Aktualisiert 06.02.2017 14:35

Platzspitz-Überlebende«In Wunden voller Maden suchten sie nach Venen»

Giro und Martin wurden vor 25 Jahren vom Platzspitz vertrieben. Das Elend und der Horror wurde den Ex-Junkies erst später bewusst.

von
Christian Messikommer

Zwei Ex-Drogenkonsumenten erinnern sich an die Zeit der offenen Drogenszene im Zürcher Platzspitz.
(Video: Murat Temel, 20 Minuten)

Giro (40) war gerade mal 13 Jahre alt, als er mit Heroin angefangen hat. Eigentlich hatte er eine schöne Kindheit, nur war er etwas frühreif und hing mit deutlich älteren Teenager-Kollegen ab. Er wurde nicht angefixt, die Neugier trieb ihn, die Droge zu probieren. Als der Platzspitz geschlossen wurde, verkehrte er schon fast zwei Jahre in der offenen Szene. Die Schliessung hat seine Drogenkarriere nicht beendet. Mehr als zehn Jahre sollten noch vergehen, bis er los war von der Sucht.

Martin (43) wurde als Kind misshandelt, hat kaum Liebe erfahren. Dennoch hat er als Teenager noch versucht, seine Kollegen vom Konsum harter Drogen abzuhalten. Als er dann trotzdem – ebenfalls aus Neugier – Heroin probiert, erlebt er zum ersten Mal ein Gefühl von Wärme, Liebe und Geborgenheit. Diesem Gefühl, das sich danach für ihn nie mehr so intensiv einstellte, lief er die nächsten zwölf Jahre hinterher. Zum ersten Mal auf dem Platzspitz war er am Tag der Schliessung, am 5. Februar 1992. Heute vor 25 Jahren.

Immer auf der Suche nach dem nächsten «Knall»

Die beiden Männer lernten sich erst auf dem von 20 Minuten arrangierten Treffen auf dem Platzspitz kennen. Begegnet sind sie sich zuvor aber sicher oft: auf dem Letten oder auf der Gasse, immer auf der Suche nach dem nächsten «Knall», wie der Schuss im Jargon genannt wird. «Auf dem Platzspitz war die Beschaffung trotz der damals horrenden Preise für die Droge sehr einfach», erzählt Giro, «das Gramm Heroin kostete um die 600 Franken, ein Gramm Kokain sogar bis 1000 Franken. Der Stoff war auch deutlich reiner als später auf dem Letten.»

Auf dem Platzspitz hat aber kaum ein Junkie mit Geld bezahlt: «Es gab andere Wege, zum Stoff zu kommen», erinnert sich Giro: «Die einen vermittelten den Dealern Abnehmer. Dazu warteten sie an den Zugängen zum Platzspitz auf ‹ambulante› Kunden – Bankangestellte in Anzügen oder Deux-Pièces, die sie zum Dealer geleiteten. Pro fünf zahlender Konsumenten gab es einen Knall gratis.»

«Sie liessen mir einen Teil ihres Schusses im Löffel»

Giros bevorzugter Weg, zum Stoff zu kommen, war das «Filterle». Dazu stellte er sich hinter einen der improvisierten Tische, die aus Einkaufswägeli und Schalbrettern bestanden. «Ich habe saubere Löffel, Alkohol – um die Löffel vor dem Gebrauch zu sterilisieren –, Wasser, sterile Einwegspritzen, Ascorbinsäure, Kerzen und Zigarettenfilter bereitgelegt.» Spritzen, Ascorbinsäure und Alkoholpads wurden im SIP-Häuschen im Park gratis herausgegeben, frisches Wasser gab es vom Brunnen.

«Ein Konsument konnte seinen Schuss bei mir am Tisch vorbereiten, und den brackigen Drogensud durch den Zigarettenfilter aufziehen als Gegenleistung liess er einen kleinen Teil seines Schusses zusammen mit dem Filter im Löffel zurück. Nach ein paar Konsumenten hatte ich genug gesammelt für meinen Schuss.» Um aus den Mitbewerbern herauszustechen, rief er den Slogan «Iise-Löffel» immer wieder in die Runde der Umstehenden. Iise, also ein Eisen, ist der Szene-Ausdruck für eine Spritze.

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Der Park hinter dem Landesmuseum in Zürich war seit Mitte der Achtziger Jahre der Treffpunkt der Drogensüchtigen, die zuvor von anderen Plätzen (Riviera, Hirschenplatz etc.) in der Stadt Zürich vertrieben worden waren.

Der Park hinter dem Landesmuseum in Zürich war seit Mitte der Achtziger Jahre der Treffpunkt der Drogensüchtigen, die zuvor von anderen Plätzen (Riviera, Hirschenplatz etc.) in der Stadt Zürich vertrieben worden waren.

Der einst beliebte Park zwischen Sihl und Limmat wurde von Nicht-Süchtigen gemieden.

Der einst beliebte Park zwischen Sihl und Limmat wurde von Nicht-Süchtigen gemieden.

Im Park wurden Drogen offen konsumiert.

Im Park wurden Drogen offen konsumiert.

Keystone/str

«Es roch fürchterlich»

Eine weitere Verdienstmöglichkeit war der Verkauf von Lebensmitteln. Eistee war besonders beliebt. «Der 1-Liter-Karton kostete 30 oder 50 Rappen und wurde auf dem Platz für 2 Franken verkauft», weiss Martin. Zigaretten fanden auch immer Abnehmer: «Die Stange kostete 20 Franken, auf dem Platz wurde das Päckli für bis zu 5 Franken verkauft. Alterskontrollen bei Zigarettenkäufern kannte man damals nicht.»

Olfaktorisch war der Platzspitz eine Herausforderung. Giro erinnert sich: «Je näher man ans Rondell kam, desto fürchterlicher roch es. Aber wir nahmen das nur unbewusst wahr. Wir waren ja auf der Suche nach dem nächsten Knall.» Man half sich zwar manchmal gegenseitig, aber wenn man «uf em Aff», also auf Entzug, war und einen Schuss vorbereitete, hätte man sich nicht mal um einen Sterbenden gekümmert, der neben einem zusammenbrach, sind sich beide einig.

Beide überlebten mehrere Überdosen

Die meisten Konsumenten auf dem Platzspitz waren mangel- und unterernährt. Es soll Leute gegeben haben, die wochenlang nur von Eistee gelebt und ebenso lange keine Dusche und keine Zahnbürste gesehen hätten. Martin hat sich dreimal versehentlich eine Überdosis gespritzt. Einmal hatte er dabei eine ausserkörperliche Erfahrung. «Ich sagte mir, es ist noch nicht Zeit, und habe in meinen Körper zurückgefunden.» Giro hat es auch mehrmals erwischt. «Das passiert, wenn der neue Stoff zu rein ist, und du die gleiche Menge wie immer spritzst.»

Beide danken ihren guten Genen, dass sie ohne körperlichen Schäden die schwere Sucht nach zwölf respektive 15 Jahren Abhängigkeit hinter sich lassen konnten. Die Narben der unzähligen Einstiche sind verheilt und nicht mal für das geschulte Auge sichtbar. Beide Männer sind berufstätig, haben Familien gegründet und sind fürsorgliche Väter. Ihnen ist auch das nächste Lebensziel gemeinsam: Sie beide möchten ihre Töchter heranwachsen sehen, ihnen ein schönes Zuhause bieten und eine normale Jugend ermöglichen, so wie sie es selber nie erlebt haben.

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