Aktualisiert 07.02.2014 15:52

Ungleiche Geschwister«Ins Kloster zu gehen, ist offenbar komisch»

Urban Federer leitet das Kloster Einsiedeln, Barbara Schmid-Federer ist CVP-Nationalrätin. Die einflussreichen Geschwister über katholische Prägung, leere Kirchen und Abtreibungen.

von
Simon Hehli

Frau Schmid, hätten Sie sich je vorstellen können, Nonne zu werden?

Schmid: Nein, das habe ich mir nie überlegt. Mir war immer klar, dass ich eine Familie gründen wollte.

Waren Sie in Ihrer Kindheit überhaupt religiös geprägt?

Schmid: Als Kind spürte ich, was es bedeutet, in der reformierten Stadt Zürich zur katholischen Minderheit zu gehören. Deshalb setze ich mich heute für religiöse Minderheiten ein.

Abt Urban: Wir wurden nicht speziell religiös erzogen. Ich hätte als Kind nicht mal gewusst, was ein Kloster ist. Deshalb hätte ich mir nie vorstellen können, Mönch zu werden.

Wie kam es dazu, dass sich das änderte?

Abt Urban: Ich machte die Matura an der Stiftsschule Einsiedeln – hier waren die Skipisten am nächsten. Als ich hierher kam, engagierte ich mich wie zuvor im Sport und in der Musik. Dank dieses Engagements begann mich das klösterliche Leben zu faszinieren. Es war ein Prozess, den meine Familie und Freunde gar nicht richtig mitbekamen. Als ich mich entschied, Mönch zu werden, meinte ein Teil der Freunde: Der spinnt doch!

Dachten Sie das auch, Frau Schmid?

Schmid: Im ersten Moment sind wir erschrocken. Es bedeutete, dass mein Bruder uns für immer verlässt. Ich habe aber schnell gemerkt, dass Urban glücklich ist.

War Politik in der Familie ein grösseres Thema als Religion?

Schmid: Nein, ich empfand unsere Familie als nicht speziell politisch und habe auch bis 30 kaum Zeitung gelesen.

Abt Urban: Ich habe als Jugendlicher gerne diskutiert. Ich las oft die Zeitung.

Schmid: Unsere Wege waren nicht von Anfang an klar: Urban war offenbar politischer als ich (lacht).

Abt Urban: Was uns verbindet, ist das Engagement für die Gesellschaft. Ich war früher Pfadiführer.

Schmid: Und ich Synchronschwimm-Trainerin. Das Engagement haben wir vom Elternhaus mitbekommen.

Wie wurde aus der apolitischen Barbara eine Nationalrätin?

Schmid: Es gab zwei prägende Ereignisse. 1992 lebte ich in Frankreich – und verlor wegen des Neins zum EWR meinen Job dort. Das hat mich sehr getroffen, auch weil ich das Nein falsch fand. Als ich Mutter wurde, merkte ich, dass in der Schweiz familienpolitisch wenig passiert. Da dachte ich: Ich will mitreden – und fand in der CVP die einzige Partei, die sich wirklich um die Anliegen der Familien kümmert. Mein katholischer Hintergrund spielte dabei keine Rolle.

Wenn wir beim Thema Politik sind …

Abt Urban: … Stopp! Dass Sie mich nicht fragen, wie es für mich war, als Barbara in die Politik ging, ist typisch: Ins Kloster zu gehen, ist offenbar etwas total Komisches. Aber es war für uns auch speziell, eine Schwester zu haben, die im Nationalrat sitzt. So war plötzlich ein Teil der Familie in der Öffentlichkeit. Das war gewöhnungsbedürftig, auch wenn ich es cool fand, dass sie diesen Weg einschlug.

Darf und soll sich die Kirche auch aktiv in die Politik einmischen?

Schmid: Unbedingt. Wenn es um wichtige gesellschaftliche Fragen geht, dürfen die Kirchen nicht schweigen.

