Aktualisiert 07.12.2010 13:09

Steigender Meeresspiegel

Inselstaaten im Pazifik fürchten um ihre Existenz

Was geschieht mit einer Nation, wenn ihr Staatsgebiet verschwindet? Werden ihre Bürger staatenlos? Der Klimawandel stellt Pazifik-Staaten vor grosse Fragen.

von
Charles J. Hanley, AP

Verliert das Land seinen Sitz in der UN-Vollversammlung? Und wo sollen die Menschen leben? Bei diesen Fragen handelt es sich keineswegs um Denksportaufgaben für Völkerrechtler - kleine Inselstaaten im Pazifik bangen wegen des Klimawandels um ihre blosse Existenz.

Der steigende Meeresspiegel ist beispielsweise für die Marschallinseln zu einer echten Bedrohung geworden. Die Salzkonzentration im Grundwasser steigt und immer höhere Wellen nagen auf dem Jaluit-Atoll an der wichtigen Verbindung von der Insel zum Flughafen. «Es wird immer schlimmer», sagt der Koordinator für Klimawandel auf den Marschallinseln, Kaminaga Kaminaga. «Menschen, die nah am Ufer wohnen, bleibt nichts anderes übrig, als Tag für Tag die Dämme zu erneuern.» Die UN geht davon aus, dass wegen der Erderwärmung und der abschmelzenden Polkappen der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um durchschnittlich 60 Zentimeter steigen wird. Besonders flache Inseln könnten dann grösstenteils überschwemmt werden.

Bereits seit Jahren diskutiert die Weltgemeinschaft über den Klimawandel, doch bislang ist wenig passiert. Auch beim UN-Klimagipfel, der derzeit im mexikanischen Cancún stattfindet, verhandeln die Delegationen aus 193 Staaten wieder über die Reduktion der Emission von Treibhausgasen, die für die globale Erwärmung verantwortlich gemacht werden. Konkrete Vereinbarungen erwarten Beobachter jedoch auch auf der 16. Weltklimakonferenz nicht. Die Bewohner der Marschallinseln sowie von Kiribati und Tuvalu im Pazifischen Ozean fragen sich unterdessen, wie viel Zeit ihnen noch bleibt, bis ihre Heimat von der Erdoberfläche verschwindet.

Neue Fragen für das Völkerrecht

«Wir sehen uns mit ganz neuen Problemen in der Geschichte der Nationalstaaten konfrontiert», sagt der Rechtsberater der Marschallinseln, Dean Bialek. «Im Zusammenhang mit dem Klimawandel stellen sich existenzielle Fragen, für die das Völkerrecht keine angemessenen Antworten bereithält.» Bislang lösten sich Staaten durch Aufspaltung, Beitritt oder Eroberung auf - niemals zuvor ist ein Land aber tatsächlich verschwunden.

Die Regierung der Marschallinseln hat nun das Zentrum für das Recht des Klimawandels an der Columbia Universität um juristische Beratung gebeten. Im Mai kommenden Jahres wollen sich Rechtsexperten aus der ganzen Welt in New York zu einer Konferenz treffen und über die völkerrechtliche Zukunft der bedrohten Inselstaaten diskutieren.

«Wenn Länder wie Tuvalu und Kiribati unbewohnbar werden, sind ihre Bürger dann staatenlos? Was ist ihre Position im internationalen Recht?», fragt die australische Juristin Jane McAdam. «Die Antwort ist kompliziert - es kommt darauf an.» Ob das Land seine Souveränität und die Menschen ihre Staatsbürgerschaft behalten, hängt beispielsweise davon ab, ob die UN-Vollversammlung dem Staat seinen Sitz entzieht. Auch das Abkommen über die Rechtsstellung von Flüchtlingen aus dem Jahr 1951 regelt lediglich die Situation von politisch Verfolgten, nicht aber die Rechte von Umweltflüchtlingen.

Wirtschaftliche Zukunft der Marschallinseln bedroht

Die Bewohner der Marschallinseln sorgen sich auch um ihre wirtschaftliche Zukunft. Das Haupteinkommen des Inselstaates stammt aus Fischereilizenzen, die für die Ausbeutung der reichen Fischgründe zwischen den zahlreichen Atollen verkauft werden. Zudem haben Geologen in den vergangenen Jahren grosse Mineralvorkommen am Meeresboden entdeckt. «Was passiert mit diesen Ansprüchen, wenn die Inseln untergehen», fragt der Direktor des Zentrums für das Recht des Klimawandels an der Columbia Universität, Michael B. Gerrad.

Auf der UN-Klimakonferenz will die Delegation der Marschallinseln um internationale Unterstützung für ihre Schutzmassnahmen gegen den steigenden Meeresspiegel werben. So sollen an den Küsten widerstandsfähige Pflanzen zum Erosionsschutz gesetzt und vor der Hauptstadt Majuro die Dämme erhöht werden.

Doch auch wenn die finanziellen, diplomatischen und rechtlichen Fragen eines Tages geklärt werden sollten, die Bewohner der Marschallinseln befürchten auch den Verlust ihrer Kultur und Identität. Das Wasser reicht bereits bis an einige Friedhöfe der Inseln heran, die ersten Grabstätten sinken ins Meer ab. «Sogar im Tod sind wir betroffen», sagt Klimawandel-Koordinator Kaminaga.

Darum gehts in Cancún

Im Zentrum der Verhandlungen in Cancún vom 29. November bis 10. Dezember stehen verpflichtende Massnahmen von Industrie- und Schwellenländern zur Verminderung des Treibhausgasausstosses. Ziel ist ein Nachfolgeabkommen für das sogenannte Kyoto-Protokoll, das 2012 ausläuft.

Grundlage der Verhandlungen ist die nicht rechtsverbindliche Vereinbarung der Klimakonferenz von Kopenhagen 2009, die seither von der Mehrheit der Staaten angenommen wurde. Die Vereinbarung sieht unter anderem vor, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad gegenüber vorindustriellem Niveau zu begrenzen, ohne aber konkrete Zahlen für eine CO2-Reduktion zu definieren.

Es wird erwartet, dass am Ende der 16. UNO-Weltklimakonferenz lediglich einzelne Vereinbarungen stehen werden, zum Beispiel in den Bereichen Klimaschutz-Finanzierung, Waldschutz oder Technologietransfer. Mit einem umfassenden, rechtlich verbindlichen Abkommen rechnet kaum jemand.

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