05.10.2020 15:01

«Introvertierte können sich viel besser anpassen»

Lockdown und Social Distancing waren für uns alle belastend. Doch Introvertierte sind laut einer Expertin besser mit den Einschränkungen klargekommen.

von
Gloria Karthan
5.10.2020

Zoom-Partys, Homeoffice und stundenlange Sessions mit Netflix oder Podcasts: Die Zeit während des Lockdowns war ganz schön nervenaufreibend und hat die Psyche vieler Menschen belastet – obwohl das Ganze entspannt klingt.

Je nachdem, welche Persönlichkeit in uns schlummert, hatte der Rückzug auf die eigenen vier Wände ganz unterschiedliche Auswirkungen. Denn während introvertierte Menschen ihre Batterien aufladen, indem sie ausreichend Zeit alleine verbringen, ziehen Extrovertierte ihre Energie oftmals aus sozialen Kontakten.

Der Zoom-Call ersetzt den Schwatz nicht

Wenn geselligere Menschen ihren Mitarbeitenden via Zoom-Call vom Wochenende erzählen, macht sie das nicht annähernd so happy, wie wenn sie das in der Kaffeepause im Büro machen. Viele Extrovertierte sind darum im Lockdown an ihre Grenzen gestossen – und tun es auch heute noch, wo Clubbing und innige Umarmungen mit Freunden für die Allermeisten flachfallen.

Introvertierte Menschen hingegen geniessen die Ruhe und Gelassenheit. «Sie profitieren von dem zusätzlichen Raum», sagt Laurie Helgoe, Psychologin und Autorin des Buches «Introvert Power» zu «Huffpost.com».

Das heisst allerdings nicht, dass Introvertierte den Lockdown genossen haben. Nach all der Me-Time fällt auch ihnen mal die Decke auf den Kopf und sie sehnen sich nach sozialen Kontakten. Denn wer introvertiert ist, sei damit noch lange nicht gerne ständig allein: «Introvertierte ziehen sich nicht zurück, um Beziehungen zu entfliehen», sagt Helgoe. «Das Gegenteil ist der Fall: Wir benötigen den Raum, um in unseren Beziehungen präsent zu sein.»

Der Lockdown war für uns alle eine anstrengende Zeit.

Der Lockdown war für uns alle eine anstrengende Zeit.

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Laut einer Expertin sind Introvertierte mit der speziellen Situation viel besser klargekommen.

Laut einer Expertin sind Introvertierte mit der speziellen Situation viel besser klargekommen.

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Das liege daran, dass Extrovertierte sich schwerer tun, längere Zeit alleine zu sein. Das haben viele im Lockdown lernen müssen.

Das liege daran, dass Extrovertierte sich schwerer tun, längere Zeit alleine zu sein. Das haben viele im Lockdown lernen müssen.

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Introvertierte müssen zweisprachig sein

Insgesamt hatten nach innen gerichtete Menschen aber weniger Mühe mit dem Lockdown. Laut Expertin liegt das daran, wie wir in unserer Gesellschaft sozialisiert wurden. Vermeintlich starke soziale Fähigkeiten werden bevorzugt, während wir eher selten dafür gelobt werden, gut alleine klarzukommen.

«Die Forschung zeigt, dass sich Introvertierte wie Extrovertierte verhalten können, um sich gewissen Situationen oder Konventionen anzupassen», sagt Helgoe. «Introvertierte müssen zweisprachig sein und sich ständig an unsere extrovertierte Gesellschaft anpassen.» Extrovertierten Menschen falle es hingegen schwer, sich introvertiert zu verhalten.

In diesem Jahr wars plötzlich andersrum: Während des Lockdowns mussten viele gesellige Menschen auf einmal lernen, sich selbst zu unterhalten. Diese Fähigkeit ist auch jetzt noch hilfreich.

Konflikte vorprogrammiert

Allerdings dauert es seine Zeit, bis wir solche neuen Verhaltensweisen lernen. Verbringen introvertierte und extrovertierte Personen viel Zeit auf engem Raum, wie es während des Lockdowns der Fall war, kann es schnell mal zu Konflikten kommen. Das können einige Paare oder Wg-Gspänli mit entgegengesetzten Persönlichkeitseigenschaften sicherlich bestätigen.

Wir alle hoffen natürlich, dass es in der Schweiz bei diesem einen Lockdown bleiben wird. Doch falls du das nächste Mal längere Zeit auf engem Raum mit deinem Gegenüber verbringen musst, lies am besten unsere Tipps in der Box durch.

Für Intro- und Extrovertierte

3 Tipps für ein entspanntes Zusammenleben

1. Sprich über deine Bedürfnisse

Sag deinem Partner oder deiner Partnerin, wenn du Zeit für dich brauchst. Oder wenn du gerne etwas gemeinsam unternehmen oder erzählen möchtest.

2. Hab Verständnis

Nimm es nicht persönlich, wenn dein Gegenüber nicht stundenlang mit dir quatschen will, sondern im Moment lieber ein Buch lesen oder eine Serie schauen möchte.

3. Geh Kompromisse ein

Passt es der einen Person im Moment gerade nicht, verabredet euch trotzdem zu einem späteren Zeitpunkt, damit eure gemeinsame Zeit nicht auf der Strecke bleibt.

Wie ging es dir im Lockdown? Bist du eher introvertiert oder extrovertiert? Diskutiere mit!

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10 Kommentare
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blume

16.09.2020, 20:16

ganz einfach .... introvertierte können besser zuhören und müssen nicht immer recht haben

Pesche FR

16.09.2020, 15:37

Mit anderen Worten, Extrovertierte rauben den Introvertierten ihre Energie. jetzt weiss ich warum ich abends immer so müde bin mach der Arbeit.

Amy

16.09.2020, 14:14

Dies gilt auch für viele Menschen im Autismusspektrum, wie Asperger etc.