«Irak: Der Bürgerkrieg»
Aktualisiert

«Irak: Der Bürgerkrieg»

Nach mehr als 35 000 toten Zivilisten im Irak hat die US-Fernsehgesellschaft NBC genug. Unter dem Logo «Irak: Der Bürgerkrieg» berichtet der Sender seit dieser Woche über die neuesten Ereignisse im Irak.

Damit verwendet der Sender nun zum grössten Missfallen des Weissen Hauses einen Begriff, den Präsident George W. Bush weiterhin meidet wie die Pest.

Der Sprecher des Weissen Hauses, Tony Snow, hielt dagegen. Von einem Bürgerkrieg könne keine Rede sein, beharrte er, «denn wir haben bisher keine Situation, in der zwei klar definierte Gruppen nicht nur um die Macht, sondern auch um Territorium kämpfen.»

Das wiederum brachte Bushs einstigen Aussenminister Colin Powell auf den Plan, der feststellte, dass der Irak in einen Bürgerkrieg «gesunken» sei. Bush selbst hatte zuvor am Rande des NATO-Gipfels ausweichend geantwortet und wie so häufig eine Verbindung zum Terrorismus hergestellt.

Krieg der Worte

Bürgerkrieg oder nicht: In den USA tobt ein Krieg der Worte um das richtige Wort dafür, was im Irak tobt. Die Debatte hat sich seit der jüngsten Zuspitzung der Gewalt verschärft. Nicht nur ausgesprochene Bush-Gegner, sondern auch immer mehr unabhängige Analytiker und Militärexperten werfen dem Weissen Haus einen semantischen Eiertanz vor, der bestenfalls von Realitätsferne zeuge.

«Wenn sie nicht ehrlich auf den Punkt bringen, was im Irak vor sich geht, dann können sie das Problem auch nicht angehen», zitiert die «Washington Post» den pensionierten General Barry McCaffrey, einen der US-Truppenkommandeure im Golfkrieg 1991.

Umdenken

Und jetzt, da NBC - wohl auch ermutigt durch den liberalen Aufschwung bei der jüngsten Kongresswahl - offiziell von der «religiös motivierten Gewalt» auf den «Bürgerkrieg» umstieg, werden andere Medien folgen.

So hat die «New York Times» bereits angekündigt, dass auch für sie der Bürgerkrieg kein Tabuwort mehr sein wird - wenn auch mit dem Begriff sehr sorgfältig umgegangen werden soll. Eine entsprechende Entscheidung der «Washington Post» wird erwartet.

Haarspalterei

Wird in vielen Lexika der Begriff Bürgerkrieg schlicht als Krieg zwischen politischen Parteien oder Regionen in einem Land definiert, gehen Experten des Weissen Hauses noch weiter.

Sie argumentieren unter anderem, dass ein Bürgerkrieg organisierte militärische Einheiten beinhalten müsse, die im Namen von Regierungen oder Quasi-Regierungen um Territorien kämpften. Das sei im Irak nicht gegeben. Eine Haarspalterei, «die man einfach lächerlich nennen würde, wenn die Lage im Irak nicht so traurig wäre», kommentierte eine Zeitung in Arizona die verbalen Klimmzüge des Weissen Hauses.

Berührungsängste

Analytiker sehen indes klare Gründe für die Berührungsängste der Regierung in Sachen «Bürgerkrieg». Zahlreiche Untersuchungen zeigten, dass die US-Bevölkerung ein Truppen-Engagement in Bürgerkriegen anderer Länder weitaus weniger unterstütze als etwa humanitäre Einsätze, sagt Christopher Gelpi von der Duke University.

Wie man die Dinge beim Namen nenne, mache einen psychologischen Unterschied, «auch wenn die Fakten auf dem Boden dieselben sind». Unterdessen ist für die US-Bevölkerung der Krieg der Worte anscheinend schon entschieden. Nach Umfragen hält eine satte Mehrheit die blutigen Auseinandersetzungen unter Irakern für einen Bürgerkrieg.

(sda)

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