17.10.2020 10:49

Sorge vor der zweiten WelleIntensivbetten hat es noch genug, aber das Personal wird knapp

Wer Corona mit der Grippe vergleicht, der verweist oft auch auf die noch vielen freien Intensivbetten. Doch nur darauf zu schauen, könnte sich als fatal entpuppen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Noch ist die Lage auf den Intensivstationen verhältnismässig entspannt. Doch … 

Noch ist die Lage auf den Intensivstationen verhältnismässig entspannt. Doch …

Keystone
… die Situation im Spital Schwyz zeigt: Das kann sich schlagartig ändern. 

… die Situation im Spital Schwyz zeigt: Das kann sich schlagartig ändern.

Keystone
Was viele Menschen nicht bedenken: Nicht nur die Zahl der freien Intensivbetten ist relevant, sondern auch die Zahl der Ärzte und Pflegenden, die die darin liegenden Patienten betreuen können. Und an diesen mangelt es schon in Nicht-Corona-Zeiten, wie das Beispiel des Universitätsspitals Zürich zeigt: Bei 72 vorhandenen Intensivbetten stehen dann nur Intensivpflegekräfte für 64 Betten zur Verfügung.

Was viele Menschen nicht bedenken: Nicht nur die Zahl der freien Intensivbetten ist relevant, sondern auch die Zahl der Ärzte und Pflegenden, die die darin liegenden Patienten betreuen können. Und an diesen mangelt es schon in Nicht-Corona-Zeiten, wie das Beispiel des Universitätsspitals Zürich zeigt: Bei 72 vorhandenen Intensivbetten stehen dann nur Intensivpflegekräfte für 64 Betten zur Verfügung.

Keystone

Darum gehts

  • Das Gesundheitssystem könnte in den nächsten Wochen an seine Grenzen geraten.

  • Als besonders schwierig könnte sich der Personalmangel auf den Intensivstationen erweisen.

  • Dieser spitzt sich durch die Corona-Pandemie weiter zu – obwohl bereits dagegen angesteuert wurde.

Die Schweiz ist in der aktuellen Pandemie bisher mit einem blauen Auge davongekommen. Doch das könnte sich nun ändern: Die Zahl der neu mit dem Coronavirus Infizierten steigt rapide an, ebenso die Zahl jener, die hospitalisiert werden müssen. Massnahmen zur Eindämmung des Virus werden dagegen von den Kantonen nur zögerlich ergriffen.

Welche Folgen das haben kann, zeigt ein Blick auf den Kanton Schwyz. Das dortige Spital sieht sich bereits mit einem «der europaweit schlimmsten Ausbrüche» konfrontiert und fordert die Bevölkerung auf, Masken zu tragen und Menschenansammlungen zu meiden. Ansonsten könne die wohnortsnahe Behandlung der Patienten nicht mehr sichergestellt werden.

Haarscharf an der Katastrophe vorbei

Mit den Befürchtungen steht das innerschweizerische Krankenhaus nicht allein dar: «Die erste Welle haben wir nur deshalb so gut überstanden, weil alle geplanten Operationen aufgeschoben wurden und wir zudem die Zahl der Intensivbetten aufgestockt haben», erklärt Peter Steiger, stellvertretender Direktor des Instituts für Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich.

Wie die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) im Juli 2020 mitteilte, waren im Frühjahr bis maximal 98 Prozent jener Betten belegt, die gewöhnlich zur Verfügung stehen. 50 Prozent davon entfielen auf Covid-19-Patienten. Entsprechend schrammten auch Schweizer Spitäler nur haarscharf an einer Überbelegung mit möglicherweise katastrophalen Folgen vorbei.

Lösung aus dem Frühjahr nun nicht mehr möglich

Ob das nun auch in der zweiten Welle gelingt, steht allerdings in den Sternen. «Wir wissen ja nicht, wie sich das nun weiter entwickelt», sagt Steiger. Fest steht dagegen, dass nicht dringende Eingriffe dieses Mal – anders als noch im Frühjahr – nicht aufgeschoben werden sollen. Das kann laut Steiger im schlimmsten Fall zu gravierenden Engpässen führen. Denn bei 72 vorhandenen Intensivbetten stehen schon in normalen Zeiten nur Intensivpflegekräfte für 64 Betten zur Verfügung.

Um die Diskrepanz aufzufangen, «haben wir in der heissen Phase im Frühling das Intensivpersonal mit Mitarbeitern von anderen Stationen aufgestockt», so Steiger. Ein Team habe damals aus einer Intensivpflege-Fachkraft sowie zwei Pflegenden aus anderen Bereichen und vielleicht noch einem Medizinstudenten bestanden. «Keine ideale Situation», sagt Steiger. Zumal der Grossteil der Verantwortung bei den erfahrenen Intensivpflegern gelegen habe.

