Bührle-Sammlung am Kunsthaus – Internationale Medien berichten über Raubkunst-Kontroverse in Zürich
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Bührle-Sammlung am KunsthausInternationale Medien berichten über Raubkunst-Kontroverse in Zürich

Am vergangenen Wochenende hat das Kunsthaus Zürich den neuen Erweiterungsbau eröffnet. Die Sammlung des Waffenhändlers Bührle sorgt weltweit für Gesprächsstoff.

von
Benedikt Hollenstein
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Zahlreiche Besucher erkundeten den Neubau des Museums an der Eröffnung vom Samstag.

Zahlreiche Besucher erkundeten den Neubau des Museums an der Eröffnung vom Samstag.

20min/Sonja Mulitze
Der Neubau wurde vom britischen Stararchitekten David Chipperfield entworfen.

Der Neubau wurde vom britischen Stararchitekten David Chipperfield entworfen.

Anna-Tia Buss

Für Diskussionen sorgt aber nicht die Architektur des Gebäudes, sondern dessen Inhalt und geistiger Vater.


Für Diskussionen sorgt aber nicht die Architektur des Gebäudes, sondern dessen Inhalt und geistiger Vater.

Anna-Tia Buss

Darum gehts

  • Seit Samstag ist der 206 Millionen teure Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich eröffnet.

  • Den Kern des Erweiterungsbaus bildet die Sammlung des Waffenhändlers Emil Bührle.

  • Bührle verkaufte im Zweiten Weltkrieg Waffen an beide Kriegsparteien.

  • In einer von Bührles Fabriken kamen in der Nachkriegszeit Hunderte Zwangsarbeiterinnen zum Einsatz.

Seit Samstag steht der neue Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich auch der Öffentlichkeit offen. Der Neubau, der die Ausstellungsfläche des Museums mehr als verdoppelt, macht das Kunsthaus zum grössten Kunstmuseum der Schweiz. Doch während die Sammlung Bührle, die den Grossteil der Ausstellungsstücke im neuen Gebäude ausmacht, Werke von Van Gogh, Monet und Picasso zeigt, sorgt vielmehr die Geschichte hinter dem Sammler für Gesprächsstoff. «Ein Nazi-Erbe verfolgt die neue Galerie eines Museums» titelt die amerikanische «New York Times» in ihrem Artikel zum Kunsthaus, ominös — was steckt dahinter?

Emil Georg Bührle, so heisst der Sammler hinter der Kollektion, mit der dem Kunsthaus der Sprung in die Liga der grossen internationalen Museen gelungen sein dürfte. Der 1890 in Pforzheim geborene Bührle zog 1923 nach Zürich, wo er als Geschäftsführer der Werkzeugmaschinenfabrik «Oerlikon» arbeitete. Wenig später begann der Betrieb, erste Waffensysteme zu produzieren. Im Zweiten Weltkrieg stellte das Deutsche Reich den Hauptkunden der Rüstungsfirma dar, gleichzeitig wurden die Waffensysteme aber auch an die Alliierten lizenziert und im Ausland in grosser Stückzahl gefertigt.

«Das kontaminierte Museum»

Die finanziellen Erträge, die Bührle mit «Oerlikon» im Zweiten Weltkrieg erwirtschaftete, erlaubten es dem Deutschen, eine grosse Privatsammlung an Gemälden aufzubauen. Kritiker und Kritikerinnen führen an, dass Bührle auch von der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten profitierte. Während dem Zweiten Weltkrieg waren viele jüdische Kunstsammlerinnen und Kunstsammler gezwungen, ihre Werke zu Tiefstpreisen zu verkaufen.

