26.03.2017 12:28

Brexit-Folgen

Indische Restaurants in England in der Klemme

Indische Restaurantbesitzer gehörten zu den Brexit-Befürwortern. Jetzt fühlen sie sich von der britischen Regierung verraten.

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Mit Umsätzen in Milliardenhöhe sind indische Restaurants ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor in Grossbritannien. Vor der Abstimmung unterstützte die Branche den Austritt aus der Europäischen Union, jetzt fühlt sie sich von der Regierung verraten.

Mit Umsätzen in Milliardenhöhe sind indische Restaurants ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor in Grossbritannien. Vor der Abstimmung unterstützte die Branche den Austritt aus der Europäischen Union, jetzt fühlt sie sich von der Regierung verraten.

AP/Matt Dunham
Die Regierung hatte ihnen  mehr Arbeitsgenehmigungen für südasiatische Köche zugesichert – doch bisher weigerte sich Downing Street, die Regeln für Migranten aus Nicht-EU-Ländern zu lockern.

Die Regierung hatte ihnen mehr Arbeitsgenehmigungen für südasiatische Köche zugesichert – doch bisher weigerte sich Downing Street, die Regeln für Migranten aus Nicht-EU-Ländern zu lockern.

AP/Matt Dunham
In den vergangenen Jahren griffen indische Gastronomen daher auf Osteuropäer zurück, vor allem aus Polen und Rumänien, so wie die Polin Aga Pozniak und ihr Partner Pawel Bednarek. Keiner von beiden hatte zuvor ein indisches Currygericht gesehen.

In den vergangenen Jahren griffen indische Gastronomen daher auf Osteuropäer zurück, vor allem aus Polen und Rumänien, so wie die Polin Aga Pozniak und ihr Partner Pawel Bednarek. Keiner von beiden hatte zuvor ein indisches Currygericht gesehen.

AP/Matt Dunham

Die Flammen schlagen meterhoch aus der Pfanne, als Mohammed-Faizul Haque Zitronensaft zum brutzelnden Hühnchenfleisch giesst. Routiniert streut er Kreuzkümmel, Koriander, Salz, Chili und Knoblauch darüber, und fertig ist das «Balti Kuchi Chili-Hühnchen» im Londoner Restaurant Taste of India.

Solch exotische Genüsse könnten in Grossbritannien künftig seltener werden: Weil nicht zuletzt Küchenkräfte fehlen, machen auf der Insel derzeit zwei indische Restaurants pro Woche dicht – und der drohende Brexit spielt dabei eine grosse Rolle.

Curry-Restaurants sind in Gefahr

Die Restaurant-Inhaber fühlen sich dabei gehörig von der Regierung verraten. Die Branche mit einem geschätzten Jahresumsatz von umgerechnet 5,2 Milliarden Euro hatte die Kampagne zum Austritt aus der Europäischen Union (EU) unterstützt, weil mehr Arbeitsgenehmigungen für südasiatische Köche zugesichert wurden. Doch bisher weigerte sich Downing Street, die Regeln für Migranten aus Nicht-EU-Ländern zu lockern.

Statt also den Arbeitskräftemangel der Branche zu lindern, wird der Brexit die Situation nun vermutlich verschärfen: Mit dem Austritt aus der EU wird auch der Zustrom osteuropäischer Arbeitskräfte versiegen, die in den vergangenen Jahren zunehmend die Lücken schlossen. «Seit dem Brexit schliessen sogar noch mehr Restaurants», sagt der Starkoch Oli Khan, Vizepräsident des Verbandes Bangladesh Caterers Association UK. «Wir kriegen nirgends Leute. Curry-Restaurants sind in Gefahr.»

Eine neue indische Küche

Der drohende Brexit ist allerdings nur das jüngste der Probleme, mit denen die südasiatischen Restaurants und Imbisse zu kämpfen haben. Den 12'000 britischen Curry-Häusern machen nämlich auch die Konkurrenz indischer Fertiggerichte aus dem Supermarkt zu schaffen sowie die hohen Transportkosten und steigenden Nahrungsmittelpreise wegen des niedrigen Pfundkurses.

Obwohl sie als indische Lokale gelten, werden die meisten Restaurants von Einwanderern aus Bangladesch und ihren Nachkommen geführt. Über die Jahre haben sie die südasiatischen Aromen an den britischen Geschmack angeglichen und eine neue Küche kreiert. So würden die Papadam eigentlich nicht vor dem Essen serviert, sagt Enam Ali, Inhaber des Le Raj in Epsom. Erst in Grossbritannien wurden die zarten Fladen aus Linsenmehl zum Appetizer, weil sie den Einheimischen das vor dem Essen gewohnte Brot ersetzen sollten.

