Prestige-Event: Irak spielt Lehrmeister für die Araber

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Prestige-EventIrak spielt Lehrmeister für die Araber

Nach über 20 Jahren tagt die Arabische Liga erstmals wieder in Bagdad – paradoxerweise einer der derzeit weniger verfänglichen Orte in der arabischen Welt.

Kian Ramezani
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Kian Ramezani

Am 11. Mai 2011 trifft sich die Arabische Liga in Bagdad. Ursprünglich war der 29. März vorgesehen gewesen, doch aufgrund der Unruhen in zahlreichen arabischen Ländern wurde der Termin verschoben. Die Golfmonarchien wollten ihn sogar ganz ausfallen lassen, konnten sich aber mit ihrer Forderung nicht durchsetzen. Inmitten einer historischen Zeitenwende und erstmals seit über 20 Jahren wird die wichtigste Dachorganisation der arabischen Welt im Irak tagen.

Das letzte Treffen datiert vom 28. März 1990. Jordanien hatte auf einen Krisengipfel gedrängt, weil das Land aufgrund der Masseneinwanderung russischer Juden aus der Sowjetunion nach Israel und ins besetzte Westjordanland eine neue palästinensische Flüchtlingswelle befürchtete.

Der damalige irakische Staatschef Saddam Hussein eröffnete die Veranstaltung mit der Drohung, falls Israel die Araber mit nuklearen oder chemischen Waffen angreifen würde, werde er mit Massenvernichtungswaffen antworten. Nur vier Monate später startete er seine verhängnisvolle Invasion Kuwaits, mit der er eine internationale Militäraktion provozierte und seinen eigenen Untergang einleitete.

Bagdad fast konkurrenzlos

Noch vor wenigen Jahren, als der Irak in einem Bürgerkrieg auseinanderzubrechen drohte, wäre Bagdad als Austragungsort undenkbar gewesen. 2011 hingegen ist die Stadt am Tigris einer der wenigen denkbaren Austragungsorte überhaupt. In Ländern wie Libyen, Syrien, Bahrain und Jemen kommen derzeit bei Unruhen fast täglich Menschen ums Leben. In Jordanien und Algerien brodelt es unter der Oberfläche. Tunesien und Ägypten, die ihre Diktatoren aus dem Amt gejagt haben, sind mehrheitlich mit sich selbst beschäftigt.

Die Golfmonarchien stehen in der Kritik, sich mit ihrer Truppenentsendung nach Bahrain ungebührlich eingemischt zu haben. Der Libanon und die Palästinensergebiete sind Dauer-Sorgenkinder. Der Sudan steht vor der Teilung in einen christlichen und einen muslimischen Teil. Somalia ist ein gescheiterter Staat. Vor diesem Hintergrund erscheint die Wahl Bagdads trotz sporadischen Anschlägen und immer noch unbesetzten Kabinettsposten beinahe als konkurrenzlos.

Schwierige Fragen stehen an

Die irakische Regierung hat lange auf den prestigeträchtigen Event hingearbeitet und dafür einen ehemaligen Palast renovieren lassen – Kostenpunkt: 400 Millionen Dollar. Ursprünglich war er in den 1950er-Jahren für König Faisal errichtet worden, der aber vor seinem Einzug ermordet wurde. Später diente er Saddam Hussein, dann den amerikanischen Besatzungsbehörden als Bleibe. «Ich bin sehr stolz, dass wir den Termin eingehalten haben», sagte der sichtlich zufriedene irakische Aussenminister Hoschiar Zebari bei einer Führung durch den frisch renovierten Palast gegenüber Al Jazeera. «Bagdad ist bereit für den Gipfel der Arabischen Liga.»

Wer teilnehmen, wer fernbleiben wird, ist derzeit noch schwer abschätzbar. Doch der irakische Aussenminister macht unverständlich klar, dass auf all jene, die kommen werden, eine Reihe unangenehmer Fragen wartet: «Warum kommen die demokratischen Reformen in der arabischen Welt so spät, warum haben wir so viel Armut, warum werden den Menschen Freiheiten verwehrt?»

Der ehemalige US-Präsident George W. Bush wollte den Irak mit seiner Invasion 2003 zu einem Leuchtturm der Demokratie im Nahen Osten machen. Vielleicht frohlockt er dieser Tage, dass sein Plan – wenn auch unter radikal veränderten Vorgaben – ein bisschen aufgegangen ist.

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