Vermeidbares Leid: Infektionen im Spital töten jährlich 91'000 Patienten
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Vermeidbares LeidInfektionen im Spital töten jährlich 91'000 Patienten

Wer ins Spital muss, hofft darauf, es später gesund verlassen zu können. Doch pro Jahr infizieren sich dort 2,6 Millionen Menschen mit sogenannten Spitalkeimen.

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In Europa sterben jedes Jahr etwa 90'000 Menschen, weil sie sich im Spital eine Infektion eingefangen haben. Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschern des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

In Europa sterben jedes Jahr etwa 90'000 Menschen, weil sie sich im Spital eine Infektion eingefangen haben. Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschern des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

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Die Wissenschaftler gehen von insgesamt 2,6 Millionen Infektionen aus, die sich Patienten erst in einer Klinik zuzogen.

Die Wissenschaftler gehen von insgesamt 2,6 Millionen Infektionen aus, die sich Patienten erst in einer Klinik zuzogen.

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Zu den häufigsten gehören Harnwegs- und Wundinfektionen, Lungenentzündungen und Blutvergiftungen, wie die Forscher im Fachblatt «Plos Medicine» berichten.

Zu den häufigsten gehören Harnwegs- und Wundinfektionen, Lungenentzündungen und Blutvergiftungen, wie die Forscher im Fachblatt «Plos Medicine» berichten.

Keystone/Christian Beutler

In den Kliniken Europas sterben nach einer neuen Studie hochgerechnet 91'000 Patienten pro Jahr an Spitalinfektionen.

Die Forscher gehen von insgesamt 2,6 Millionen Infektionen aus, die sich Patienten erst in einem Spital zuzogen.

Zu den häufigsten gehören Lungenentzündungen, Sepsis (Blutvergiftung), Harnwegs- und Wundinfektionen, wie die Forscher im Fachblatt «Plos Medicine» berichten. Ein Drittel dieser Infektionen gilt als vermeidbar – zum Beispiel durch bessere Hygiene.

Daten aus 30 Ländern

«Die Studie ist in meinen Augen die beste, die ich zu diesem Thema gesehen habe, nicht nur in Europa», sagte Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Spitalinfektionen an der Berliner Charité. «Das deckt sich auch mit unseren Annahmen.»

Für ihre Studie haben die Forscher um Alessandro Cassini vom Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) vor allem auf Daten dieses Zentrums zurückgegriffen. Sie wurden 2011/12 in 30 europäischen Ländern mit insgesamt 510 Millionen Einwohnern erhoben. Die Schweiz war nicht darunter.

Eine Frage der Definition

Als Basis für die Auswertung dienten am Ende die Daten von rund 274'000 Patienten in rund 1150 Akutspitälern. Bei den Hochrechnungen wurden Spitalinfektionen, die durch multiresistente Erreger ausgelöst wurden, bewusst nicht separat ausgewiesen. Sie sind in die Gesamtzahl eingeflossen. In der Studie seien 85 bis 90 Prozent der in den 30 Ländern vorkommenden Spitalinfektionen erfasst worden, sagt Expertin Gastmeier.

Eine solche bekommt ein Patient per Definition in einer Klinik. «Er hatte sie noch nicht, als er aufgenommen wurde, und er war auch noch nicht mit diesen Erregern infiziert», erläutert Gastmeier. «Am ersten und zweiten Tag in einer Klinik sind es in der Regel mitgebrachte Infektionen, ab Tag drei gilt es als Krankenhausinfektion», ergänzt sie. Das heisse aber nicht, dass ab dem dritten Tag automatisch Klinikmitarbeiter die Schuld daran trügen.

Eintrittsschienen in den Körper

Denn die Gründe für diese Infektionen sind vielfältig. Klinik-Patienten benötigen oft invasive Untersuchungen oder Therapien: Sie bekommen zum Beispiel Katheter gelegt oder werden an Beatmungsgeräte angeschlossen. «Das alles sind Eintrittsschienen für Erreger in den Körper», sagt Gastmeier.

Oft seien es gar keine fremden Keime aus der Umgebung. «Jeder von uns schleppt Billionen Bakterien mit sich herum», erläutert die Hygieneärztin. «Zum Beispiel auf unserer Haut oder im Darm - und die dringen dann in den Körper ein.» Je länger ein Katheter liege, desto grösser sei das Risiko dafür.

Zwar hätten viele Kliniken in Deutschland die Händehygiene verbessert und es gebe mehr geschultes Personal. «Doch die Patienten werden immer älter und kränker und damit noch anfälliger für Infektionen», berichtet Gastmeier. Mit einem Rückgang der Spitalinfektionen in Deutschland sei daher kaum zu rechnen. (fee/sda)

Was Tasmanische Teufel mit multiresistenten Keimen zu tun haben

Nach neuen Erkenntnissen australischer Forscher könnten Beuteltiere bei der Bekämpfung von multiresistenten Keimen helfen. Ein Team der University of Sydney fand heraus, dass die in der Muttermilch des Tasmanischen Teufels vorhandenen Peptide besonders widerstandsfähige Bakterien abtöten.

Die Tiere tragen ihren Nachwuchs, der mit einem unterentwickelten Immunsystem zur Welt kommt, in ihrem Beutel, bis die Entwicklung abgeschlossen ist. Auch dort befinden sich Bakterien. «Wir glauben, dass dies zu einer Ausbreitung der Peptide bei den Beuteltieren geführt hat», sagte Emma Peel von der University of Sydney, die an der Untersuchung beteiligt war, der Nachrichtenagentur AFP. Beuteltiere besitzen demnach mehr antimikrobielle Peptide als andere Säugetiere.

Die Forscher stellten nun die Peptide künstlich her, nachdem sie die dafür nötige Sequenz aus dem Erbgut des Tasmanischen Teufels gewonnen hatten. Das Ergebnis: Die Peptide hätten «resistente Bakterien und andere Bakterien getötet» - darunter Staphylokokken und Enterokokken, die gegen starke Antibiotika resistent sind. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler wurden im Fachmagazin «Scientific Reports» veröffentlicht.

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