Identitätsdiebstahl - «Irgendein Perversling benutzt meine Fotos, um online Frauen anzumachen!»
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Identitätsdiebstahl«Irgendein Perversling benutzt meine Fotos, um online Frauen anzumachen!»

Seit über einem Jahr treibt ein Betrüger sein Unwesen auf der Dating-Plattform Tinder. Er benutzt Fotos von Paul (28) und erstellt damit zahlreiche Fake-Profile. Paul geht zur Polizei, doch viel kann diese nicht ausrichten.

von
Deborah Gonzalez
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Ein Unbekannter hat Pauls (28) Identität geklaut und verschiedene Profile auf der Dating-Plattform Tinder eröffnet …

Ein Unbekannter hat Pauls (28) Identität geklaut und verschiedene Profile auf der Dating-Plattform Tinder eröffnet …

Unsplash
… Einmal heisst er Lukas und ist 29 Jahre alt …

… Einmal heisst er Lukas und ist 29 Jahre alt …

Privat
… Auf dem nächsten Profil heisst er Andreas und ist wieder 29 Jahre alt.

… Auf dem nächsten Profil heisst er Andreas und ist wieder 29 Jahre alt.

Privat

Darum gehts

  • Paul (28) entdeckt auf Tinder verschiedene Profile, auf denen ein Betrüger seine Bilder nutzt, um Frauen rumzukriegen.

  • Mithilfe einer Freundin findet er die Telefonnummer des Betrügers heraus, doch das hilft ihm nicht weiter.

  • Auch die österreichische Polizei ist keine grosse Hilfe. Paul wird nicht ernst genommen.

  • In der Schweiz ist juristisches Vorgehen in einem solchen Fall auch schwierig: Der Straftatbestand Identitätsdiebstahl ist im Schweizer Strafgesetzbuch nicht aufgeführt.

Eigentlich ist der Österreicher Paul (28) in einer glücklichen Beziehung. Das denkt er und das denkt auch seine Freundin. Aber in seinem Umfeld fängt das Bild der intakt wirkenden Beziehung langsam an zu bröckeln ganz ohne sein Zutun.

Schuld daran sind unter anderem «Lukas (29)» und «Andreas (29)». Die Männer haben eines gemeinsam: Alle lächeln verschmitzt in die Kamera und erscheinen auf den Handy-Displays von Frauen, die auf Tinder auf der Suche nach Dates sind. Doch Lukas und Andreas sind Fake. Ihre Profile sind geschmückt mit den Fotos von Paul. «Als ich mich selbst auf Tinder gesehen habe, dachte ich, ich spinne!», sagt der 28-Jährige.

«Die Polizei hat mich nicht ernst genommen!»

Angefangen hatte alles im April 2020, als Paul von einer Unbekannten eine Facebook-Nachricht erhielt: «Ich habe den Verdacht, dass jemand deinen Namen und deine Fotos für sein Tinder-Profil missbraucht. Dieser jemand schreibt ziemlich niveaulos. Ich will einfach nur, dass du das weisst.» Er sei aus allen Wolken gefallen. «Irgendein Perversling benützt meine Fotos, um auf Tinder Frauen anzumachen. Er will Fotos und explizite Nachrichten erhalten, um sich aufzugeilendas ist schon heftig!», sagt Paul. Seine Freunde und er haben das Profil bei Tinder gemeldet und etwa genauso schnell, wie es erschienen war, war es wieder weg. Doch die Erleichterung hielt nur kurz, denn schon bald tauchte ein neues Profil mit anderen Fotos von Paul und einem anderen Namen auf. Erneut war der Unbekannte mit Pauls Gesicht auf Frauenjagd.

Immer mehr Leute in seinem Umkreis sahen das Profil auf Tinder, doch viele wussten, dass es sich dabei nicht um Paul handelte. So auch eine Studienkollegin, die den vermeintlichen Paul auf Tinder angeschrieben hat (siehe Bild) und so an die Telefonnummer des Betrügers kam. Aber der Unbekannte ist nie ans Telefon gegangen, egal wie oft Paul es versucht hat. Er meldete auch dieses Tinder-Profil. «Aber das kann nicht die Lösung sein. Es ist nämlich ganz leicht, immer wieder ein neues Profil zu eröffnen. Eine Löschung bringt nichts.»

Paul ging zur Polizei, wollte den unbekannten Betrüger anzeigen. Doch der anwesende Polizist habe ihn nicht ernst genommen. «Er hat mich gefragt, ob ich nicht doch selbst dahinter stecke und mich hinter dem Rücken meiner Freundin austoben wolle. Ausserdem wurde mir gesagt, dass ich damit hätte rechnen müssen, wenn ich meine Bilder poste», erinnert sich der 28-Jährige.

