Kurz vor Primaten-Abstimmung – Internes Dokument soll Missstände bei der Affenhaltung im Basler Zoo belegen

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Kurz vor Primaten-AbstimmungInternes Dokument soll Missstände bei der Affenhaltung im Basler Zoo belegen

Ein elfseitiges Protokoll dokumentiert einen Mobbingfall unter Gorillas mit tödlichem Ausgang im Basler Zoo. Dieser sei bewusst in Kauf genommen worden, so die Anschuldigung der Whistleblower. Der Zoo wehrt sich gegen die Vorwürfe.

von
Lukas Hausendorf
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Ist bei der Haltung der Affen im Basler Zoo wirklich alles zum Besten bestellt? Ein internes Dokument, das anonym an Medien geleakt wurde, soll Zweifel säen. 

Ist bei der Haltung der Affen im Basler Zoo wirklich alles zum Besten bestellt? Ein internes Dokument, das anonym an Medien geleakt wurde, soll Zweifel säen.

Zoo Basel
Gorilla Zungu wurde gemobbt und verletzt vom Alpha-Männchen der Gruppe, das der Zoo im Rahmen eines Zuchtprogramms integrierte.

Gorilla Zungu wurde gemobbt und verletzt vom Alpha-Männchen der Gruppe, das der Zoo im Rahmen eines Zuchtprogramms integrierte.

Zoo Basel
Der Täter: Silberrücken M’tongé. Der Vorwurf: Er wurde geholt, obwohl man damit rechnen musste, dass es zu Problemen mit Zungu, dem anderen Mann in der Gruppe, im Gehege kommen würde.

Der Täter: Silberrücken M’tongé. Der Vorwurf: Er wurde geholt, obwohl man damit rechnen musste, dass es zu Problemen mit Zungu, dem anderen Mann in der Gruppe, im Gehege kommen würde.

Zoo Basel

Darum gehts

  • Interne Dokumente des Basler Zoos dokumentieren die Leidensgeschichte des Gorillas Zungu, der 2016 eingeschläfert werden musste.

  • Zuvor wurde er vom neuen Alpha-Männchen, das der Zoo im Rahmen des Europäischen Erhaltungsprogramms geholt hatte, gemobbt und auch verletzt.

  • Die Dokumente kommen zu einem heiklen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit: Basel stimmt demnächst über eine Initiative ab, die Primaten Grundrechte zugestehen will.

«Komplettes Versagen, die Tierwürde wird nicht beachtet», in einem anonymen Schreiben machen angebliche Mitarbeitende dem Basler Zoo in Zusammenhang mit der Affenhaltung schwerste Vorwürfe. Von Todesopfern bei den Schimpansen ist die Rede. Und bei den Gorillas sei Männlein Zungu einem jahrelangen Martyrium ausgesetzt worden, als man einen zweiten Mann ins Gehege brachte. «Er hatte den Todfeind im selben Raum. Es gab am Laufmeter Schlägereien und Beissereien», heisst es im Brief. Den Fall Zungu belegen die Autoren mit einem elfseitigen Wärterrapport.

Der Zoo kann sich allerdings nicht vorstellen, dass das Schreiben aus den eigenen Reihen stammt. Man habe davon bis jetzt auch keine Kenntnis gehabt, teilt Sprecherin Corinne Moser auf Anfrage mit. Sie bestätigt hingegen die Authentizität des Pflegeprotokolls, das aus einer internen Datenbank stamme.

Das Protokoll, das auch der «Basler Zeitung» zugespielt wurde, gelangt zu einem heiklen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit. Am 13. Februar stimmt das Basler Stimmvolk darüber ab, ob Primaten im Kanton Basel-Stadt Grundrechte erhalten sollen, sofern sie im Besitz des Kantons sind. Der Basler Zoo hat sich dezidiert gegen die Initiative ausgesprochen, die von der Organisation Sentience lanciert wurde.

Mobbing im Gorilla-Gehege

Der Brief belege, dass es auch im Zoo Missstände gebe und Mitarbeitende am Bild kratzen, das der Zoo gerne gegen aussen vermittelt», sagt Tamina Graber, Kampagnenleiterin der Initiative. Sie sagt, dass die Primaten-Initiative auch Zuspruch aus Reihen von Zoo-Mitarbeitenden erhalte.

Das Protokoll dokumentiert Zungus Krankheitsgeschichte ab dem 4. Oktober 2002 bis zum Tag seiner Einschläferung am 11. März 2016. Der Gorilla litt an Fuchsbandwurm, was laut dem Zoo allein schon eine «Euthanasie», wie die Einschläferung in der Fachsprache genannt wird, rechtfertigen würde. Aufgrund seiner Krankheitsgeschichte habe Zungu die Gruppe nicht selbst übernehmen können, als das Alpha-Männchen gestorben sei. Also wurde ein neues Männchen in die Gruppe integriert, der diese übernehmen sollte. «Daraufhin wurde Zungu aus der Gruppe verdrängt», heisst es in der Stellungnahme des Zoos.