Die nun im Zürcher Kunsthaus ausgestellte Sammlung stösst in der internationalen Presse auf ein kritisches Echo, verschiedene deutsche Zeitungen griffen die Kontroverse anlässlich der Eröffnung auf. So schreibt die «Süddeutsche Zeitung» von einem «Neubau mit Altlast», den das Kunsthaus Zürich letzten Samstag eröffnete. Die Aufarbeitung, in den Augen der Verantwortlichen der Stiftung Bührle mit dem Ausstellungskatalog erfüllt, ist für andere, wie den Historiker Erich Keller, noch lange nicht abgeschlossen. Im September veröffentlichte er das Buch «Das kontaminierte Museum», in dem er sich intensiv mit der Frage nach der politischen Verantwortung auseinandersetzt.

7000 Flab-Kanonen für Nazideutschland

Menschen jüdischen Glaubens war es bei einer Deportation während der NS-Zeit verboten, Wertgegenstände mitzunehmen. Dies hatte oft Zwangsverkäufe zur Folge, bei denen Kunstwerke weit unter ihrem Wert abgetreten wurden. Dass davon auch Emil Georg Bührle profitierte, dessen Firma die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges mit über 7000 20mm-Fliegerabwehrkanonen belieferte, lässt sich nur schwer abstreiten. So sagte Lukas Gloor, der Direktor der Stiftung Bührle, in einem Interview: «Heute sind wir sicher, dass die Sammlung keine Raubkunst umfasst, zumindest im engeren Sinne. Wir schliessen aber nicht aus, dass noch neue Informationen ans Licht kommen.»

Gut illustrieren lässt sich die Kontroverse anhand des Werks «Paysage» vom französischen Maler Paul Cézanne. Gemäss der Website der Stiftung verliessen die Vorbesitzer Martha und Berthold Nothmann Deutschland im Jahre 1939. Dass das Ehepaar, beide gläubige Juden, vor der Verfolgung durch die Nazis aus Deutschland flüchten musste, bleibt unerwähnt. Nachdem ihr Ehemann in London verstorben war, musste Martha Nothmann das Gemälde in den USA verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Nun hängt es im Eröffnungsraum des Kunsthauses, eine Infotafel, die die tragische Geschichte hinter dem Bild erklärt, ist nirgends zu entdecken.

Der Industrielle und Kunstsammler Emil Bührle präsentiert seine Kollektion. Während des Zweiten Weltkrieges machte ihn das Rüstungsgeschäft zum reichsten Schweizer.

Der Industrielle und Kunstsammler Emil Bührle präsentiert seine Kollektion. Während des Zweiten Weltkrieges machte ihn das Rüstungsgeschäft zum reichsten Schweizer.

Getty/Dmitri Kessel

Die Kritik am Kunsthaus Zürich rührt jedoch nicht nur von der teilweise unklaren Herkunft der Werke in der Sammlung des Multimillionärs her. Wie der Beobachter im August berichtete, wurden in der Nachkriegsarbeit Hunderte Mädchen zu Zwangsarbeit in einer Fabrik Bührles gezwungen. Zwar regelte das «internationale Übereinkommen Nr. 29» schon 1941, dass keine Schweizer Behörde Zwangs- oder Pflichtarbeit verhängen darf, bei der Spinnerei scheinen öffentliche Kontrollorgane aber gleich beide Augen zugedrückt zu haben.

0.015 Franken Stundenlohn

Wie ehemalige Zwangsarbeiterinnen gegenüber dem Beobachter erzählten, war an die Spinnerei in Dietfurt ein Mädcheninternat angeschlossen. Etliche Fürsorgebetriebe in der Deutschschweiz liessen dort vermeintlich schwer erziehbare Mädchen einweisen, die meisten von ihnen waren damals minderjährig. Insgesamt sollen in der Bührle-Spinnerei rund 300 Zwangsarbeiterinnen gearbeitet haben. Die Arbeiterinnen konnten nicht kündigen, hatten keinen Einfluss auf die Tätigkeit oder die Arbeitsbedingungen. Die heute 85-jährige Elfriede Steiger erhielt damals für 16 Monate Arbeit in der Spinnerei 50 Franken Lohn. Kurz vorgerechnet: Wenn eine für damalige Verhältnisse lockere Arbeitswoche von 48 Stunden angenommen wird, verdiente Steiger damals 0.015 Franken in der Stunde.

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