«Suisse Secrets» – Internationale Medien berichten über dreckige Geschäfte der Credit Suisse
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«Suisse Secrets»Internationale Medien berichten über dreckige Geschäfte der Credit Suisse

Ein internationales Konsortium, bestehend aus fast 50 renommierten Zeitungen, hat am Sonntag Teile einer neuen Recherche publiziert. Sie zeigen, dass die Credit Suisse korrupten Politikern und Kriminellen ein Konto gewährte.  

von
Patrick McEvily
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Ein internationales Konsortium an Zeitungen hat eine neue Recherche enthüllt, die zeigt, dass die Credit Suisse Konten für autoritäre Staatsführer, Kriminelle und Menschenschmuggler im Wert von mehreren Milliarden Franken hielt.

Ein internationales Konsortium an Zeitungen hat eine neue Recherche enthüllt, die zeigt, dass die Credit Suisse Konten für autoritäre Staatsführer, Kriminelle und Menschenschmuggler im Wert von mehreren Milliarden Franken hielt.

20min/Matthias Spicher
Die neuen Enthüllungen dürften die angeschlagene Bank weiter in Bedrängnis bringen.

Die neuen Enthüllungen dürften die angeschlagene Bank weiter in Bedrängnis bringen.

20min/Marco Zangger
Ein Konto bei der CS soll unter anderem der ehemalige und mittlerweile verstorbene algerische Autokrat Abdelaziz Bouteflika gehabt haben. 

Ein Konto bei der CS soll unter anderem der ehemalige und mittlerweile verstorbene algerische Autokrat Abdelaziz Bouteflika gehabt haben. 

imago images / ZUMA Press

Darum gehts

  • Ein internationales Konsortium von Zeitungen publizierte am Sonntag eine Recherche, basierend auf internen Dokumenten der Credit Suisse, die ein Whistleblower zur Verfügung gestellt hat.

  • Der Bericht mit dem Namen «Suisse Secrets» belastet die Bank, die seit Monaten in den Schlagzeilen steht, schwer.

  • So soll diese Dutzenden autoritären Staatsführern, Kriminellen oder Menschenschmugglern ein Konto gewährt haben.

Ein internationales Konsortium, bestehend aus fast 50 renommierten internationalen Zeitungen, hat am Sonntag Teile einer neuen Recherche publiziert, die die Schweizer Grossbank Credit Suisse in arge Bedrängnis bringen dürfte. In «Suisse Secrets» wird ersichtlich, dass die Bank autoritären Staatsführern, Kriminellen und Menschenschmugglern ein Konto gewährte.

In der Veröffentlichung geht es um Vermögenswerte von über 100 Milliarden Franken. Insgesamt konnten die Journalistinnen und Journalisten die Kontodaten von 18’000 Kunden und Kundinnen der Bank einsehen. Wie die beteiligten Zeitungen schreiben, wurden die untersuchten Konten über Jahrzehnte eröffnet – die Recherche reicht bis ins Jahr 1940 zurück. Bei zwei Dritteln der untersuchten Vermögenswerte handelt es sich aber um Konten, die seit dem Jahr 2000 geöffnet wurden.

Autokraten und Personen auf Sanktionslisten unter Konto-Inhabern

Erhalten hatten die Daten Redakteure der «Süddeutschen Zeitung» vor einem Jahr von einem anonymen Whistleblower. Die Journalistinnen und Journalisten verarbeiteten diese dann zusammen mit rund 48 weiteren Zeitungen, darunter die «New York Times», «The Guardian» oder «La Stampa» aus Italien. Der oder die Whistleblowerin wird vom Recherche-Team mit folgenden Worten zitiert. «Ich denke, dass das Schweizer Bankgeheimnis unmoralisch ist.» Weiter erklärte die unbekannte Person: «Der Vorwand, die finanzielle Privatsphäre zu schützen, ist lediglich ein Feigenblatt, um die schändliche Rolle der Schweizer Banken als Kollaborateure von Steuerhinterziehern zu verschleiern.» Besonders Entwicklungsländer würden von der anhaltenden Praxis der Schweizer Banken Schaden nehmen.

