«Das wahre Gesicht gezeigt» – Iranische Frauen wehren sich gegen Stadionverbot und Pfefferspray-Einsatz
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«Das wahre Gesicht gezeigt»Iranische Frauen wehren sich gegen Stadionverbot und Pfefferspray-Einsatz

Der Iran wird derzeit heftig für Geschehnisse während des letzten WM-Quali-Spiels kritisiert. Im asiatischen Land selbst kämpfen seit mehreren Jahren mutige Frauen für Gleichberechtigung beim Fussball. 

von
Nils Hänggi

Dieses Video soll den Pfefferspray-Einsatz der Sicherheitskräfte zeigen.

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Darum gehts

  • Zuletzt wurde iranischen Frauen der Zutritt zu einem Fussball-Länderspiel verwehrt. 

  • Die Kritik war daraufhin gross. 

  • Nun spricht eine Frau, die sich seit Jahren mit diesem Thema auseinandersetzt. 

  • Sie sagt: «Beim Libanon-Spiel hat die Islamische Republik ihr wahres Gesicht gezeigt.»

Das Entsetzen in der Fussball-Welt über die Geschehnisse im Iran war gross. Das letzte Quali-Spiel des bereits für die WM qualifizierten Iran fand am letzten Mittwoch nicht wie üblich in der Hauptstadt Teheran, sondern in der religiösen Stadt Maschad im Nordostiran statt. Online waren zwar Karten für die weiblichen Fans zur Verfügung gestellt worden, doch die Frauen standen mit ihren gültigen Tickets bis zum Spielende vor verschlossenen Toren.

Offenbar sollen Sicherheitskräfte sogar mit Pfefferspray gegen Frauen vorgegangen sein, die auf dem zugesagten Einlass ins Stadion bestanden hatten. Videos auf Social Media zeigen dies (siehe oben). Ursprünglich hatten das Sportministerium und der Verband 2000 Frauen erlaubt, die Partie (2:0) am Dienstag anzusehen. Die Folge: Viele forderten den WM-Ausschluss des asiatischen Landes, das am Freitag in die Gruppe B mit England, den USA und Wales, Schottland oder der Ukraine gelost wurde. Auch die Fifa zeigte sich besorgt. 

Iranische Frauen haben es in Sachen Fussball in ihrer Heimat nicht leicht. 

Iranische Frauen haben es in Sachen Fussball in ihrer Heimat nicht leicht. 

imago images/NurPhoto

Iranische Frauen wehren sich

Mittlerweile sind seit dem Vorfall mehrere Tage vergangen. Was ist seither passiert? Ist ein WM-Ausschluss wirklich realistisch? Und könnte Europameister Italien nachrücken? Das deutsche Fussball-Magazin «11 Freunde» hat mit einer Iranerin gesprochen, die seit 2005 zusammen mit anderen Frauen für Frauenrechte in ihrem Heimatland, insbesondere für den Zugang zu Fussballstadien, kämpft. Die Frau, die anonym bleiben will, sagt: «Der Oberste Führer (Ali Chamenei, d. Red.) ist gegen Frauen im Stadion.» Und: «Beim Libanon-Spiel hat die Islamische Republik ihr wahres Gesicht gezeigt.»

Die Freiheitskämpferin ist mutig. Sie und ihre Mitstreiterinnen betreiben seit 2013 den Twitter-Account «Open Stadiums». Auf diesem informieren sie immer wieder über Ungerechtigkeiten und wollen das Problem in die Welt hinaustragen. Und das es ein solches gibt im Iran, das ist Fakt. Über vier Jahrzehnte war Frauen der Besuch von Fussballspielen untersagt gewesen. Auf Druck des Weltverbandes Fifa durfte jedoch in den vergangenen zwei Jahren eine limitierte Anzahl von Frauen zumindest zu zwei WM-Qualifikationsspielen und zum asiatischen Champions-League-Final ins Teheraner Asadi Stadion. Bis zum Skandal beim letzten WM-Quali-Spiel feierte sich die Fifa für diesen Erfolg. 

Die Iranerin meint: «Der Verband bringt ein paar ausgewählte Frauen, die ihm nahestehen, ins Stadion, um auf seinem Instagram-Profil Fotos von ihnen zu verbreiten.» In den freien Verkauf seien Karten für Frauen so gut wie nie gegangen. «Und wenn, dann endet es so wie zuletzt.» Auch spricht sie den Tiefpunkt der Bewegung an. 2019 schlich sich Sahar Chodayari, Fan von Esteghlal Teheran, ins Stadion und wurde festgenommen. Sie kassierte eine sechsmonatige Haftstrafe, zu der es aber nie kam. Chodayari zündete sich selbst an und erlag später ihren Verletzungen. «Es war ein wahnsinnig schwerer Moment für unsere Bewegung. Es wurde klar, dass es hier nicht nur um beiläufiges Fussballgucken geht», so die Freiheitskämpferin. 

«WM-Ausschluss wäre traurig»

Über einen WM-Ausschluss Irans würde sie sich derweil nicht freuen. Beim Turnier hätten sie die Möglichkeit, ihre Stimmen zu erheben und Frauenrechte einzufordern. Und weiter: «Ausserdem sind wir immer noch Fans dieser Mannschaft, weshalb es wahnsinnig traurig für uns wäre.» Dass es auch wirklich zu einem Rausschmiss kommt, ist aber ohnehin unwahrscheinlich. Die Fifa hat noch nie ein Land von einer WM-Endrunde ausgeschlossen. 

Viele Fussball-Fans, die es mit Europameister Italien haben, wird dies enttäuschen. So gab es zuletzt Gerüchte, dass die Italiener nachrücken würden, wenn der Iran von der Weltmeisterschaft in Katar ausgeschlossen wird. Ein weiteres Indiz, das Italien wirklich keine Chance hat, sind Aussagen des Fifa-Exekutivmitgliedes Evelina Christillin. Sie meinte gegenüber Radio Uno: «Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass Italien zur Weltmeisterschaft fahren könnte. Das ist unmöglich und die Vorstellung, dass sie nachrücken könnten, ist Utopie.»  

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