Farbiges Wohnen: «In Weiss ist das hässlichste Haus okay»
Aktualisiert

Farbiges Wohnen«In Weiss ist das hässlichste Haus okay»

In Biel muss ein Paar sein Haus neu streichen, weil es den Behörden zu bunt ist. An anderen Orten sind farbige Häuser kein Problem. Worauf kommt es an?

von
kün
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Ein Ehepaar aus Biel muss sein Haus neu streichen. Den Behörden ist es zu farbig.

Ein Ehepaar aus Biel muss sein Haus neu streichen. Den Behörden ist es zu farbig.

Vincent Donzé/Le Matin
Es passe nicht ins Quartierbild.

Es passe nicht ins Quartierbild.

Google Street View
Einige Leser hatten mehr Glück, etwa Monika Neuenschwander aus Grasswil. Ihr Baugesuch wurde gutgeheissen. Damit durfte sie ihre Fassade orange streichen.

Einige Leser hatten mehr Glück, etwa Monika Neuenschwander aus Grasswil. Ihr Baugesuch wurde gutgeheissen. Damit durfte sie ihre Fassade orange streichen.

Leser-Reporter/Monika Neuenschwander

Mit seinem farbenfrohen Haus Leben ins Quartier bringen – das will so mancher Hausbesitzer. Doch aufgepasst: Der Griff zum Pinsel kann teurer werden als geplant. Ein Ehepaar aus Biel muss nach einem behördlichen Entscheid sein Haus neu streichen. Die orange Fassade passe nicht ins Quartierbild, so die Begründung. Was bei der Farbe der Hausfassade erlaubt ist oder nicht, kommt auf den Wohnort an. So hatten verschiedene 20-Minuten-Leser mehr Glück und durften ihre Häuser in grellen Farben anstreichen.

Die Regelungen unterscheiden sich je nach Kanton und Gemeinde. Und auch hier ist es schwierig, eine pauschale Richtlinie zu nennen. Peter Egli, Kommunikationsverantwortlicher des Schweizer Heimatschutzes, erklärt: «Der Hintergrund dabei ist das öffentliche Interesse an einem harmonischen Stadtbild. Bei einem Einfamilienhaus in einem neuen Quartier wird es wohl weniger problematisch sein, eine grelle Farbe für die Fassade seines Hauses zu nutzen, da das Umfeld meist bereits etwas zusammengewürfelt und uneinheitlich wirkt.»

«Auch kein gelb-rotes McDonald's-Haus erlaubt»

Ändere man aber die diskrete Farbe eines bereits bestehenden Hauses in einem einheitlich wirkenden Dorf, wirke das nicht unbedingt harmonisch, so Egli. In diesem Fall sei es ästhetischer, wenn die Häuser zum Ortsbild passten. «So soll man ja auch nicht die Möglichkeit haben, mitten in der Altstadt ein gelb-rotes McDonald's-Haus zu bauen.» Es kommt auch immer auf die Art des Gebäudes an. Eine Kirche oder eine Schule beispielsweise dürfen prägnanter wirken als ein «normales» Wohnhaus.

Reto Lindegger, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbands, räumt ein: «Die Güterabwägung zwischen individuellen Wünschen der Bürger und dem öffentlichen Interesse, in diesem Fall die Pflege des Ortsbilds, ist für die Behörden oft eine schwierige Aufgabe.» In aller Regel findet sich aber eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung, sodass Fälle wie jener in Biel eine Ausnahme bilden. Im Zweifelsfall empfiehlt es sich gemäss Erich Fehr, Stadtpräsident von Biel, grundsätzlich immer, bei der Gemeinde nachzufragen. Ausserdem sollten Anfragen schriftlich gestellt werden. «So werden Missverständnisse vermieden.»

«Ein Wettkampf um Aufmerksamkeit»

Der Schweizer Heimatschutz begrüsst es, dass es eine gewisse Kontrolle über die Farben der Häuser gibt: Gerade historische Ortsbilder würden durch einheitlichen Materialien und die beschränkte Farbpalette harmonisch und schön wirken, sagt Egli. «Wenn sich einzelne Häuser mit grellen Farben einen Wettkampf um Aufmerksamkeit liefern, ohne Rücksicht auf die Umgebung zu nehmen, entsteht auf Dauer eine Art Wildwuchs, der unsere Städte und Dörfer nicht gerade schöner macht.»

Wer an seinem Gebäude eine äusserliche Veränderung anbringen will, muss gemäss Egli generell ein Baugesuch stellen. Eine starke Änderung der Farbe der Fassade gilt auch als eine solche Veränderung. «Wenn es sich aber nur um eine Reinigung, Sanierung oder Auffrischung des bestehenden Anstrichs handelt, stellen sich in der Regel keine Probleme. Da sind grundsätzlich auch kleinere Farbabweichungen möglich», ergänzt Egli.

«Hässliche Häuser in Eierschalenweiss sind kein Problem»

In Biel wäre es für den Besitzer des orangen Hauses möglich gewesen, eine schriftliche Voranfrage bei der Baubewilligungsbehörde einzureichen, um herauszufinden, ob es für die gewünschte Farbe ein Baugesuch braucht oder nicht. «Wenn ja, dauern diese sogenannten kleinen Verfahren zur Abklärung in der Regel bis zu drei Monate», erklärt Florence Schmoll, die Leiterin der Abteilung Stadtplanung Biel. «Dabei machen wir eine Analyse der Umgebung und entscheiden im Gremium, ob sich die die Farbe in die Umgebung integriert oder nicht.»

Benedikt Loderer ist Gründer der Zeitschrift «Hochparterre» und ein renommierter Schweizer Architekturkritiker. Er kennt das Problem mit den Fassadenfarben gut: «Man kann die hässlichsten Häuser bauen, wenn man sie dann in Eierschalenweiss anmalt, ist das in Ordnung. Baut man aber ein architektonisch hervorragendes Haus und malt es farbig an, hat man sofort alle Nachbarn am Hals.» Gemäss dem Architekturkritiker reagieren die Leute «mit dem Kleinhirn auf Farben, und für die Architektur bleibt dann im Grosshirn kein Platz mehr».

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