Aktualisiert 20.10.2006 14:01

Irak: Mahdi-Miliz erobert Amara

Im offenen Widerstand gegen die Regierung in Bagdad hat die schiitische Mahdi-Miliz die Herrschaft in der südirakischen Stadt Amara übernommen.

Anhänger des radikalen Predigers Muktada al Sadr stürmten am Morgen nach Augenzeugenberichten drei Polizeistationen und zündeten Sprengsätze, die die Gebäude in Schutt und Asche legten. Ministerpräsident Nuri al Maliki entsandte eine Delegation aus ranghohen Beamten des Innenministeriums nach Amara. Diese traf einem Sprecher zufolge am Nachmittag am Stadtrand ein.

Irakische Soldaten und Polizisten bezogen nach britischen Militärangaben rund um Amara Stellung, um die Stadt mit 750.000 Einwohnern zurückzuerobern. Die gut 300 Kilometer südöstlich von Bagdad gelegenen Stadt am Tigris stand bis August unter der Aufsicht britischer Verbände, bevor die Kontrolle an die irakischen Sicherheitskräfte abgegeben wurde.

In den Strassen von Amara patrouillierten am Freitag rund 800 schwarz gekleidete Milizionäre mit Kalaschnikow-Gewehren in Polizeifahrzeugen, wie Augenzeugen berichteten. Strassensperren wurden errichtet, die Einwohner wurden über Lautsprecher aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben. Später zogen sich die Milizionäre wieder von den Strassen zurück. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sprach von einer einstweiligen Feuerpause, doch bleibe die Lage gespannt.

Bei den Kämpfen um Amara kamen am Freitagmorgen mindestens 15 Menschen ums Leben, darunter fünf Milizionäre und ein Polizist, wie Mediziner mitteilten. Auch seien etwa 60 Menschen verwundet worden.

Auslöser der Kämpfe war ein Mordanschlag vom Mittwoch auf den Chef des polizeilichen Geheimdienstes der Provinz Maisan, deren Hauptstadt Amara ist. Kassim al Tamimi gehörte zur schiitischen Badr-Brigade, die mit den Anhängern Al Sadrs verfeindet ist. Angehörige des Getöteten entführten zur Vergeltung den Bruder des örtlichen Kommandeurs der Mahdi-Miliz, die sie für die Tat verantwortlich machten. Am Donnerstag griffen deren Kämpfer deswegen die Polizeizentrale in Amara an.

Die anhaltende Gewalt im Irak hat nach Angaben der Vereinten Nationen seit Beginn des Krieges im März 2003 fast 915.000 Iraker in die Flucht getrieben. Etwa 755.000 seien aus ihren Wohnorten in andere Landesteile geflohen, die übrigen hätten den Irak ganz verlassen. Weit über 300.000 Menschen seien allein seit Beginn der neuen Gewaltwelle Anfang des Jahres zu Flüchtlingen geworden, erklärte das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) am Freitag in Genf. Mindestens 40.000 Iraker strömten derzeit jeden Monat nach Syrien. Die meisten Menschen haben laut dem UNHCR die Gebiete um die Hauptstadt Bagdad verlassen. (dapd)

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