Zudem sei es nur deshalb möglich gewesen, «weil sie wegen des Aussetzens der nicht dringenden Operationen zur Verfügung standen».

Personalausfälle werden erwartet

Weil das in den kommenden Monaten nicht möglich sein wird, hat das USZ gemeinsam mit der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich vorgesorgt und während des Sommers Schulungen angeboten, in denen sich diplomierte Pflegefachpersonen HF/FH auf die Arbeit in den Intensivstationen vorbereiten konnten. «Bis jetzt haben 86 Pflegefachpersonen HF die Weiterbildung besucht, per Ende Jahr werden es 106 sein», sagt Lina Lanz von der Gesundheitsdirektion auf Nachfrage von 20 Minuten. Anfang kommenden Jahres soll es weitere Kurse geben.

Ob die Zahl der bisherigen Absolventen ausreicht, kann Peter Steiger nicht sagen. Schliesslich müsse man immer wieder mit temporären Ausfällen des Personals rechnen – gerade in der kalten Jahreszeit: etwa aufgrund von Krankheiten, Unfällen oder weil dieses oder sein Nachwuchs in Quarantäne muss. «Um unsere Patienten nicht zu gefährden, muss das Personal bei Erkältungssymptomen einen Covid-Test machen und bis zum Erhalt des negativen Resultats zu Hause bleiben. Dann fehlen noch mehr Personen, die in der Lage sind, die Intensivbetten und Beatmungsgeräte zu bedienen.»

Massnahmen retten auch Leben von Nicht-Covid-19-Patienten

Der Intensivmediziner hat Verständnis dafür, dass das Thema Corona und die damit zusammenhängenden Massnahmen mühsam sind. Aber er betont auch, wie wichtig es ist, diese einzuhalten – und das nicht nur für die Covid-19-Patienten, die allenfalls bei ihm auf der Station um ihr Leben ringen.

«Sind die Intensivbetten alle mit Sars-CoV-2-Infizierten belegt und werden alle Pflegefachkräfte von ihnen in Beschlag genommen, stehen keine mehr für andere Patienten mit lebensgefährlichen Erkrankungen zur Verfügung.» Auch ein Schwerverletzter könnte dann vielleicht nicht mehr adäquat versorgt werden. Er mahnt: «Es besteht angesichts des Coronavirus zwar kein Grund zur Panik, aber ernst nehmen sollte man es unbedingt.»

Kein reines Schweizer Problem

Nicht nur in der Schweiz, auch im Ausland ist Personalmangel auf Intensivstationen ein grosses Thema. So warnten etwa die Berliner Charité und die Universitätsklinik in Frankfurt am Main öffentlich davor. Allein in Letzterer hätten sich in den vergangenen zwei Wochen doppelt so viele Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert wie in den drei Monaten zuvor, sagte Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor des Klinikums Frankfurt, am Freitag in Berlin. Auch der Vorstand Krankenversorgung der Berliner Charité, Ulrich Frei, wies auf immer mehr Infektionen beim Klinikpersonal hin. Das Personalproblem verschärfe sich bei gleichzeitig steigenden Zahlen an Corona-Patienten, weil viele weitere Mitarbeiter wegen der Positivfälle beim Personal in Quarantäne gehen müssten. (Reuters)

Auch in Deutschland stellt der Personalmangel auf den Intensivstationen ein gravierendes Problem dar. (Im Bild: die Charité Berlin)

Auch in Deutschland stellt der Personalmangel auf den Intensivstationen ein gravierendes Problem dar. (Im Bild: die Charité Berlin)

Charité Berlin

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1401 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Genug ist genug

18.10.2020, 19:06

Machen wir das ganze Massnahmentheater eigentlich immer noch um die Risikogruppen zu schützen? Das sind vielleicht 5 Prozent der Bevölkerung wenns hoch kommt. Völlig übertrieben das Ganze

Pluto

18.10.2020, 15:57

Und warum arbeiten die meisten Hausärzte nicht am Samstag? Man könnte Gesundheitskosten sparen und Plätze auf den Notfallstationen für Notfälle frei halten!

Marsianer

18.10.2020, 14:09

Dass das Personal knapp wird ist ja nichts neues. Zahlt er einmal rechte Löhne für alle die 3 Wochenenden im Monat arbeiten, alle Feiertage hingeben und in einem 3 Schicht betrieb arbeiten und sich auch noch von den Patienten allerhand gefallen lassen müssen.