Fleischwirtschaft: Initiative will Massen-Tierhaltung verbieten
Aktualisiert

FleischwirtschaftInitiative will Massen-Tierhaltung verbieten

Glücklichere Tiere per Volksentscheid: Die Pläne einer Schweizer Denkfabrik irritieren Bauern und Fleischwirtschaft.

von
J. Büchi
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In der Schweiz dürfen maximal 18'000 ausgewachsene Masthühner in einem Betrieb untergebracht werden - für jüngere Hühner gilt ein Maximum von 27'000 Tiere. Für die Stiftung Sentience Politics sind das zu viele.

In der Schweiz dürfen maximal 18'000 ausgewachsene Masthühner in einem Betrieb untergebracht werden - für jüngere Hühner gilt ein Maximum von 27'000 Tiere. Für die Stiftung Sentience Politics sind das zu viele.

tier-im-fokus.ch
Geht es nach der Denkfabrik, soll die Massentierhaltung in der Schweiz verboten werden. Laut Sentience-Politics-Mitgründer Adriano Mannino laufen derzeit die Arbeiten an einer entsprechenden Volksinitiative.

Geht es nach der Denkfabrik, soll die Massentierhaltung in der Schweiz verboten werden. Laut Sentience-Politics-Mitgründer Adriano Mannino laufen derzeit die Arbeiten an einer entsprechenden Volksinitiative.

ZVG
Bauernpräsident Markus Ritter (CVP) betont, im Gegensatz zur EU oder zu den USA seien die Höchstbestände pro Betrieb bei uns schon heute klar definiert. So dürften «Hennen und Sauen bei uns nicht zu Riesenherden zusammengepfercht werden». «Die Initianten zielen mit ihrer Forderung an der Realität in der Schweiz vorbei.»

Bauernpräsident Markus Ritter (CVP) betont, im Gegensatz zur EU oder zu den USA seien die Höchstbestände pro Betrieb bei uns schon heute klar definiert. So dürften «Hennen und Sauen bei uns nicht zu Riesenherden zusammengepfercht werden». «Die Initianten zielen mit ihrer Forderung an der Realität in der Schweiz vorbei.»

Keystone/Lukas Lehmann

Mit ihrer Forderung nach veganen Kantinen-Menüs sorgte die Denkfabrik Sentience Politics vor zwei Jahren in Basel und Zürich für Furore. Nun wird die Stiftung erstmals auf nationaler Ebene politisch aktiv: Mit einer Volksinitiative will sie die «Abschaffung der Massentierhaltung» erzwingen. Dies geht aus einer Ausschreibung hervor, mit der die Gruppierung einen Kampagnenleiter für das Projekt sucht.

«In der Schweiz werden jährlich über 60 Millionen nichtmenschliche Tiere gezüchtet und getötet», heisst es darin. Für die Mehrheit der Tiere sei dies mit «enormem Leid» verbunden. Die Initiative wolle deshalb alle Haltungsformen verbieten, «die den Grundbedürfnissen der Tiere nicht gerecht werden». Adriano Mannino, ein Mitgründer des Think-Tanks, bestätigt auf Anfrage: «Ein juristisches Team arbeitet derzeit intensiv am Initiativtext, Ziel ist eine Lancierung im nächsten Jahr.» Bereits wird auch per Crowdfunding Geld gesammelt.

«Tiere erleiden Höllenqualen»

Der Profitdruck in der Fleischwirtschaft führe heute etwa dazu, dass Millionen von Küken in ihren ersten Lebenstagen qualvoll vergast und geschreddert würden, kritisiert er. Bis zu 18'000 Hühner lebten zusammen in einem Stall. Beim Schlachten schliesslich passierten wegen des Zeitdrucks Fehler: Mannino verweist auf eine deutsche Studie, wonach über vier Prozent der Rinder nach dem Bolzenschuss noch bei Bewusstsein sind. In Einzelfällen atmeten Schweine gar noch, wenn ihnen im Brühbad die Borsten abgezogen würden. «Diese Tiere erleiden Höllenqualen. Das ist Tierquälerei – eine unnötige Schädigung leidensfähiger Lebewesen.»