Abt Urban: Einmischen ist das falsche Wort. Zu sachpolitischen Themen sollen sie sich schon äussern.

Am Sonntag stimmen wir über eine Initiative ab, die erreichen will, dass die Krankenkassen Abtreibungen nicht mehr bezahlen. Der Schutz ungeborenen Lebens ist für die katholische Kirche wichtig – wünschen Sie sich ein Ja?

Abt Urban: Ich bin gegen Schwangerschaftsabbrüche – wir dürfen sie nicht einfach als normal anschauen. Aber ich habe mit dem Initiativtext meine Mühe. Für mich sind Abtreibungen nicht Privatsache der Schwangeren. Es ist auch eine gesellschaftliche Frage: Wir brauchen Rahmenbedingungen, unter denen möglichst alle Frauen und ihre Partner Ja zum Kind sagen können.

Frau Schmid, Ihre Haltung zur Initiative ist eine andere: Sie haben sich dezidiert dagegen ausgesprochen.

Schmid: Ja. Aber so anders ist meine Haltung nicht. Auch ich bin gegen Abtreibungen. Ich bin jedoch überzeugt, dass es nach einem Ja zur Initiative mehr Abtreibungen geben würde. Heute müssen Frauen vor einer Abtreibung in eine Beratung – und finden dabei vielleicht eine Lebensperspektive für ihr Kind. Viele dieser Frauen würden nachher allein gelassen. Das ist für mich unchristlich.

Sie politisieren liberal-sozial, Frau Schmid. Wo ist die katholische Kirche für Sie zu konservativ?

Schmid: An der Basis in Zürich erlebe ich sie als sehr liberal und menschennah. Aber natürlich gibt es fundamentalistische Strömungen, die ich nicht akzeptieren kann. Die Politik und die Theologie, die zurzeit im Bistum Chur herrschen, gehen für mich stark in diese Richtung. Die Schweiz hat wegen der Minarett-Initiative viel über islamistischen Fundamentalismus gesprochen. Aber eigentlich macht mir der christliche Fundamentalismus, den es in allen Konfessionen gibt, viel mehr Angst.

Abt Urban, nehmen Sie solche fundamentalistischen Strömungen in der katholischen Kirche auch wahr?

Abt Urban: Die Kirche hat 1,2 Milliarden Mitglieder und damit viele Strömungen. Im Herbst gibt es in Einsiedeln einen Wallfahrtstag. Da kommt zuerst die Spaniermission, das ist etwas sehr Mediterranes, Blumiges. Eine Stunde später kommt die konservative Petrusbruderschaft und hält ihre Messen auf Latein. Es ist schön, dass beides Platz hat. Aber Fundamentalismus widerspricht dem Evangelium.

Frau Schmid, Ihnen kann auch die Stellung der Frau in der katholischen Kirche nicht gefallen.

Schmid: Ja, ich sehe keinen Grund, wieso Frauen nicht Priesterinnen werden sollten. Auch Homosexuelle sollten nicht diskriminiert werden.

Abt Urban: Der Papst hat eine weltweite Bischofsversammlung für den nächsten Herbst einberufen, weil er weiss, dass er solche Fragen nicht alleine beantworten kann. Da muss man sich als westlicher Vertreter aber auch gefallen lassen, dass für Vertreter aus anderen Weltgegenden das Thema Armut wichtiger ist als etwa Homo-Ehe oder Frauenpriestertum.

Wären Sie denn selber dafür, dass Homosexuelle in der Kirche heiraten könnten?

Abt Urban: Im kirchlichen Sinne heiraten können Homosexuelle nicht, weil zum Sakrament der Ehe zentral die Weitergabe von Leben gehört. Ich wünsche mir aber von der Bischofsversammlung fantasievolle Anregungen, wie die Kirche auch für homosexuelle Paare Heimat sein kann.

Und was ist mit Frauen im Priesteramt, wie es sich Ihre Schwester wünscht?

