Aktualisiert 12.05.2012 11:01

Kampf der KulturenInternationales Hockey wird «schweizerischer»

Hockeyfestspiele in Helsinki: Finnlands spektakuläre Niederlage gegen Kanada (3:5) zeigt: Der Kampf der Hockey-Kulturen ist wieder entbrannt – und davon profitiert das Schweizer Hockey.

von
Klaus Zaugg
Helsinki

1954 stiegen die Sowjets ins internationale Hockey ein und gewannen gleich bei der ersten WM-Teilnahme den Titel. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre prägte der Kampf der Hockey-Kulturen die internationale Eishockeywelt. Noch verschärft durch einen Kampf der Gesellschaftsysteme (Sozialismus gegen Kapitalismus). Die nordamerikanische gegen die sowjetische Hockeyphilosophie. Talent, Beweglichkeit, Schnelligkeit und Kombinationspiel – das Kollektiv - gegen die Dynamik, die Wucht, die Härte und das Selbstvertrauen – den Individualismus – der Kanadier. Die Auseinandersetzung zwischen den Russen und den Kanadiern bescherte der internationalen Hockeywelt unvergessliche Höhepunkte: Die Super Serie von 1972 (erste Spiele zwischen NHL-Profi und den Sowjets) oder die Kanada Cup-Turniere von 1976, 1981, 1984 und 1987.

Mehr KHL-Spieler als NHL-Profis im Einsatz

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus schien auch im Eishockey das Ende der Geschichte gekommen: Die nordamerikanische Hockeykultur setzte sich durch, die besten Spieler aller grossen Hockeynationen wechselten in die NHL und die WM wurde seit 1993 durch NHL-Spieler dominiert. Die europäischen Hockeynationen holten jeweils so viele NHL-Profis wie möglich ins WM-Team. Alles NHL oder was? So schien es bis vor drei, vier Jahren.

Doch nun wirken sich die Reorganisation des russischen Klubhockeys und der Aufbau der grossrussischen Liga KHL immer mehr auf die WM und das internationale Hockey aus. In Helsinki sind mehr KHL-Spieler als NHL-Profi im Einsatz. Am spektakulärsten zeigt sich der Wandel bei den Finnen: Noch 2008 hatten sie 15 NHL-Profi und keinen einzigen KHL-Spieler im WM-Team. Jetzt sind es hier in Helsinki nur noch 4 NHL-Profi - aber 12 Spieler aus der KHL.

Das fliegende Kombinationspiel ist zurück

Die KHL, alimentiert von den Oligarchen, wird für europäische Spieler eine Alternative zur NHL. Die Zahl er Europäer in der NHL ist auf 221 geschrumpft, der tiefste Stand seit 1998/99. Das Erstarken der KHL hat direkten und positiven Einfluss auf die Hockeykultur. Das schnelle, präzise, fliegende Kombinationspiel aus der «belle Epoque» der 1970er und 1980er Jahre ist zurück im internationalen Hockey. Aber schneller, dynamischer und noch besser. Am spektakulärsten zelebriert von den Finnen, die heute bewusst auf die europäisch-russische Hockeykultur setzen. Diesem Kulturwandel verdanken sie den WM-Titel von 2011 mit nur noch 5 NHL-Profi und einem 6:1 im Finale gegen die nach wie vor sehr stark NHL-gläubigen Schweden.

Gegen die Kanadier zelebrierten die Finnen am Freitagabend sozusagen als Russen in blau-weiss jenes fliegende Hockey, das die Sowjets berühmt gemacht hat. Sie dominierten die Kanadier im ersten Drittel mit 14:4 Torschüssen (!) und führten 2:0. Zwar gelang es, die Führung in der 28. Minute auf 3:1 auszubauen – aber dann kehrten die Kanadier mit Kraft und Wucht und Disziplin ins Spiel zurück und siegten schliesslich 5:3. Die erste Niederlage für Finnland an dieser WM.

Fortschritte für europäische Nationalteams

Es war ein faszinierendes Spiel, das hockeytechnisch an die grossen Duelle zwischen den Sowjets und den Kanadiern erinnerte. Es zeichnet sich ab, dass die WM durch den Kampf der Hockeykulturen KHL und NHL sportlich enorm aufgewertet wird. Die europäischen Nationalteams, die nach dem Vorbild der Finnen wieder vermehrt auf Spieler in europäischen Ligen setzen, werden grosse Fortschritte machen: Die Länderspielpausen in allen europäischen Ligen machen es möglich, Nationalteams übers Jahr hinweg aufzubauen. So ist eine taktische Schulung besser möglich als bei einer Zusammenstellung des Teams mit NHL-Profi ein paar Tage vor Turnierbeginn.

Jahrelang dominierten beim WM Turnier bis über die Vorrunde hinaus die News über NHL-Stars, die zur WM kommen oder nicht zur WM kommen wollten oder konnten. Inzwischen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass es spielerisch wenig bringt und die Chemie in einem Team stört, wenn während des Turniers laufend neue Spieler aus der NHL nachnominiert werden. Zudem ist der Unterschied zwischen dem Spiel auf den kleineren nordamerikanischeren und den europäischen Eisfeldern so gross, dass eine Anpassung in zwei, drei Partien enorm schwierig ist. Gerade die Schweizer haben das in der ersten Turnierphase mit ihren enttäuschenden NHL-Profi Mark Streit, Luca Sbisa und Nino Niederreiter erfahren.

Neue Wertschätzung der eigenen Ligen

Auch wenn die aus NHL-Profi gebildeten Teams der Kanadier und Amerikaner eine enorme Bereicherung für das Turnier sind und die Kanadier diese WM durchaus gewinnen können - die Abhängigkeit von NHL-Spieler wird geringer, die NHL-Gläubigkeit der Europäer weicht einem neuen Selbstvertrauen und einer neuen Wertschätzung der eigenen Ligen. Inzwischen wäre es sogar wieder möglich, wie vor 1977 eine sportlich hochstehende WM ohne NHL-Profi zu spielen.

Von dieser Entwicklung profitiert letztlich auch die Schweiz: Unter dem Einfluss der KHL entwickelt sich das internationale Hockey in Richtung Lauf- und Tempospiel – in die Richtung jenes Eishockeys, das uns aus der NLA vertraut ist. Das internationale Hockey wird «schweizerischer». Dass die Schweizer trotz Niederlagen gegen die Finnen (2:5) und die Kanadier (2:3) über weite Strecken auf Augenhöhe spielten, hat mit dieser Entwicklung zu tun.

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