Aktualisiert 24.06.2004 12:38

Interview mit Rudi Völler

Rudi Völler will mit dem für viele überraschenden Rücktritt vom Posten des deutschen Teamchefs einem Nachfolger im Hinblick auf die (Heim-)WM 2006 den Weg ebnen.

«Es braucht jemanden, der unbefleckt ist», sagt Völler.

Rudi Völler, wann ist Ihr Rücktrittsentscheid gefallen?

Rudi Völler: «Ich hatte schon längere Zeit im Hinterkopf, dass es so nicht weitergehen konnte. Das Szenario, bei dieser EM in dieser schweren Gruppe nach der Vorrunde ausscheiden zu können, hatte ich bereits vor Augen. Nach dem Spiel stand dann meine Entscheidung fest, aber ich wollte zuerst noch mit dem Präsidenten und dem Generalsekretär reden. Sie wollten mich zwar noch umstimmen und dazu überreden, dass ich zunächst mal bis zum Konföderationen-Cup im kommenden Sommer weitermache. Aber das wäre ein verschenktes Jahr und meinem Nachfolger gegenüber nicht korrekt gewesen. Von daher denke ich, dass meine Entscheidung richtig ist.»

Welche Gründe haben für Sie den Ausschlag gegeben, zwei Jahre vor der WM in Deutschland ihr Amt aufzugeben?»

Völler: «Ich hatte das Gefühl, dass durch die WM im eigenen Land es nur jemand machen kann, der unbefleckt ist, der einen gewissen Kredit hat in diesen zwei Jahren, einen ähnlichen Kredit, wie ich ihn vor vier Jahren hatte. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass es nicht gut ist, wenn man einen Rucksack mit sich herumschleppt. Es wäre für mich in den nächsten Wochen und Monaten nicht mehr möglich gewesen, alles abzufangen.»

Hätten Sie die Mannschaft nicht gerne zur WM im eigenen Land geführt?

Völler: «Doch. Man muss in diesem Geschäft auch egoistisch sein, um etwas zu erreichen. Aber in diesem Fall wäre der Egoismus der falsche Freund gewesen. Es wäre fatal, wenn man an seinem Stuhl klebt.»

Fühlen Sie sich von der Mannschaft im Stich gelassen, und fehlte Ihnen in manchen Phasen vielleicht auch die Rückendeckung durch die Chef-Etage des DFB?

Völler: «Der Mannschaft kann ich keinen Vorwurf machen, sie hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles gegeben, auch wenn ich vom einen oder anderen sicher mehr erwartet hätte. Und zu DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder habe ich nach wie vor ein sehr gutes und herzliches Verhältnis. Es gab im Laufe unserer Zusammenarbeit intern ein paar Diskussionen, aber keine Probleme.»

Steht der deutsche Fussball vor einem ähnlichen Scherbenhaufen wie nach dem EM-Desaster vor vier Jahren?

Völler: «Nein. Die Zukunft sieht nicht so schlecht aus wie vor vier Jahren. Wir haben einige junge Spieler mit sehr guter Perspektive. Allerdings sind wir im offensiven Bereich nicht so gut bestückt wie die Top-Nationen, mit denen wir im Moment nicht mithalten können. Aber es gibt keinen Grund, so schwarz zu sehen wie nach der EM 2000. Wir können es schaffen, für 2006 eine gute Mannschaft zu bekommen.»

Was werden Sie jetzt machen?

Völler: «So kurz nach einer solchen Entscheidung ist es schwer, diese Frage zu beantworten. Ich werde mir aber sicherlich erst einmal eine Auszeit nehmen, um die Dinge zu verarbeiten. Ich ziehe mich aber nicht schmollend zurück und werde auch nicht auswandern. Ich werde alles dafür tun, damit das Unternehmen WM 2006 erfolgreich zu Ende geführt wird. Zudem werde ich dem DFB weiter verbunden sein. Wichtig ist für mich, dass ich irgendwo weiter helfen kann, dass wir die WM 2006 erfolgreich bestreiten. Auch meine Spieler können mich nach wie vor weiter anrufen. Das werden jetzt ein paar schwierige Tage, aber dann muss man wieder aufstehen.»

(si)

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