Dass seine Profile öffentlich sind, habe einen Grund: «Ich bin Journalist, es ist meine Aufgabe, offen zu sein. Wenn ich mich verstecke, mache ich etwas falsch.» Das sah der Polizist anders. Solange nichts Schlimmeres wie eine Gewalttat oder ein Betrug passiere, sei die Tat nicht strafrechtlich relevant, erfährt Paul. «Ich war einfach nur enttäuscht und habe mich alleingelassen gefühlt. Die Gesetze lassen kaum etwas zu. Zu wissen, dass das Treiben dieses Perverslings nicht unterbunden werden kann, ist frustrierend

«Wer will mich am Boden sehen? Und warum?»

Anhand der Telefonnummer des Betrügers konnte die Polizei einen Namen ermitteln, doch der bringt Paul nicht weiter. «Es ist ein total geläufiger Name, wie Max Mustermann.» Er sorgt sich: «Wer weiss, was der Typ mit meinen Bildern noch anstellt. Welcher Ruf sich daraus für mich ergibt. Ich frage mich jeden Tag, ob jemand dahinter steckt, der mir was Böses will. Ich bin in mich gegangen, habe überlegt. Ist es vielleicht Rache? Oder Eifersucht? Ist es vielleicht sogar jemand aus dem eigenen Freundeskreis? Wer will mich am Boden sehen und vor allem warum?»

Doch Paul ist nicht der Einzige, der unter dem Unbekannten leidet. Auch seine Freundin hat eine schwere Zeit hinter sich, wie der Österreicher erzählt: «Es war sehr belastend. Sie hat zwar nie an mir gezweifelt, aber trotzdem war das Bild nach aussen nunmal das, dass ich untreu bin.» Geschadet habe es der vierjährigen Beziehung trotzdem nicht. «Es hat uns stärker gemacht, weil wir wissen, dass wir uns lieben und immer füreinander da sind!»

«Ich habe noch immer Angst, dass er ein weiteres Profil eröffnet»

«Eigentlich ist es traurig und arm. Bei den Betrügern handelt es sich wohl um Menschen, die in ihrem dunklen Kämmerchen versuchen, online in einen anderen Menschen zu schlüpfen, um so ihre eigenen Komplexe zu vergessendenen muss geholfen werden.»

In den letzten Monaten scheint es still geworden zu sein. Kein Andreas, kein Lukas, die auf Tinder ihr Unwesen treiben. Trotzdem macht Paul sich Sorgen: «Im Hinterkopf habe ich noch immer Angst, dass er wieder ein Profil eröffnet. Ich hoffe, dass die Polizei mittlerweile aktiv geworden ist und Kontakt zu dem Typ aufgenommen hat. Denn theoretisch könnte er in genau diesem Moment Nacktbilder verschicken oder noch schlimmer, Frauen dazu drängen, ihm welche zu senden oder sich mit ihm zu treffen. Und das mit meinen Bildern!»

Wie sieht es in der Schweiz aus?

Die Kantonspolizei Zürich sagt auf Anfrage: «Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass der Straftatbestand «Identitätsdiebstahl» im Schweizer Strafgesetzbuch nicht aufgeführt ist. Entscheidend sind verschiedene Faktoren, welche schlussendlich strafrechtlich relevant sind. Die Kantonspolizei Zürich appelliert diesbezüglich auch an die Userinnen und User zu prüfen, welche Bilder öffentlich bereitgestellt werden und wie die Privatsphäre in den Plattformen eingerichtet ist. Wenn die Bilder/Inhalte durch die Täterinnen und Täter durch Hacking/Phishing erlangt worden sind oder damit zum Beispiel Betrug, ehrverletzende Darstellungen etc. erstellt werden, kann bei der Polizei eine Anzeige erstattet werden.

Bei einer Anzeigeerstattung sollten der Polizei möglichst viele Screenshots von Original-Profil und Fake-Profil abgegeben werden; wenn möglich auch in digitaler Form. Weiter ist die Dokumentation der Kommunikation mit dem User oder der Userin hinter dem Fake-Profil sehr wichtig. Die Mitarbeitenden der Kantonspolizei Zürich nehmen bei einer solchen Anzeige mit den Spezialisten der Abteilung Cybercrime für die Klärung von Detailfragen Kontakt auf. Weiter empfiehlt die Kantonspolizei Zürich, dass sich die Nutzerinnen und Nutzer nach einer solchen Feststellung sofort bei den Betreibern der Plattform melden und die Sperrung/Löschung beantragen.»

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