Angst vor Überalterung: Iran will keine Gratis-Kondome mehr abgeben
Aktualisiert

Angst vor ÜberalterungIran will keine Gratis-Kondome mehr abgeben

Nach Jahrzehnten der Bemühungen, die Geburtenrate zu verringern, will die iranische Führung nun einen Babyboom im Land. Doch bei den Jungen stösst sie damit auf wenig Begeisterung.

Eine Krankenschwester betreut auf einer Geburtenstation in einem Spital in Teheran ein Neugebohrenes.

Eine Krankenschwester betreut auf einer Geburtenstation in einem Spital in Teheran ein Neugebohrenes.

Einst fürchtete der Iran eine Bevölkerungsexplosion und förderte massiv die Geburtenkontrolle. Jetzt droht dem Land eine Überalterung - Babys sind gefragt. Aber wie es aussieht, haben die jungen Paare im Land mittlerweile andere Vorstellungen von ihrem Leben.

Die Zeiten kostenloser Kondome im Iran sind vorbei, auch von der Regierung geförderte Sterilisationen für Männer gibt es nicht mehr. Stattdessen wird gepredigt, wie schön es sei, eine grössere Familie zu haben. Und es wird sogar darüber diskutiert, die Ankunft von Nachwuchs mit einer Goldmünze zu belohnen. Nach zwei Jahrzehnten der Bemühungen, die Geburtenrate zu verringern, will die iranische Führung nun einen Babyboom im Land. Jetzt gilt es, eine drohende Überalterung der Bevölkerung zu verhindern.

Junge wollen lieber studieren

Aber Paare davon zu überzeugen, dass mehr Kinder ein Segen sind, ist sehr schwierig, wenn die Wirtschaft wegen schlechten Managements und westlicher Sanktionen am Boden ist und die Inflation bei 36 Prozent liegt. «Eine Goldmünze würde nichts an den Überlegungen von Paaren ändern», sagt Mohammad Dschalal Abbasi, Leiter des Demografischen Instituts der Universität Teheran. «Viele jungen Iraner ziehen es vor, ein Studium zu absolvieren, nicht zu heiraten. Andere verschieben eine Heirat oder wollen keine grosse Familie, weil sie nicht genug Geld haben, ein Haus zu kaufen oder auch nur ihre Rechnungen zu bezahlen.»

Die Geburtenrate hatte nach der islamischen Revolution von 1979 mit 3,6 Kindern pro Paar einen Höhepunkt erreicht - damals war das weltweit eine der höchsten Quoten. Wenn das so bleibe, schätzten dann Experten, könnte der Iran allein bis 1990 rund 140 Millionen Menschen beheimaten. Um eine derartige Bevölkerungsexplosion zu verhindern, leiteten der oberste Führer Ajatollah Ali Chamenei und der damalige Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani eine Kampagne für Geburtenkontrolle ein.

Bevölkerungswachstum könnte auf null sinken

Die Iraner wurden mit Kondomen aus Massenproduktion eingedeckt, die Geburtenrate sank rapide. Sie liegt nun angeblich bei 1,8 Kindern pro Paar bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 77 Millionen Menschen. Experten sagen jetzt, dass die Kampagne vielleicht zu erfolgreich war, das Bevölkerungswachstum in den nächsten 20 Jahren auf null sinken könnte, wenn es nicht gelingt, den Trend umzukehren.

Und so hat der Staat eine komplette Kehrtwende gemacht. Chamenei, der in allen wichtigen Angelegenheiten das letzte Wort hat, steuert jetzt als Ziel ein Volk von 150 Millionen Menschen oder sogar noch mehr an. «Wenn wir weitermachen wie bisher, werden wir in nicht allzu ferner Zukunft ein Land der älteren Menschen sein», sagte der Ajatollah unlängst. «Warum ziehen manche Paare vor, ein oder zwei Kinder zu haben? Warum vermeiden es Paare, überhaupt Kinder zu haben? Die Gründe sollten untersucht werden.» Einen möglichen führte er dann selbst an: Entwicklungen im westlichen Leben, die man sozusagen geerbt, imitiert habe.

So werden Gläubige in Predigten nun dazu aufgerufen, Kinder in die Welt zu setzen - für die Zukunft des Landes. Mahdi Sedkasar, der einst in einer von der Regierung unterstützten Klinik im Iran Sterilisationen von Männern, sogenannte Vasektomien, vornahm, konzentriert sich jetzt auf Vorbeugemassnahmen gegen Aids und auf die Gesundheitsfürsorge für Fabrikarbeiter. «Vasektomien hier haben völlig aufgehört», sagt Sedkasar. «Sie wurden vor acht Monaten gestoppt. Es gibt kein Budget für die Begrenzung des Bevölkerungswachstums mehr.»

Weniger Ehe-Schliessungen, mehr Scheidungen

Manche Experten führen die sinkende Geburtenrate darauf zurück, dass die Zahl der Eheschliessungen stetig zurückgegangen und die der Scheidungen gestiegen ist. Andere verweisen auf die schlechte Wirtschaftslage. Nach offiziellen Angaben liegt die Arbeitslosenquote bei zwölf Prozent, aber einige Experten aus der Privatwirtschaft meinen, dass nahezu jeder dritte Iraner keinen Job hat.

Seit Juli ist ein Gesetz in Kraft, das den bisherigen Mutterschaftsurlaub von bisher sechs auf neun Monate verlängert und es Vätern erlaubt, sich zwei Wochen freizunehmen. Und dann wird über das Goldmünzen-Geschenk debattiert. Aber das alles ist vielleicht nicht genug, um eine Trendwende zu bewirken. Die Familienkultur habe sich unhängig von finanzieller Stabilität und Arbeitsplatzsicherheit geändert, sagt Ali Akbar Mahsun, Chef der Regierungsbehörde für Statistiken.

23 Millionen Menschen im heiratsfähigen Alter

Demnach haben die Iraner früher durchschnittlich im Alter von Anfang 20 geheiratet, heute tun sie den Schritt in ihren späten 20ern. Und während etwa 23 Millionen Menschen im heiratsfähigen Alter sind, haben elf Millionen von ihnen nicht den Bund fürs Leben geschlossen. Auch wohlhabende Leute mit sicherem Job hätten kein Interesse daran, mehr als zwei Kinder zu haben, sagt Mahsun. Aber ein Arbeitsplatz und erschwingliche Unterkünfte würden sicher die Fortpflanzungsfreude fördern.

Hussein Masudi, ein 43-Jähriger mit zwei Sprösslingen, kann da nur zustimmen. Ihn halten wirtschaftliche Gründe von mehr Nachwuchs ab. «Anstatt mehr Kinder zu haben, ziehen meine Frau und ich es vor, uns auf eine bessere Ausbildung unserer zwei Kinder und eine Verbesserung unserer Lebensqualität zu konzentrieren.» (sda)

Deine Meinung