Aktualisiert 20.03.2012 09:45

«Mer hole dini Chole!»

Inkasso all'arrabbiata

Hausbesuche, Drohungen, Internetpranger: Auf dem boomenden Schweizer Geldeintreiber-Markt tummeln sich immer mehr schwarze Schafe. Verband und Konsumentenschutz fordern Regeln.

von
Joel Bedetti

Die selbsternannten

«Popstars der Inkassoszene» kommen in die Schweiz. Zumindest lässt dies die unfertige Website moskau-inkasso.ch vermuten. «Mer hole dini Chole!», werben die Urheber mit roten Buchstaben. Kriegen Schweizer Schuldner ab jetzt Besuch von bulligen Typen in Lederjacken und Ziegenbärten?

Nachfrage bei der Moskau Inkasso International: «Das sind Trittbrettfahrer, die haben nichts mit uns zu tun», sagt Geschäftsführer Horst Breuer. Moskau Inkasso habe bereits einen Mann in der Schweiz. Der will zwar kein Interview geben, so Breuer, aber die Nachfrage nach der härteren Gangart sei hierzulande am Wachsen. «Die Schweizer zahlen sehr schnell, wenn man Druck macht», weiss er.

Das Auftreten von Moskau-Inkasso-Nachahmern ist keineswegs Zufall. In der Schweiz ist die Branche der Geldeintreiber nicht reguliert. «Krethi und Plethi darf Rechnungen eintreiben», sagt Janine Jakob vom Konsumentenschutz. Im Inkassowesen, das mit der steigenden Verschuldung und der sinkenden Zahlunsgmoral einen Boom erlebt, tummeln sich zunehmend kleine, unseriöse Firmen, die wenig zimperlich gegen Schuldner vorgehen.

Wie im Mittelalter

Sowohl Schuldenberater als auch der Inkasso-Verband VSI können davon ein Lied singen. «Diese Firmen versprechen ihren Kunden, effizienter als die 'schlaffen', aber seriösen Firmen vorzugehen», sagt Robert Simmen, Geschäftsführer des VSI. «Wir bekommen zunehmend Klagen über rabiate Methoden zu hören», so Simmen. Das reiche von Hausbesuchen à la Moskau Inkasso Team bis hin zu Drohungen, Schuldner auf Twitter an den digitalen Pranger zu stellen.»

Damit meint Simmen ein Berner Inkassounternehmen, das gepfändete Personen oder Schuldner, die man nicht mehr auftreiben kann, in einem eigenen Twitter-Kanal publiziert. Der Geschäftsführer des Unternehmens versichert zwar, lediglich Informationen, die bereits im Handelsamtsblatt veröffentlicht seien, zu verbreiten. Simmen vom VSI sieht darin trotzdem «einen Pranger wie im Mittelalter, zudem völlig unnötig.»

Mario Roncoroni von der Berner Schuldenberatung sieht damit sogar die Persönlichkeitsrechte der Schuldner verletzt, «vor allem bei Beträgen von einigen Dutzend Franken.»

«Aussendienst» übernehmen

Von Hausbesuchen à la Moskau Inkasso wissen zwar weder die kantonalen Schuldenberatungen noch der VSI zu berichten - angeboten werden die Dienstleistungen aber. Milan Milic von der Inkassulution erhielt im Februar von der Eintreiberfirma VSH in Dachau (Bayern) ein Mail. Die Firma, die ihre Mitarbeiter mit Vorliebe aus Polizei, Sicherheitsdiensten und Bundeswehr rekrutiert, anerbot sich, den «Aussendienst» zu übernehmen. «Da leider Schuldner auf Briefe nicht antworten, kann durch eine persönliches Auftreten eine höhere Chance machen», radebrecht der VSH-Geschäftsführer Sascha Hoffmann im Mail. Gegenüber 20 Minuten Online sagt er: «Wir sind vor zwei Jahren in die Schweiz expandiert und arbeiten bereits mit sieben Inkassobüros in der Schweiz zusammen», sagt VSH-Geschäftsführer Sascha Hoffmann. Mit welchen, sagt er nicht.

Häufiger als Hausbesuche sind nach Janine Jakob vom Konsumentenschutz folgende Methoden: Firmen prüfen die Rechtmässigkeit der Schulden nicht, treiben also auch Geld von Trickbetrügern ein. Manche Firmen verzichten gar darauf, vor der Betreibung eine Mahnung zu schicken oder drohen mit dubiosen rechtlichen Schritten oder damit, dass ein Anwaltsbüro eingeschaltet sei. «Dabei können sie nicht mehr als betreiben!», klärt Barbara Mantz von der Caritas-Schuldenberatung Zürich auf.

Strengere Regeln

Der Inkassoverband VSI und der Konsumentenschutz arbeiten nun auf eine strengere Regulierung des Markts hin. «Wir arbeiten derzeit Richtlinien für seriöse Inkassofirmen aus», sagt Robert Simmen vom VSI. Da die unseriösen sich nicht im Verband befänden, so Simmen, bräuchte es aber eine Gesetzesänderung, um schwarze Schafe vom Markt fernzuhalten. «Wir überlegen, wie wir das am besten anpacken», so Simmen.

Für Mario Roncoroni von der Berner Schuldenberatung sind die Schwarzen Schafe aber nicht das einzige Problem. Auch seriöse Inkassofirmen und Steuerämter würden die Schraube anziehen. «Kürzlich zogen in zwei Fällen die Gläubigervertreter Streitfälle um das neue Vermögen eines Konkurs gegangenen Schuldners bis zum bitteren Ende durch, was auch nicht häufig passiert.» Roncoroni vermutet, dass der Konkurrenzkampf im Inkassowesen die Unternehmen dazu verleite zu zeigen, wie hart sie sind.

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Jeder kann betreiben

Die Hürden, jemanden zu betreiben, sind tief. Betreibungsämter überprüfen nicht die Rechtmässigkeit einer Forderung. «Deshalb gibt es immer wieder sogenannte Rachebetreibungen», sagt Janine Jakob vom Konsumentenschutz. Erst wenn die Betriebenen Rechtsvorschlag erheben, überprüft das Gericht die Forderung. Der Eintrag im Betreibungsregister, der einen bei der Wohnungs- und Jobsuche behindert, ist jedoch selbst bei unrechtmässigen Forderungen schwer zu löschen. Wenn sich der Urheber der Betreibung weigert, muss der Betroffene ein zeitraubendes Gerichtsverfahren eröffnen. Im Nationalrat ist derzeit eine parlamentarische Initiative hängig, welche die Streichung aus dem Register erleichtern will.

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