Norma: Integrieren schon, aber...
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NormaIntegrieren schon, aber...

Sie ist 35 und sitzt in der Primarschule. Eine Alternative, die verpasste Schulbildung nachzuholen, hat Norma nicht. Trotzdem will der Kanton die älteste Schülerin rauswerfen.

von
Annette Hirschberg

(Video: Keystone)

Weil sie in ihrer Heimat nicht in die Schule gehen durfte, besucht die 35-jährige Peruanerin Norma Ammann jetzt die Primarschule. In Vordemwald AG geht sie mit 8- und 9-Jährigen in die 3. Klasse der Dorfschule. Ihr Ziel: Sie möchte die gesamte Schulbildung nachholen und danach eine Ausbildung machen. Sie würde gern einen Beruf mit Kindern ergreifen.

Doch Normas Chancen stehen schlecht: Trotz breiter Unterstützung von Schule, Schülern und Lehrerin bleibt die Kantonale Bildungsdirektion hart und will Norma aus der Schule werfen. «Es steht nicht zur Diskussion, dass jemand in diesem Alter in die Volksschule geht», sagt Sprecherin Irène Richner zu 20 Minuten Online. Normas Fall könnte weitere Begehrlichkeiten wecken, so die Begründung. «Das Schulgesetz besagt klar, dass die Volksschule für Kinder und Jugendliche ist, und dies gilt es einzuhalten», sagt Richner. Darum sei auch eine Ausnahmebewilligung für Norma im Rahmen eines Schulversuchs nicht möglich.

Norma fängt schon an, Zeitung zu lesen

Normas Mann Hans-Ulrich Ammann hat kein Verständnis für die Paragraphenreiterei der Regierung. «Ich habe lange gesucht, ob es für Norma irgendeine andere Möglichkeit gibt», sagt Ammann. So habe er Privatschulen abgeklappert und bei der Integrationsstelle und dem Kanton nachgefragt. «Eine echte Alternative zur Primarschule gibt es nicht», sagt Ammann.

Beim Kanton sieht man das nicht ganz so klar. «Es gibt Alphabetisierungskurse für Fremdsprachige, die in Stufen angeboten werden», sagt Lelia Hunziker von der kantonalen Integrationsstelle. Es ist aber fraglich, ob Norma damit die verpasste Gundschulbildung nachholen kann. Eine breite Bildung für Erwachsene wird erst auf Sekundarschulstufe angeboten. Darum ist Hans Ulrich Ammann so froh über die Möglichkeiten, die Norma in der Primarschule hat. «Die Schule zeigt auch schon ihre Wirkung: Ihr Wortschatz hat sich verbessert, sie fängt an, Zeitung zu lesen und lernt, sich auf Schulstoff zu konzentrieren.»

Nicht nur von der Schule, sondern auch aus der Bevölkerung erhält Ammann grosse Unterstützung: «Leute schreiben uns Briefe und gratulieren uns zu unserem Experiment», sagt Ammann. Eine ehemalige Lehrerin, die heute im Rollstuhl sitze, würde Norma sogar unterrichten, falls sie die Schule wirklich verlassen muss. Denn Norma hat weiterhin ein Ziel: «Mein grösster Wunsch ist es, in der Schule bleiben zu dürfen», sagt sie.

Normas Geschichte:

Norma ist in den peruanischen Anden aufgewachsen in der Nähe der Stadt Cuzco. Sie hatte einen schwierigen Start ins Leben. Ihre Eltern hatten praktisch kein Geld. Als 18-Jährige bekam sie ihren Sohn Alberto, der nach nur 8 Monaten verstarb. Norma verlor damals ihren ganzen Lebensmut. Doch jetzt geht es ihr wieder gut, und sie steckt die ganze Energie in die Schule. Vor sechs Jahren kam sie als Kindermädchen in die Schweiz. Über eine Anzeige lernte sie später ihren heutigen Mann kennen und lieben. «Dass ich jetzt noch in der Schweiz die Primarschule nachholen darf, ist mein grösstes Glück», sagt sie zu 20 Minuten Online.

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