Abt Urban: Das sind theologische Fragen, die die ganze Weltkirche beantworten muss. Für mich ist die entscheidende Frage: Was können wir jetzt dafür tun, dass Frauen noch viel mehr in die Entscheidungsprozesse in der Kirche eingebunden werden?

Frau Schmid, Ihr Bruder sprach von Papst Franziskus. Ich behaupte mal: Sie können mit ihm mehr anfangen als mit seinem Vorgänger Benedikt.

Schmid: Mich freut am neuen Papst sehr, wie er sich des lange vernachlässigten Themas Armut annimmt. Da haben wir in unserem Land ein Problem: Es gehen doch fast alle an Bettlern vorbei, ohne ihnen etwas zu geben. Wenn ich an einem Verkäufer der Arbeitslosenzeitung «Surprise» vorbeikomme, kaufe ich mir ein Exemplar – und habe mir geschworen, an dem Tag aus dem Nationalrat zurückzutreten, an dem ich das nicht mehr machen würde. Denn dann hätte ich den Kontakt zu den Armen verloren.

Abt Urban: Auch meinem Naturell entspricht Franziskus mehr als Benedikt. Wie der neue Papst gehe ich gerne auf Menschen zu.

Es ist absehbar, dass sich die Zahl der Mönche in Einsiedeln in Ihrer Amtszeit von 60 auf 30 halbiert, die Kirchen werden immer leerer. Ist das Christentum bei uns bald bedeutungslos?

Abt Urban: Institutionen haben in unserer Gesellschaft generell ein Problem. Das zeigt sich selbst im Sport: Vereine haben immer grössere Mühe, Leute zu finden, die sich längerfristig engagieren. Die Anzahl Mönche macht mir hingegen keine Sorgen: Es gab in der tausendjährigen Geschichte schon Zeiten, in denen nur noch drei Brüder im Kloster lebten – und auch damals blühte die Wallfahrt.

Schmid: Immer wenn jemand sagt, die Kirchenbänke leerten sich, frage ich sie: Wann wart ihr das letzte Mal in einer Kirche? Ich nehme es selber nicht so wahr. Für mich ist aber auch nicht alleine entscheidend, wie viele Leute am Sonntag zum Gottesdienst gehen. Genauso wichtig sind die vielen Menschen, die sich auf anderen Ebenen in den Kirchen engagieren, und das sind nicht wenige.

Auch die CVP kämpft mit einer schwindenden Basis. Muss sie noch mehr aus der katholischen Ecke herauskommen – etwa ohne das C im Namen?

Schmid: Darüber wurde lange diskutiert. Für mich entscheidend ist unsere liberal-soziale Haltung. Solange wir diese Werte authentisch leben, können wir wieder wachsen.

Abt Urban: Für euch ist das V im Parteinamen also mindestens so wichtig wie das C – ihr wollt eine Volkspartei sein!

Schmid: Genau. Für mich wäre es schlimm, wenn ich in einer Partei auf dem rechten oder auf dem linken Flügel politisieren müsste, wo die Meinungen immer schon gegeben sind. Die Mitte sorgt für Lösungen – auch wenn wir uns manchmal anhören müssen, wir hätten keine Linie.

Die Geschwister Federer

Barbara Schmid-Federer (48) und Urban Federer (45) wuchsen mit einem weiteren Bruder in der Stadt Zürich auf. Barbara ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. 2007 schaffte sie für die CVP den Sprung in den Nationalrat. Ihre Schwerpunkte sind Familienpolitik und Internetthemen wie Cybermobbing. Ihr Bruder trat nach dem Gymnasium in Einsiedeln in die Benediktinerabtei ein. Seit Dezember amtet er als Abt des berühmten Klosters. Der Germanist arbeitet weiterhin als Gymnasiallehrer und hat soeben als Mitglied des Vokalquartetts «Ravens» eine CD veröffentlicht. Ein Vorfahre der beiden Geschwister war Josef Zemp – der erste nicht freisinnige Bundesrat der Schweiz. Mit Tennis-Star Roger Federer sind sie weit aussen verwandt. (hhs)

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