28.11.2019 10:40

Ein Experte warnt«In Zukunft ist jedes fünfte Kind handysüchtig»

Jochen Mutschler ist Chefarzt an der Privatklinik Meiringen und erklärt, warum die Handysucht lebensbedrohlich sein kann.

von
Remo Schraner
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Jochen Mutschler ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt an der Privatklinik Meiringen.

Jochen Mutschler ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt an der Privatklinik Meiringen.

Er sagt: «In Zukunft werden wohl 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen von einer Handy- oder anderen Verhaltenssucht betroffen sein.»

Er sagt: «In Zukunft werden wohl 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen von einer Handy- oder anderen Verhaltenssucht betroffen sein.»

Keystone/Martin Ruetschi
«Apps wie Instagram oder Snapchat nehmen es bewusst in Kauf, dass die Benutzer süchtig werden», so Mutschler.

«Apps wie Instagram oder Snapchat nehmen es bewusst in Kauf, dass die Benutzer süchtig werden», so Mutschler.

AP/Jenny Kane

Herr Mutschler, wie viele Schweizer leiden an einer Handysucht?

Die Erforschung der Verhaltenssüchte steckt noch in den Kinderschuhen. Lange wurden sie nicht so ernst genommen wie die Drogen- oder Alkoholsucht. Darum gibt es noch keine konkreten Zahlen. In der Schweiz ist wohl ein Prozent der Bevölkerung von einer Gaming-Sucht betroffen.

Und was ist mit der Sucht nach Social Media?

Auch hier gibt es keine guten Zahlen. Denn sie gilt nicht als Krankheit.

Ist das für die Betroffenen nicht fatal?

Doch, das ist sehr problematisch. Wer ist schon gern krank, erhält aber keine Diagnose? In Zukunft wird aber wahrscheinlich auch die Social-Media-Sucht als Krankheit anerkannt werden. Hilfe bekommt man aber bereits heute.

Was war ihr krassester Fall?

Ein Patient war so stark süchtig nach Handyspielen, dass er dafür monatlich 2000 Franken ausgab.

«Grundsätzlich ist keine Heilung möglich.»

Wie konnten Sie ihn heilen?

Grundsätzlich ist keine Heilung möglich. Ein Süchtiger bleibt süchtig. In der Therapie lernen die Patienten aber, eigene Ziele zu definieren. Also, dass man zum Beispiel jeden Monat eine Stunde weniger lang am Handy verbringt. Der Therapeut unterstützt den Patienten dabei, indem er die Eigenmotivation stärkt.

Was kann sonst noch helfen?

Für die Nacht empfiehlt es sich, das Handy einzuschliessen oder es auszuschalten. Zudem müssen die Betroffenen lernen, wie sie mit dem starken Suchtverlangen umgehen. Oft hilft Sport, eine kalte Dusche oder eine Massage mit einem Igelball. Wichtig ist aber auch, dass das Verlangen einfach mal ausgehalten wird.

Ein Alkoholiker kann auf den Alkohol verzichten. Was aber machen Handysüchtige?

In unserer Gesellschaft ist es kaum möglich, ohne Handy zu leben. Social-Media-Süchtige sollten entsprechende Apps löschen und Gaming-Süchtige die Spiele. Denn eine eigentliche Handysucht gibt es nicht. Das Smartphone ist lediglich das Medium für verschiedenen Verhaltenssüchte.

Warum wird man überhaupt süchtig nach Games oder Social Media?

Am Anfang gibt es einen positiven Kick, wenn ich auf Instagram Likes erhalte oder im Online-Game ein Level weiter komme. Bald darauf wird es zum Zwang, weiterzumachen. Ansonsten treten Entzugserscheinungen auf.

«Instagram nimmt es bewusst in Kauf, dass die Benutzer süchtig werden.»

Nehmen die Betreiber von Games und Apps bewusst in Kauf, dass die Benutzer süchtig werden?

Auf jeden Fall. Gerade Instagram und Snapchat sind solche Kandidaten.

Warum sind digitale Süchte überhaupt gefährlich?

Weil Betroffene im schlimmsten Fall daran sterben können.

Wie?

Gerade beim Gaming vergessen stark Betroffene zu essen und können verhungern. Aber auch bei den anderen digitalen Süchten sind die Folgen schwer: Es können Depressionen auftreten. Diese wiederum verstärken den sozialen Rückzug. Oft verlieren Betroffene dann auch ihre Arbeit, weil sie unkonzentrierter sind.

Gibt es genug Hilfe?

In der Schweiz herrscht im Bereich der Verhaltenssüchte eine Unterversorgung. In Zukunft werden wohl 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen von einer Handy- oder anderen Verhaltenssucht betroffen sein.

Was fordern Sie?

Lehrer müssen die Schüler für das Thema Medienkonsum sensibilisieren. Zudem brauchen die Eltern mehr Informationen. Diese sind oft überfordert und wissen nicht, ab wann das Handyverhalten ihrer Kinder problematisch ist.

Wie erkennt man eine Handysucht?

Die verbrachte Zeit mit dem Handy ist nicht ausschlaggebend. Wenn sich aber die Schulnoten verschlechtern oder das Einschlafen zum Problem wird, kann das auf ein Suchtverhalten hinweisen.

Wie effektiv sind Zeiteinschränkungen mittels Apps auf dem Handy?

Als Prävention ist dies sehr sinnvoll. Auch handyfreie Zeiten oder Tage befürworte ich.

Wer ist am anfälligsten für eine Handysucht?

Kinder und Jugendliche. Heute verbringen sie bis zu drei Stunden täglich im Internet.

Serie: Handysucht

Teil 1: Maurice (24) zockte, bis er auf der Strasse landete

Teil 2: Melanie (19) war bis zu 12 Stunden am Handy

Teil 3: Facharzt Jochen Mutschler über die Handysucht.

Handysucht in der Schweiz

Wer täglich mehrere Stunden mit dem Handy verbringt, ist nicht zwingend süchtig. Werden jedoch die Schulnoten schlechter, kann das ein Indiz dafür sein. Konkrete Zahlen zur Handysucht gibt es noch nicht, da die Forschung dazu noch in den Kinderschuhen steckt. Experten vermuten jedoch, dass 17 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz an einer Handysucht leiden.

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