Ratko Mladic: Intelligent und skrupellos
Aktualisiert

Ratko MladicIntelligent und skrupellos

Er war verantwortlich für die Ermordung von 8000 bosnischen Muslimen. Nach mehr als 15 Jahren ist mit Mladic einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher Europas gefasst.

von
Nina Gödeker
dapd

Die Flucht des «Schlächters von Srebrenica» ist zu Ende: Ihn erwartet ein Prozess vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal wegen der Ermordung von rund 8000 bosnischen Muslimen. Ratko Mladic gab am 11. Juli 1995 um 16.00 Uhr den Befehl, die unter dem Schutz der Vereinten Nationen stehende Enklave Srebrenica zu stürmen.

Mladic und der 2008 festgenommene frühere Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, standen seit 1995 an der Spitze der Fahndungsliste des Haager UNO-Tribunals. Das US-Aussenministerium setzte auf beide je fünf Millionen Dollar Belohnung für Hinweise aus, die zu ihrer Ergreifung führen. Trotzdem - oder auch deswegen - blieben sie mehr viele Jahre unbehelligt. Für nationalistische Serben sind beide Helden, und an Strassenecken tauchten im Land nach Karadzics Verhaftung junge Männer auf, die schwarze T-Shirts mit Mladics Porträt und der Aufschrift «serbischer Held» verkaufen.

Steiler Aufstieg bei den Streitkräften

Mladic kam am 12. März 1943 in dem Bergdorf Treskavica südlich von Sarajevo zur Welt, einer Hochburg der serbischen Nationalisten. Seine Eltern schlossen sich im Kampf gegen die deutschen Besatzungstruppen den Partisanen des jugoslawischen Staatschefs Josip Broz Tito an. Bereits mit 15 Jahren beendet Mladic seine Ausbildung an der Militärschule Zemun nahe Belgrad und begann eine steilen Aufstieg bei den Streitkräften.

Im Januar 1991 wurde er stellvertretender Befehlshaber eines Armeekorps in der überwiegend albanisch besiedelten und zu Serbien gehörenden Provinz Kosovo. Er erwarb sich einen Ruf als intelligenter, durchsetzungsfähiger, instinktsicherer, aber auch skrupelloser Offizier und wurde im April 1992 zum General befördert. Wenig später begann der Bürgerkrieg zwischen bosnischen Serben, Kroaten und Muslimen, Mladic wurde Befehlshaber der bosnisch-serbischen Verbände. Binnen kurzer Zeit eroberten seine Truppen rund 70 Prozent des Territoriums der Teilrepublik.

Mladic und Karadzic bildeten fortan das Zweigespann der serbischen Aggression in Bosnien-Herzegowina. Mit der brutalen Zerstörung von Dörfern und Städten, sogenannten ethnischen Säuberungen mit Massakern und Flüchtlingsströmen ohne Beispiel, Internierungslagern und Kriegsgräueln jeder Art hielten sie jahrelang die zivilisierte Welt in Atem.

Massaker dauerte eine Woche

Im Sommer 1995 erhielt der Krieg eine neue Dimension: Immer ungenierter gingen die Serben dazu über, sich ihrer in den UNO-Schutzzonen unter Aufsicht gestellten Waffen wieder zu bedienen, beschossen Hilfsflüge und nahmen Blauhelme als Geiseln.

Im Juli 1995 schliesslich griffen Mladics Truppen die im Osten der Republik liegende Schutzzone Srebrenica an und vertrieben die muslimische Bevölkerung, rund 8000 Männer und Jungen wurden getötet. Das Massaker dauerte eine Woche. «Kindern wurden die Kehlen vor den Augen ihrer Mütter durchgetrennt», sagt der ägyptische Richter Fuad Riad, der die Anklage gegen Karadzic und Mladic mit vorbereitete.

Mladic hat sich dabei besonders zynisch verhalten: Er wurde gesehen, wie er kurz vor dem Massaker auf dem Marktplatz Süssigkeiten an muslimische Kinder verteilte, einem sogar den Kopf streichelte und ihnen versicherte, es werde alles gut werden - eine unheimliche Szene, die sich Überlebenden unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt hat.

Kritik an serbischer Regierung

Erst ein Militäreinsatz der Alliierten Ende August brachte die Wende, im Oktober stimmten alle Seiten einem Waffenstillstand zu. Im Dezember wurde schliesslich das Friedensabkommen von Dayton unterzeichnet. Der Druck auf die serbische Regierung, Mladic an das Haager Tribunal zu überstellen, nahm immer mehr zu. Der 69-Jährige wurde zu einem der meistgesuchten mutmasslichen Kriegsverbrecher der Welt.

Trotzdem blieb er zunächst unbehelligt. Im Mai 1996 konnte er öffentlich an einem Begräbnis in Belgrad teilnehmen. Erst nach halbherzigen Versuchen der serbischen Sicherheitskräfte, ihn festzunehmen, tauchte er unter. Immer wieder wurde der serbischen Regierung vorgeworfen, sie suche nicht entschlossen genug nach dem mutmasslichen Kriegsverbrecher. Die Tatsache, dass Mladic so lange nicht gefasst werden konnte, belastete auch die Beziehungen zur Europäischen Union.

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