06.04.2015 18:22

Masala-Kino

«Inder wollen Exzess auf allen Ebenen»

Fliegende Autos, unbezwingbare Helden, triefende Romantik. Für Westler ist indisches Kino schwer zu verstehen. Erklärungen liefert ein Bollywood-Experte.

von
Nicolas Saameli

Indisches Kino wirkt auf westliche Augen sehr speziell: Ausschnitt aus dem Film <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Aambala" target="_blank">Ambaala</a>. <i>(Quelle: Facebook/<a href="https://www.facebook.com/videoicy?fref=photo" target="_blank">VideoICY</a>)</i>

Für westliche Augen wirken sie skurril bis lächerlich: Action-Szenen aus indischen Filmen scheinen aus einem Paralleluniversum zu stammen, in dem Gesetzte der Physik nicht gelten – besonders nicht für die unbezwingbaren, oft schnauzbärtigen Helden. Was denken aber eigentlich die Inder über ihre verrückten Action-Streifen? Und wie sehen sie westliches Kino? Bollywood-Experte Marco Spiess weiss Bescheid.

Marco Spiess, sehen wir uns gemeinsam einen Ausschnitt an. Ein Polizist räkelt sich auf der Kühlerhaube eines fliegenden Jeeps, um danach unzählige Feinde mühelos mit einem Schlag niederzustrecken (siehe Video oben). Wie ist das in Indien? Nehmen die Leute dort Szenen wie diesen Ausschnitt aus dem Film Ambaala ernst?

Marco Spiess: Natürlich wissen auch die Inder, dass solche Kampfszenen massiv überspitzt sind. Genau diese Überspitzung wollen sie aber auch sehen. Kulturell gibt es da einen grossen Unterschied: In Europa erwarten wir von Filmen ja eher subtile Geschichten – Inder hingegen wollen Exzesse auf allen Ebenen. Das spiegelt sich dann auch in der Romantik und im Humor der Filme.

Was macht einen indischen Actionfilm aus?

Den indischen Actionfilm gibt es eigentlich gar nicht – oder zumindest nur vereinzelt. Was viel geläufiger ist, sind die sogenannten Masala-Filme: Masala bedeutet ja Gewürz – und Gewürze werden in Indien gemischt. Ein Masala-Film besteht also aus einer Prise Action, einer Prise Humor und natürlich auch viel Romantik und Tanz. Das, was wir als trashig empfinden, sind übrigens oft keine Bollywood-Filme, sondern Filme aus dem südindischen, tamilischen Raum. Stunts in den grossen Bollywood-Produktionen können längst mit Hollywood mithalten.

Die Helden in solchen Filmen scheinen übermenschliche Kräfte zu besitzen. Gibt es dafür eine Erklärung?

Häufig sind im Hintergrund choralartige Gesänge zu hören, wenn so eine Heldenfigur in eine Kampfszene verwickelt ist. Diese Lieder richten sich dann an eine Hindu-Gottheit. Für die Zuschauer bedeutet das: Diese Figur bekommt gerade Kraft von einem Gott verliehen. Eine andere Erklärung ist vielleicht auch die Verehrung, mit der die Inder ihren Filmstars begegnen.

Das grosse Finale des Films Magadheera. Den gesamten Film gibt es hier auf Youtube zu sehen. (Quelle: Youtube, Goldmines Telefilms)

Wie sieht dieser Star-Kult aus?

Schauspieler geniessen in Indien einen ganz anderen Stellenwert als im Westen. Hier sind die Stars ja gerade mal gut genug, um die Seiten von Klatschheften zu füllen. In Indien wird gerne mal ein Schauspieler zum Ministerpräsidenten eines Bundesstaates gewählt. Wenn also beispielsweise der Schauspieler Rajinikanth in einem Film zum ersten Mal ins Bild tritt, dann ist das ein Ereignis. Die Leute stehen im Kino von ihren Stühlen auf und applaudieren. Wer Witze über ihn macht, ist schnell mal in eine Schlägerei verwickelt.

Die besten Szenen von Rajinikanth, dem «Chuck Norris von Indien». (Quelle: Youtube, Dishoom Films)

Was denken die Inder über westliches Kino?

Das erste, was ich höre, ist immer, dass in westlichen Filmen so viel nackte Haut zu sehen ist. In Indien ist das noch immer tabu – auch wenn im neusten Film von Shah Rukh Khan tatsächlich eine längere Sexszene zu sehen ist. Grundsätzlich ist zu sagen, dass indisches Kino – als eine der letzten Filmkulturen der Welt – seinen eigenen Charakter behalten hat und nicht zu stark von Hollywood beeinflusst wird. Ich finde das gut so.

Marco Spiess, 39 ist stellvertretender Filmchef der Fernsehzeitschrift Tele und betreibt die Schweizer Bollywood-Seite Molodezhnaja.ch.

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