England – Infizierte müssen nicht mehr in Isolation – Experten kritisieren Johnson scharf
Publiziert

EnglandInfizierte müssen nicht mehr in Isolation – Experten kritisieren Johnson scharf

Im grössten britischen Landesteil England werden sich Corona-Infizierte nicht mehr isolieren müssen. Experten kritisieren das Vorgehen von Premierminister Boris Johnson scharf.

1 / 8
Der britische Premierminister Boris Johnson will am Montag seinen Plan für ein «Leben mit Covid» vorstellen.

Der britische Premierminister Boris Johnson will am Montag seinen Plan für ein «Leben mit Covid» vorstellen.

imago images/NurPhoto
Zentraler Bestandteil ist, dass sich Corona-Infizierte im grössten Landesteil England nicht mehr selbst isolieren müssen.

Zentraler Bestandteil ist, dass sich Corona-Infizierte im grössten Landesteil England nicht mehr selbst isolieren müssen.

imago images/NurPhoto
Unter Experten und Expertinnen stiessen Johnsons Pläne auf Kritik.

Unter Experten und Expertinnen stiessen Johnsons Pläne auf Kritik.

imago images/NurPhoto

Darum gehts

Der britische Premierminister Boris Johnson will das Coronavirus künftig anderen Infektionskrankheiten gleichstellen und auch die letzten staatlichen Massnahmen aufheben. Wie Downing Street ankündigte, wollte Johnson noch am Montag (16.30 Uhr MEZ) im Parlament seinen Plan für ein «Leben mit Covid» vorstellen. Zentraler Bestandteil ist, dass sich Corona-Infizierte im grössten Landesteil England nicht mehr selbst isolieren müssen, wie britische Medien berichteten. Die Pläne stiessen schon vor ihrer Veröffentlichung auf Kritik. Johnsons Ankündigung wurde zudem von der Corona-Infektion von Queen Elizabeth II. (95) überschattet.

«Der heutige Tag markiert einen Moment des Stolzes nach einer der schwierigsten Zeiten in der Geschichte unseres Landes, indem wir beginnen zu lernen, mit Covid zu leben», sagte der konservative Regierungschef der Mitteilung zufolge. Zuvor hatte er bereits so gut wie alle anderen Corona-Regeln aufgehoben. Schottland, Wales und Nordirland entscheiden eigenständig über ihre Massnahmen und gehen oft einen etwas vorsichtigeren Weg als England, das keine eigene Regionalregierung hat.

Johnson appelliert an Eigenverantwortung

Kritikerinnen und Kritiker werfen Johnson vor, mit der Ankündigung vor allem parteiinterne Gegner wieder auf seine Seite ziehen zu wollen. Tory-Hardliner fordern seit Wochen ein Ende der Corona-Regeln. Mit dem früheren Brexit-Minister David Frost setzt ein weiteres Schwergewicht der Konservativen Partei den Premier seit Wochen unter Druck, alle staatlichen Vorschriften zu beenden. Johnson wird wegen der «Partygate»-Affäre um Lockdown-Partys in der Downing Street auch aus den eigenen Reihen zum Rücktritt aufgefordert.

Johnson betonte gegenüber der BBC zwar, dass vor allem für Ungeimpfte Covid eine gefährliche Krankheit bleibe, sagte aber: «Dank der unglaublichen Impfkampagne sind wir der Rückkehr zur Normalität jetzt einen Schritt näher gekommen und geben den Menschen endlich ihre Freiheit zurück, während wir uns und andere weiterhin schützen», sagte Johnson. Er appelliert an die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger.

Experten warnen vor massivem Anstieg der Fallzahlen

Unter Experten und Expertinnen stiessen Johnsons Pläne auf Kritik. «Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist», sagte der Experte für öffentliche Gesundheit, Azeem Majeed, der Deutschen Presse-Agentur. «Aber wenn die Leute weiterhin vernünftig sind und sich weiter isolieren, wenn sie Symptome haben, werden die Auswirkungen erst mal überschaubar sein.» Grössere Sorgen macht sich der Mediziner mit Blick auf den nächsten Herbst und Winter, wenn nicht nur Viren Hochsaison haben, sondern auch die Immunität vieler Menschen durch Impfungen oder vorherige Infektionen abnimmt und dann Infizierte «frei zirkulieren».

Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die auch für das Beratungsgremium Sage arbeitet, warnte, das Ende der Isolationspflicht und das ebenfalls erwartete Ende von frei verfügbaren Schnelltests können zu «einer Rückkehr zu einem rapiden epidemischen Wachstum» führen. Die Modellierer teilten mit, die Infektionen könnten dadurch um 25 bis 80 Prozent zunehmen. Den an der Universität Warwick berechneten Modellierungen zufolge, tragen Massnahmen wie Isolation, Testen und Maskentragen sowie verstärktes Arbeiten von zu Hause dazu bei, das Ansteckungsrisiko um 20 bis 45 Prozent zu reduzieren.

Kritik kam auch von der Opposition. Der Labour-Gesundheitspolitiker Wes Streeting sagte am Sonntag dem Sender Sky News, die kostenlosen Tests abzuschaffen sei, als ob man in einem Fussballspiel zehn Minuten vor Spielende seinen besten Verteidiger austausche. Zuvor hatten sich bereits leitende Vertreter des britischen Gesundheitsdienstes NHS dagegen ausgesprochen, die Verfügbarkeit von kostenlosen Schnelltests zu beenden. Diese können bislang online nach Hause bestellt oder in Apotheken abgeholt werden.

My 20 Minuten

(DPA/job)

Deine Meinung

26 Kommentare