In kleineren Betrieben mit weniger Tieren könnte die Tierwürde eher gewahrt werden, ist der studierte Philosoph überzeugt. Wie der Begriff der «Massentierhaltung» im Initiativtext definiert werden soll, kann er jedoch noch nicht sagen. «Wir wollen dem Gesetzgeber hier einen gewissen Spielraum lassen. Denkbar wäre, dass die Mindeststandards so heraufgesetzt würden, dass sie den heutigen Anforderungen an Label-Höfe entsprächen.»

«An der Realität vorbei»

In der Schweiz ist die maximale Zahl an Nutztieren pro Betrieb schon heute klar begrenzt (siehe Box). CVP-Nationalrat und Bauernpräsident Markus Ritter sagt: «Genau das ist ja ein Markenzeichen der Schweizer Landwirtschaft.» Im Gegensatz zur EU oder zu den USA dürften «Hennen und Sauen bei uns nicht zu Riesenherden zusammengepfercht» werden. Die Initianten zielten mit ihrer Forderung an der Realität in der Schweiz vorbei.

Werde die erlaubte Anzahl Tiere pro Betrieb weiter reduziert, verschärfe dies den Wettbewerbsnachteil der Schweizer Produzenten und mache getätigte Investitionen wertlos, gibt Ritter zu bedenken. «Die Folgen wären höhere Preise für Schweizer Eier und Fleisch – der Konsument würde auf günstigere Produkte aus dem Ausland zurückgreifen, die unter deutlich schlechteren Bedingungen hergestellt wurden.» Darauf verweist auch Proviande. Bis der Initiativtext vorliegt, will sich die Branchenorganisation der Fleischwirtschaft aber noch nicht im Detail zur Forderung äussern.

«Utopisch»

Sympathien für das Anliegen hat Nationalrat Bastien Girod (Grüne). Auch er warnt jedoch vor der Gefahr eines «Tierschutz-Dumpings» durch Import-Fleisch. Wenn, dann müssten die Mindeststandards auch für Produkte aus dem Ausland gelten. Auch die Interessen der Schweizer Bauern müssten gewahrt werden: «Wir können nicht verlangen, dass Landwirte jedes Mal einen neuen Stall bauen, wenn die Tierschutzvorschriften angepasst werden.»

Der Schweizer Tierschutz STS schliesslich begrüsst es, wenn die Initiative eine Diskussion zum Thema Tierwohl lostreten kann. Sprecherin Helen Sandmeier bezeichnet die Forderung jedoch als «utopisch».

Maximal 27'000 Mastpoulets pro Hof

Wie viele Tiere in einem Betrieb leben dürfen, ist in der Schweiz klar geregelt: So gilt für Mastschweine eine Obergrenze von 1500 Tieren. Für Legehennen und ausgewachsene Masthühner liegt das Maximum bei 18'000 Tieren. Noch etwas höher ist die Grenze bei jungen Mastpoulets angesetzt – vor dem 28. Masttag dürfen bis zu 27'000 Tiere pro Betrieb untergebracht werden.

Auch wie viel Platz jedes Tier braucht, ist in der Schweiz genau definiert. So muss etwa ein Schwein je nach Gewicht eine Fläche zwischen 0,6 und 1,65 Quadratmeter zur Verfügung haben. In der Pouletmast dürfen auf einem Quadratmeter rund 15 Tiere gehalten werden.

In der EU fehlen solch detaillierte Vorschriften und Mindestmasse, wie es beim Schweizer Tierschutz auf Anfrage heisst. Auch seien in der Schweiz «die allermeisten schmerzhaften Eingriffe verboten», während in der EU Ferkel ohne Betäubung kastriert werden dürfen. Das Coupieren von Schweineschwänzchen oder Hühnerschnäbeln sowie das Herausbrechen von Zähnen bei Ferkeln sei in der Europäischen Union – anders als in der Schweiz – ebenfalls zulässig.

(jbu)

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