Im Datensatz, aus dem die beteiligten Zeitungen am Sonntagabend (Schweizer Zeit) zeitgleich Teile veröffentlichten, befinden sich unter anderem  ein Konto des Vatikans, das nicht deklariert und über das insgesamt knapp 400 Millionen Franken für eine Immobiliengeschäft in London transferiert wurden, für das der heilige Stuhl seit Jahren in den Schlagzeilen steht. Zudem habe die Bank unter anderem dem ehemaligen algerischen Herrscher Abdelaziz Bouteflika genau so ein Konto gewährt, wie mehreren venezolanischen Staatsbürgern, die auf Sanktionslisten der USA stehen. Auch Mitglieder der ehemaligen Herrscherfamilie Kasachstans rund um Ex-Präsident Nursultan Nasarbajew, die sich im Zuge der Proteste im Land vergangenen Monat mit massiven Korruptionsvorwürfen konfrontiert sahen, sollen bis ins Jahr 2012 Kunden der Bank gewesen sein, wie die ARD schreibt. Der Schwede Stefan Sederholm, der wegen Menschenschmuggels in den Philippinen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, konnte sein, im Jahr 2008 eröffnetes, Konto bei der Bank noch zweieinhalb Jahre nach seiner Verurteilung weiterführen. 

Credit Suisse weist Vorwürfe zurück

Gegenüber der deutschen ARD äusserte die Schweizer Richterin und Hochschulprofessorin Monika Roth massive Vorwürfe gegen die Credit Suisse. «Das ist ein Totalversagen und führt eigentlich alle Präventionsmassnahmen gegen Geldwäscherei und Korruption ins Nichts.»

Die Credit Suisse hat bereits auf die Anschuldigungen reagiert. Nur wenige Minuten nach der Veröffentlichung des Berichts versendete die Kommunikationsabteilung der Bank eine Stellungnahme. Darin ist unter anderem folgender Satz zu lesen: «Diese Anschuldigungen von Seiten der Medien sind Teil von Bemühungen, die die Bank und den Schweizer Finanzplatz, der sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt hat, in Verruf bringen wollen.» Wie die Bank schreibt, handelt es sich bei den Veröffentlichungen um «historische Angelegenheiten». 90 Prozent der 30’000 betroffenen Konten seien bereits geschlossen worden. 

Die Enthüllungen kommen zu einem äusserst schlechten Zeitpunkt für die Bank. Vor rund zwei Wochen musste sie für das Geschäftsjahr 2021 einen Riesenverlust von 1,6 Milliarden Franken kommunizieren, der vor allem wegen Beteiligungen an den untergangenen Fonds Greensill und Archegos zustande gekommen war. Ende letztes Jahr musste zudem der Verwaltungsratspräsident António Horta-Osório seinen Hut nehmen, nachdem bekannt geworden war, dass er mehrfach gegen die Schweizer Einreiseregelungen im Rahmen der Corona-Pandemie verstossen hatte. Es laufen zudem mehrere Untersuchungen und Gerichtsverfahren gegen die Bank, darunter der Fall eines bulgarischen Gangsterbosses, der bei der Bank ein und aus gegangen sein soll.

Keine Schweizer Medien

An der internationalen Berichterstattung zu den «Suisse Secrets» war kein Schweizer Medium beteiligt. In der Vergangenheit hatte das Recherchedesk der Tamedia-Zeitungen beispielsweise an den Veröffentlichungen der «Pandora Papers» mitgewirkt. Wie die Journalistinnen und Journalisten am Sonntag schreiben, war ihnen dies im vorliegenden Fall aufgrund der Schweizer Gesetzgebung zum Bankgeheimnis nicht möglich. «Ein im Jahr 2015 geschaffener Gesetzesartikel verunmöglicht  es Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz mit geheimen Bankdaten zu arbeiten», heisst es in der Berichterstattung zu den Veröffentlichungen am Sonntagabend. Eine Widerhandlung könne mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden.  

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