Aktualisiert 14.07.2009 15:01

Interview«Intensität der Gewalttaten nimmt zu»

Gewalttäter in der Schweiz werden immer brutaler. Im Interview mit 20 Minuten Online erklärt Jonas Weber, Assistenz-Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Uni Bern, wie sich die Gewalttaten verändert haben und welche Folgen die aktuellen Fälle haben könnten.

von
Olaf Kunz

20 Minuten Online: Durch die jüngsten Gewaltfälle, die in der Schweiz oder von Schweizer Bürgern begangen wurden, entsteht der Eindruck, dass Gewalt massiv zunimmt. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Prof. Jonas Weber: Verschiedene aktuelle Längsschnittumfragen zeigen, dass Straftaten im Zusammenhang mit Gewalt nicht ansteigen. Allerdings werden Gewalttaten intensiver. Immer häufiger greifen Täter zu Gegenständen und attackieren ihre Opfer damit. Auch das Mass an Gewalt nimmt zu. Nicht selten wird auch dann noch auf das Opfer eingetreten, wenn dieses schon wehrlos am Boden liegt.

Kommt es bei Gewalttaten häufig vor, dass sich Opfer und Täter nicht kennen?

Da muss man unterscheiden, ob es sich um Gewalttaten im sogenannten Nah-Bereich handelt oder um Strassentätigkeiten. In ersterem Fall kennen sich Opfer und Täter in den allermeisten Fällen. Das ist bei Angriffen auf der Strasse ganz anders. Hier sind meist Unbekannte Opfer der Übergriffe. Jugendliche greifen vor allem Menschen an, die nicht zu ihrer Gruppe gehören oder von denen Sie Geld oder Handys wollen.

Gehen massiven Übergriffen eigentlich immer geringfügigere Gewalttaten voraus oder können diese auch ganz unvermittelt erfolgen?

Bei Hinz und Kunz als Täter kommt es eigentlich nur in Extrem-Situationen zu Gewaltausbrüchen. Wer auf der Strasse wildfremde Menschen angreift, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schon früher Schlägereien angezettelt. In diesem Sinne sind Gewalttäter zum Zeitpunkt einer massiven Körperverletzung meist schon vorbelastet.

Was bringt Menschen dazu, ohne Sinn und Verstand auf ein Opfer einzudreschen?

Das ist die grosse Frage. Man weiss, dass die Gewaltschwelle auch durch den Medienkonsum beeinflusst wird. Jugendliche, die Gewaltfilme und Gewalt-Spiele am PC konsumieren, haben meist eine höhere Gewaltbereitschaft. Hinzu kommt, dass die Rolle des Täters in solchen Medien in aller Regel positiv besetzt ist. Das wollen sie in der Realität auch so erleben.

Sie sprechen in dem Zusammenhang meist von jugendlichen Tätern.

Das ist richtig. Gewaltsame Übergriffe - vor allem auf der Strasse - werden in aller Regel von Jugendlichen begangen. Dabei verwende ich die Bezeichnung ‚Jugendliche' aber in einem erweiterten Sinne. Diese schliesst junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 25 ein.

Ist es im Zusammenhang mit solchen Gewalttaten ein Problem, dass das Strafrecht zwischen Jugendlichen und Erwachsenen unterscheidet?

Es ist im konkreten Fall nicht immer einzusehen, dass ein 17-Jähriger für eine vergleichbare Tat milder bestraft wird als ein 18-Jähriger. Meines Erachtens müsste der Status des Heranwachsenden bei der Verurteilung von volljährigen Straftätern stärker berücksichtigt werden. Es sollten häufiger Sanktionen angewandt werden, die auf diese Altersgruppe zugeschnitten sind. Bei bloss einfacher Körperverletzung oder Tätlichkeiten zum Beispiel bestimmte Arten von gemeinnütziger Arbeit. Ausserdem müsste die Praxis überdacht werden, wonach Ersttäter bei einfacher Körperverletzung in der Regel mit einer voll bedingten Strafe davonkommen. Bei jugendlichen Ersttätern könnte der teilbedingte Vollzug sinnvoll sein, damit sie sich der Tragweite ihres Handelns bewusst werden.

Haben Fälle wie der von Basel oder Kreuzlingen, bei denen Filme von Überwachungskameras ins Internet gestellt wurden, eigentlich Nachahmer-Effekte zur Folge?

Das kann ich mir fast nicht vorstellen. Ich habe eher das Gefühl, dass diese Fälle doch gewisse Vernunft-Reaktionen hervorrufen. Jugendliche überlegen sich eher zweimal, ob sie in der Öffentlichkeit zuschlagen, wenn sie damit rechnen müssen, dabei gefilmt zu werden. Die Frage ist dann aber, ob sich die Tatorte lediglich verlagern, oder die Übergriffe tatsächlich zurück gehen. Ich denke auch, dass der in der Öffentlichkeit viel diskutierte Fall von München und die zu erwartende hohe Strafe zu mehr Besonnenheit führen.

Jonas Weber ist Assistenz-Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Uni Bern. Er nimmt Stellung von 20 Minuten Online und zu den aktuellen Gewaltfällen von Kreuzlingen, Bern und München.

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