Konzernverantwortung: Initianten greifen Glencore mit «vergiftetem Kind» an
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KonzernverantwortungInitianten greifen Glencore mit «vergiftetem Kind» an

Das Komitee hinter der Konzernverantwortungsinitiative geht in die Offensive: Seine emotionale Kampagne zielt auf den Rohstoffriesen Glencore. Dieser wehrt sich.

von
Pascal Michel
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Mit diesem Plakat wirbt das Komitee für seine Initiative.

Mit diesem Plakat wirbt das Komitee für seine Initiative.

KVI
Dafür hat es mehrere Hunderttausend Franken gesammelt.

Dafür hat es mehrere Hunderttausend Franken gesammelt.

KEYSTONE
«Wir wollen sichtbar machen, welche skrupellosen Konzerne die Konzernverantwortungsinitiative in Zukunft stoppen kann», sagt Alt-Ständerat und Co-Präsident des Initiativkomitees Dick Marty.

«Wir wollen sichtbar machen, welche skrupellosen Konzerne die Konzernverantwortungsinitiative in Zukunft stoppen kann», sagt Alt-Ständerat und Co-Präsident des Initiativkomitees Dick Marty.

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Darum gehts

  • Letzte Woche brachten sich die Gegner der Konzernverantwortung in Stellung.
  • Jetzt starten die Initianten ihre Kampagne.
  • Sie greifen den Rohstoffhändler Glencore mit einem emotionalen Sujet frontal an.
  • Glencore wehrt sich gegen die Vorwürfe.

Leerer Blick, feuchte Augen, zerzaustes Haar: Das peruanische Mädchen leidet sichtlich unter den Zuständen in der Stadt Cerro de Pasco, deren Luft, Wasser und Erde von einer Glencore-Mine verschmutzt werden sollen. Über seinem Kopf prangt die Aufschrift: «Trinkwasser verseucht, Kind vergiftet, Rohstoffkonzern haftet.»

Mit diesem emotionalen Plakatsujet eröffnen die Initianten der Konzernverantwortungsinitiative ihren Abstimmungskampf, seit Montag hängen die Plakate des Pro-Lagers. Dies lassen sie sich einiges kosten: In einem Crowdfunding sammelten sie 650’000 Franken für Plakate. Um neben der Vollplakatierung der Konzerne nicht unsichtbar zu sein, wie es in einem Mailaufruf im Juni hiess. Über Geld sprechen wollen die Initianten jetzt aber nicht mehr: «Zur Höhe des Gesamtbudgets oder einzelner Massnahmen äussern wir uns nicht, weil es ungleich lange Spiesse schafft, wenn eine Seite transparent ist, aber die andere nicht.»

«Mine vergiftet die ganze Stadt»

Beim Mädchen, das Passanten traurig entgegenblickt, handelt es sich indes um ein «Symbolbild», wie es im Kleingedruckten heisst. «Zum Schutz der betroffenen Familie haben wir uns entschieden, mit einem Symbolbild zu arbeiten», sagt Oliver Heimgartner, Verantwortlicher Engagement. Das Plakat sei eine Kombination aus dem Bild des Mädchens und der Mine, die im Rahmen der Recherche in Cerro de Pasco im Herbst 2019 vor Ort entstanden sei. «Das Plakat zeigt die reale Situation in Cerro de Pasco: Eine riesige Glencore-Mine vergiftet die ganze Stadt mit Schwermetallen, die vor allem für Kinder besonders gefährlich sind.»

Mit dem Plakat zielen die Initianten direkt auf den im Kanton Zug ansässigen Rohstoffhändler Glencore. Dieser kontrolliert die Firma Volcan, die in Cerro de Pasco seit 1999 eine Zinkmine betreibt. Glencore ist seit 2017 beteiligt. Laut den Initianten der Konzernverantwortungsinitiative hat Volcan die Umwelt massiv durch Blei und Arsen verschmutzt. Deshalb sei die Lebenserwartung der Einwohner fünf Jahre tiefer als in anderen peruanischen Städten.

«Wir wollen sichtbar machen, welche skrupellosen Konzerne die Konzernverantwortungsinitiative in Zukunft stoppen kann», sagt Dick Marty, Alt-Ständerat und Co-Präsident des Initiativkomitees.

Kind soll Augenkrebs bekommen haben

In einem Hintergrundtext zitieren die Initianten die Mutter des achtjährigen Benjamin aus der Region: «Es fing damit an, dass er immer Nasenbluten hatte. Wir dachten zuerst, das sei normal. Dann bekam er Augenkrebs, es wurde ihm ein Auge entfernt, er hat seitdem ein Glasauge. Aber dann hat das Nasenbluten wieder angefangen, ich ging mit ihm ins Kinderspital nach Lima, und dort endlich sagten sie mir, dass Benjamin viel zu hohe Blei- und Arsenwerte im Blut habe.» Die Initianten sprechen von 2000 betroffenen Kindern.

Das sagt Glencore

Glencore schreibt auf Anfrage, die Vorwürfe des Initiativkomitees weise man entschieden zurück. «Glencore hält seit November 2017 eine Mehrheitsbeteiligung an Volcan. Nach dem Erwerb hat Glencore zusammen mit Volcan rasch an Verbesserungen vor Ort gearbeitet.» Das Unternehmen betont, die Mine sei über 100 Jahre alt. In einer früheren Stellungnahme hiess es dazu: «Wir sind uns bewusst, dass frühere Abbaupraktiken während der langen Geschichte des Betriebs von Cerro de Pasco möglicherweise Auswirkungen auf die Umwelt hatten.»

Im November 2019 habe Volcan bekannt gegeben, dass Volcan den Cerro-de-Pasco-Betrieb verkaufe, so eine Sprecherin nun zu 20 Minuten. Voraussetzung für den Verkauf sei, dass der Käufer über ausreichende Mittel verfüge, um die Verbesserungen fortzuführen. Zur Kritik der Initianten, auch seit der Übernahme von Volcan hätten sich die Zustände nicht gebessert, schreibt Glencore: «Diese Behauptung basiert auf einer Studie, die wissenschaftlich nicht nachvollziehbar ist.»

Die Initiative

Die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) verlangt, dass Unternehmen mit Sitz in der Schweiz die Menschenrechte und internationale Umweltstandards auch im Ausland respektieren müssen. Verletzt eine Schweizer Firma im Ausland diese Rechte, soll sie dafür haftbar gemacht werden können. Sprich: Menschen, die im Ausland von einer Schweizer Firma geschädigt wurden, sollen hier auf Schadenersatz klagen können. Einzige Ausnahme von der Haftungsregelung: Wenn die Firma nachweisen kann, dass sie ihren Sorgfaltspflichten nachgekommen ist.

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