Aktualisiert 24.02.2011 13:07

KonjunkturIndustrie trotzt dem hohen Franken

Die Schweizer Industriefirmen wollen die Produktion weiter erhöhen. Das überrascht: Erwartet wurde wegen dem hohen Franken das Gegenteil.

von
Hans Peter Arnold
Aufüzge von Schindler im Luxusschiff Costa Luminosa.

Aufüzge von Schindler im Luxusschiff Costa Luminosa.

Die Schweizer Industrie hat viel schneller aus der Krise gefunden, als allgemein erwartet. Auch nach der Erholung geht die Expansion weiter. Nicht nur ist die Kurzarbeit so schnell verschwunden wie sie gekommen war. Jetzt werden wieder mehr Stellen geschaffen. Im Februar haben die grössten Industriefirmen in der Schweiz fünf Prozent mehr Stellen ausgeschrieben als im Januar, wie 20 Minuten Online errechnet hat.

In die Zukunft weisen die Bestellungseingänge, wo es ebenfalls sehr gut aussieht. Die Einkaufsmanager der Industrie berichten über einen höheren Auftragsbestand. Die entsprechende Teilkomponente des Einkaufsmanagerindex stieg innert Monatsfrist um 1,9 Punkte und schloss auf 64,2 Punkten. Das ist der achtzehnte Monat in Folge mit zunehmendem Auftragseingang. «Die jüngste leichte Beschleunigung im Auftragseingang lässt Produktionssteigerungen in den kommenden Monaten erwarten,» teilen die Autoren des Schweizerischen Verbandes für Materialwirtschaft und Einkauf (SVME) und Credit Suisse mit.

Die Gründe für diesen erfreulichen Trend

Nachrichten von einzelnen Unternehmen bestätigen diesen Trend: Für 2011 erwartet Sulzer einen leicht höheren Bestellungseingang und ein Umsatzwachstum. Da die Schweizer Industrie den weitaus grössten Teil der Produktion exportiert, kann diese positive Entwicklung nicht allein mit dem Konsumboom im Inland erklärt werden. Vielmehr profitiert die hiesige Industrie vom Export. Das ist insofern erstaunlich, als der hohe Schweizer Franken für die Schweizer Unternehmen grundsätzlich ein Wettbewerbsnachteil bedeutet.

Doch: Die Schweizer produziert einerseits vornehmlich Spezialitäten, die weniger preissensibel reagieren. Andererseits profitiert die Schweiz von der robust wachsenden Weltwirtschaft, insbesondere vom Boom in den Schwellenländern. Zudem kommt endlich die Europäische Union (EU) auf Touren.

Endlich erwacht auch Europa

Die EU als wichtigste Export-Region der Schweiz hat soeben eine steigende Industriekonjunktur vermeldet. Der provisorische Index der europäischen Einkaufsmanager erreicht im Februar 61,1 Punkte (Januar: 59,4). Das ist der höchste Wert seit Juni 2000. Der Gesamtindex des Industrie- und Dienstleistungssektors stieg ebenfalls; und zwar um 1,4 Punkte auf den höchsten Wert seit Juli 2006.

«Die Industrieunternehmen schufen insgesamt so viele neue Arbeitsplätze wie seit Juni 2000 nicht mehr. Im Servicesektor stieg die Beschäftigung hingegen weitaus langsamer,» meint Chris Williamson, Chefökonom des Datenanbieters Markit Economics. Deutschland sei Spitzenreiter vor Frankreich, wo sich der Jobaufbau zwar beschleunigte. Williamson: «Deutschland läuft es nach wie vor prächtig. Besonders erfreulich ist zudem, dass auch die Wachstumsunterschiede innerhalb der Eurozone wieder verringern.»

Swissmem-Präsident Hans Hess warnt davor, dass viele Schweizer Industriebetriebe die Frankenstärke nicht überleben werden.

Swissmem jammert über Frankenstärke

Obwohl die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie im letzten Quartal 2010 bei den Bestellungseingänge um 29 Prozent und beim Umsatz um 5,9 Prozent zulegen konnte, warnt der Verband Swissmem vor zu viel Euphorie. Die Frankenstärke würde die positiven Effekte der wirtschaftlichen Erholung untergraben. Eine Umfrage unter den Verbandsmitgliedern habe ergeben, dass mehr als die Hälfte (54%) der antwortenden Firmen «stark negativ» von der Abwertung des Euro betroffen sei. 33 Prozent gaben an, «mittelmässig stark» betroffen zu sein.

Swissmem fordert darum den Bundesrat u.a. dazu auf, die Freihandelsabkommen mit China und Indien möglichst schnell abschliessen. Auch die Personenfreizügigkeit dürfe nicht angetastet werden. Zudem müssten Importeure ihre währungsbedingten Gewinne an die Kunden.

Im Gesamtjahr 2010 verzeichnete die Elektro- und Metallbranche einen um 16,4 Prozent höheren Bestellungseingang und fast gleichbleibenden Umsatz (-1 Prozent). Vom Vorkriseniveau ist die Branche aber noch weit entfernt: Im Vergleich zu 2008 beträgt der Umsatzrückgang 21 Prozent. (sda/sas)

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