Dass es zwischen Zungu und dem neuen Alpha-Männchen M’tongé zu Problemen kommen könnte, habe der Zoo bewusst in Kauf genommen, sagt eine Zoo-nahe Quelle gegenüber der «Basler Zeitung». Es sei wohl darum gegangen, dass der kastrierte Zungu keine Nachkommen mehr zeugen konnte, man diese aber im Rahmen des Zuchterhaltungsprogramms haben wollte. «Koste es, was es wolle», so die Whistleblower.

Alle Optionen sorgfältig abgewogen

Tierschutzprofessor Hanno Würbel von der Universität Bern sieht hier den Zoo in der Pflicht. Falls Mobbing tatsächlich regelmässig zum Verlust von Tieren führe, müssten die Verantwortlichen Massnahmen treffen, um dies zu verhindern, sagt er gegenüber der BaZ. «Gelingt dies bei einer Tierart unter den gegebenen Bedingungen nicht, dann sollte auf eine Haltung dieser Tiere verzichtet werden.»

Der Zoo hält indes fest, dass man – im Wissen darum, dass der neue Gorilla-Silberrücken für Zungu ein Problem werden könnte – alle Möglichkeiten sorgfältig abgewogen habe. Auch aufgrund von Erfahrungen mit anderen Gruppen in anderen Zoos sei man davon ausgegangen, dass ein neuer Silberrücken mit einem kastrierten Schwarzrücken zusammen funktionieren könnte. Es habe auch Situationen gegeben, in denen beide Männchen friedlich waren.

«Die Verletzungen, welche M’tongé Zungu zugefügt hat, waren nie lebensbedrohlich und sind immer gut verheilt. Entsprechend sah man im Expertengremium Tierpflege, Veterinärmedizin und Kuratorium keinen Anlass für eine frühzeitige Euthanasie», hält Moser fest. Auch die Abgabe in eine andere Gruppe oder die Einzelhaltung sei sowohl intern als auch mit externen Experten diskutiert worden. «Der gewählte Weg schien uns für Zungu und die Gruppe jedoch der beste.»

Zoo will Verantwortung nicht abgeben

Für Tamina Graber von Sentience zeigt der Fall Zungu, dass es im Zoo eine unabhängige Aufsicht brauche, die die individuellen Interessen der Primaten wahre. «Das heisst nicht, dass der Zoo keine Affen halten darf», betont sie. Dass sich Mitarbeitende des Zollis für die Initiative aussprechen, zeigt, dass es auch im Zoo möglich ist, ihnen diese eingeschränkten Rechte zu gewähren», betont sie.

Der Zoo hält hier dagegen. «Wir sind der Meinung, dass solche Abwägungen und Entscheide nur von Personen getroffen werden können, die bestens mit den Individuen vertraut sind. Genau dort sehen wir die Problematik in Bezug auf die Primateninitiative. Diese Verantwortung können und wollen wir nicht abgeben.»

Das will die Primaten-Initiative

Die Primaten-Initiative verlangt, dass für nichtmenschliche Primaten das Recht auf Leben und körperliche und geistige Unversehrtheit als Grundrecht in die Kantonsverfassung aufgenommen wird. Die Auswirkungen einer allfälligen Annahme der Initiative auf die Affenhaltung im Zoo sind indes unklar. Als privatrechtlicher Betrieb wäre der Zoo – wenn überhaupt – nur ganz eingeschränkt betroffen, da die geforderten Grundrechte nur für Primaten im Besitz von kantonalen Organen und Gemeinden gelte. Da der Kanton selbst und seine Institutionen wie die Universität und die Spitäler gar keine Primaten halten, würde der Schutz der derzeit im Kanton lebenden Primaten nicht unmittelbar verbessert, wie die Staatskanzlei in ihren Abstimmungserläuterungen festhält.

Du weisst von einem Tier in Not?

Hier findest du Hilfe:

Feuerwehr, Tel. 118 (Tierrettung)

Polizei, Tel. 117 (bei Wildtieren)

Tierrettungsdienst, Tel. 044 211 22 22 (bei Notfällen)

Schweizerische Tiermeldezentrale, wenn ein Tier entlaufen/zugelaufen ist

Stiftung für das Tier im Recht, für rechtliche Fragen

GTRD, Grosstier-Rettungsdienst, Tel. 079 700 70 70 (Notruf)

Schweizerische Vogelwarte Sempach, für Fragen zu Wildvögeln, Tel. 041 462 97 00

Tierquälerei:

Meldung beim kantonalen Veterinäramt oder beim Schweizer Tierschutz (anonym möglich)

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