Die Regierung soll was tun — schnell

Auch die in Kichererbsenteig frittierten Zwiebelhäufchen, so genannte Onion Bhajis, sind den bei Briten beliebten Zwiebelringen nachempfunden. Und das Hühnchengericht Chicken Tikka Masala ist inzwischen ein Nationalgericht wie Fish und Chips.

Auf dem Spiel steht Ali zufolge also weniger das kulinarische Erbe Bangladeschs als vielmehr ein Teil der britischen Küche. «Ich habe mein Leben in der Curry-Gastronomie verbracht und sehe mit eigenen Augen, wie sie verschwindet», klagt der Gastronom. «Ich finde wirklich, die Regierung sollte eingreifen, bevor es zu spät ist.»

Auch die Hotellerie macht sich Sorgen

Nicht nur indische Restaurants beobachten mit Unbehagen, wie Premierministerin Theresa May den Austritt aus der EU vorbereitet: Die britische Hightech-Branche fürchtet Personal-Engpässe bei Ingenieuren, Bauern bei den Obstpflückern und die Baubranche bei Bauarbeitern. Doch vor allem Gastronomie und Hotellerie machen sich Sorgen.

Nach einer Untersuchung der Beobachtungsstelle für Migration in Oxford arbeiten in der Gastronomie rund 89'000 Osteuropäer aus den neuen EU-Ländern. Nachdem 2016 viele Briten aus Unmut über den grossen Zustrom an Migranten für den Brexit votiert hatten, kündigte May eine härtere Gangart in Einwanderungsfragen an. Mit dem Brexit kann Grossbritannien die Einwanderung aus der EU begrenzen: «Der Austritt aus der EU erlaubt Grossbritannien, unser Einwanderungssystem selbst zu kontrollieren», hiess es in einer Erklärung des Innenministeriums.

Doch für Nicht-EU-Einwanderer wie aus Südasien gelten nach wie vor hohe Hürden. Zurzeit müssen sie eine Stelle in Grossbritannien mit umgerechnet mindestens 35'000 Pfund (etwa 43'400 Franken) Jahreseinkommen vorweisen können — das ist mehr, als viele Krankenschwestern verdienen.

Osteuropäer kochen jetzt indisch

Indische Restaurants mit meist moderaten Preisen können solche Löhne nicht bezahlen. In den vergangenen Jahren griffen diese Gastronomen daher auf Osteuropäer zurück, vor allem auf Polen und Rumänen: Von insgesamt 150'000 Beschäftigten der Branche kommen zwischen 5000 und 6000 aus Osteuropa.

Diese Küchenhilfen hatten manchmal Schwierigkeiten, mit ihren Chefköchen zu kommunizieren — zuweilen lernten die Köche extra ein paar Worte Rumänisch. Und viele hatten noch nie zuvor ein indisches Currygericht gesehen, im Gegensatz zu Einwanderern aus Südasien. Dafür hatten die Osteuropäer kein Problem damit, lange Stunden Gemüse zu schneiden und Geschirr zu waschen.

Aga Pozniak, Lehrerin aus dem polnischen Lodz, begann als Küchenhilfe und bedient nun Kunden im Taste of India. «In Polen war ich nie in einem indischen Restaurant, hatte also keine Ahnung von der indischen Küche», sagt sie. «Also habe ich alles hier gelernt. Als Küchenhilfe putzt man, schneidet Essen und bereitet es vor. Wenn man Paprika schneidet, ist es egal, ob für indisches oder polnisches Essen.»

Kinder von Restaurantbesitzer gehen zur Uni

Doch aus Mangel an Aufstiegschancen steigen Osteuropäer oft schnell auf andere Jobs um. Und die Restaurants, von denen viele seit Jahrzehnten von den gleichen Familien geführt werden, können inzwischen nicht mehr auf die nächste Generation zählen: Während die Eltern es zu Wohlstand brachten und in der britischen Gesellschaft ankamen, studierten viele ihrer Kinder Jura oder Medizin, statt in der Küche zu stehen.

Auch Sayem Ahmed besucht die Universität, er will das Taste of India zu einem Sterne-Restaurant machen und studiert daher Wirtschaft an der Middlesex University. Doch der 19-Jährige muss immer wieder in der Küche des Familienunternehmens aushelfen, um Lücken im Dienstplan zu überbrücken — Zeit, die ihm fürs Studium fehlt. «Ich würde sagen, die ganze Branche ist in Gefahr», warnt er. «Sie müssen sich echt mal Gedanken um uns machen.» (dapd)

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