden», heisst es in dem Bericht. Viele Altersheime weigerten sich, Ex-Häftlinge aufzunehmen.

Zusätzlich plädiert Jamie Fellner dafür, generell die Strafzumessungen zu revidieren, damit weniger Häftlinge in ihren Zellen alt werden. Die HRW-Expertin fragt: «Was nützt es der Gerechtigkeit und der öffentlichen Sicherheit, Männer und Frauen fortdauernd einzukerkern, deren Körper und Geist durch das Altern geschwächt worden sind?»

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