Umstrittenes Trio: Intersexuelles Podest – wie weiter mit den 800 m?
Aktualisiert

Umstrittenes TrioIntersexuelles Podest – wie weiter mit den 800 m?

Ein hyperandrogenes Trio: Caster Semenya siegt über 800 m vor Francine Niyonsaba und Margaret Wambui.

von
Marcel Allemann
Rio
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Traumhochzeit: Caster Semenya (r.) und ihre Langzeitpartnerin Violet Raseboya haben in Südafrika geheiratet.

Traumhochzeit: Caster Semenya (r.) und ihre Langzeitpartnerin Violet Raseboya haben in Südafrika geheiratet.

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Die Mittelstreckenläuferin hat in den vergangenen Jahren für manche Kontroverse gesorgt, weil sie als intersexuell gilt und gegenüber den meisten Konkurrentinnen vom erhöhten Testosteronspiegel profitiert.

Die Mittelstreckenläuferin hat in den vergangenen Jahren für manche Kontroverse gesorgt, weil sie als intersexuell gilt und gegenüber den meisten Konkurrentinnen vom erhöhten Testosteronspiegel profitiert.

AP/Martin Meissner
An den Sommerspielen in Rio standen gar drei hyperandrogene Athletinnen auf dem 800-m-Podest: Francine Niyonsaba (l.), Caster Semenya und Margaret Wambui (r.).

An den Sommerspielen in Rio standen gar drei hyperandrogene Athletinnen auf dem 800-m-Podest: Francine Niyonsaba (l.), Caster Semenya und Margaret Wambui (r.).

epa/Yoan Valat

Semenya aus Südafrika, Niyonsaba aus Burundi und Wambui aus Kenia gelten als hyperandrogen. Das sind Menschen, die ohne eigenes Zutun einerseits weibliche Merkmale haben, aber auch männliche, deshalb bezeichnet man sie des Öfteren auch als das dritte Geschlecht oder intersexuell. Ihr Körper produziert unter anderem mehr Testosteron als bei Frauen üblich. Seit einem Beschluss des Internationalen Sportschiedsgerichts CAS in Lausanne nach Klage der indischen Sprinterin Dutee Chand müssen sie ihren Testosteronspiegel aber im Leistungssport nicht mehr senken.

«Da muss man endlich etwas machen»

Die Folge davon dürfte sein, dass es an den Olympischen Spielen in Rio nun ein hyperandrogenes Podest gegeben hat: Semenya vor Niyonsaba und Wambui. Bei Semenya hatte man zudem den Eindruck, dass sie ihren Lauf nicht einmal voll durchzog, sonst hätte sie womöglich sogar den Uralt-Weltrekord aus dem Jahr 1983 von Jarmila Kratochvilova (1:53,28) ins Wanken gebracht und die Kritiker wären erst recht auf den Plan getreten. Ein Problem haben die 800 m der Frauen nun aber auch so.

Die Frauen mit gewöhnlichen weiblichen Testosteronwerten gingen im Medaillenkampf leer aus und die Schweizerin Selina Büchel verpasste als Neunte wegen dem umstrittenen Trio den Final. Trotzdem geht die Toggenburgerin mit dem Thema durchaus sensibel um, indem sie sagt: «Ein sehr komplexes Thema. Ich bin froh, dass ich nicht darüber entscheiden muss.» Andere äussern sich wesentlich forscher. Die Amerikanerin Brenda Martinez lästerte etwa, als sie die Olympia-Qualifikation verpasste: «Es ist besser für mich, dass ich nicht dabei bin. Denn dort laufen Caster, Francine und Margaret. Da muss man endlich etwas machen.»

Neubeurteilung des CAS im Juli 2017

Semenya ist der prominenteste Fall. Nach ihrem WM-Titel 2009 wurde sie zunächst medial fast gelyncht und auch für zehn Monate suspendiert. Seither wurden die Regeln zwei Mal angepasst. Zunächst durfte sie nur noch starten, wenn sie ihren ihren Testosteronwert mit chemischen Mitteln auf weibliche Werte senkte. Und plötzlich war Semenya nicht mehr wirklich konkurrenzfähig. Doch seit das CAS mit seiner Beurteilung diesen Entscheid wieder umstiess, ist die Südafrikanerin so muskulös und schnell wie nie zuvor. Eine Neubeurteilung des CAS ist für Juli 2017 angekündigt. Und es stellt sich die Frage, ob die Spielregeln dann ein weiteres Mal geändert werden. Das Ergebnis über 800 m in Rio schreit fast danach.

Letztendlich geht es einzig darum: Was ist hier gerecht? Wenn Frauen mit gewöhnlichen Testosteronwerten chancenlos sind? Oder wenn Frauen mit männlichen Testosteronwerten, die es in der Gesellschaft ohnehin schon schwer genug haben, auch vom Leistungssport ausgegrenzt werden?

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