22.02.2019 10:41

In der Gastro-Küche

«Irgendeine Hand hast du immer auf dem Arsch»

Frauen sind in der Gastronomie untervertreten. Warum, wollte ein Dokfilm an der Berlinale herausfinden.

von
Lucien Esseiva
1 / 8
Der Dokumentarfilm «The Heat: A Kitchen (R)evolution» porträtiert sieben Top-Köchinnen und zeigt ihre Karrieren in der Gastronomie. Eine der Protagonistinnen ist Anne-Sophie Pic (49). Die Französin ist die einzige Köchin, die in Frankreich mit drei «Michelin»-Sternen ausgezeichnet ist.

Der Dokumentarfilm «The Heat: A Kitchen (R)evolution» porträtiert sieben Top-Köchinnen und zeigt ihre Karrieren in der Gastronomie. Eine der Protagonistinnen ist Anne-Sophie Pic (49). Die Französin ist die einzige Köchin, die in Frankreich mit drei «Michelin»-Sternen ausgezeichnet ist.

Screenshot
Aber nicht nur Superstar-Köchinnen kommen zu Wort, sondern auch Frauen, wie Anita Lo (l.), die in Europa noch nicht so bekannt ist.

Aber nicht nur Superstar-Köchinnen kommen zu Wort, sondern auch Frauen, wie Anita Lo (l.), die in Europa noch nicht so bekannt ist.

Das Thema ist brandaktuell, denn laut vielen Frauen in der Food-Industrie ist sexueller Missbrauch oder Belästigungen in Küchen an der Tagesordnung.

Das Thema ist brandaktuell, denn laut vielen Frauen in der Food-Industrie ist sexueller Missbrauch oder Belästigungen in Küchen an der Tagesordnung.

Unsplash / Michael Browning

«Irgendeine Hand hast du immer auf dem Arsch», sagte die Berlinerin Rike Schindler in einem «Stern»-Interview über ihre Zeit als Köchin in den besten Lokalen der Stadt. Sexuelle Belästigungen, Anzüglichkeiten und Schikanen gegenüber Frauen seien in allen Top-Küchen dieser Welt an der Tagesordnung. Sich dagegen zur Wehr zu setzen, bringe oft nichts, sagt sie.

Noch krasser wurde das Problem an der diesjährigen Berlinale geschildert. Der Eröffnungsfilm des Kulinarischen Kinos «The Heat: A Kitchen (R)evolution» geht auch der Frage nach, warum es Frauen in der Spitzengastronomie noch immer so schwer haben.

Antworten lieferte im Film unter anderem Anne-Sophie Pic, die einzige Drei-Sterne-Köchin Frankreichs. Sie sagt: «Weibliche Chefs werden noch immer in eine Schublade gesteckt, dabei sind wir auch einfach nur Köchinnen. Mann oder Frau, das macht für mich keinen Unterschied.»

«Missbrauch in Sterneküche ist Alltag»

Vertieft wurde das Thema in einer Podiumsdiskussion, bei der Maya Gallus, die Regisseurin des Dokumentarfilms, die Londoner Sterneköchin Angela Hartnett (Restaurant Murano in London) und Maria Canabal, die Gründerin des Parabere Forums, dem grössten Netzwerk für Frauen in der Food-Industrie, ihre Sicht der Dinge schilderten. Besonders Canabal zeichnete ein düsteres Bild: «Jeder Ort, der von Männern dominiert ist, und das gilt nicht nur für Profiküchen, ist ein gefährlicher Ort für Frauen.»

Die Autorin lebt seit langem in Frankreich und kennt die Gastroszene bestens. «Missbrauch in Sterneküchen ist dort Alltag», sagt sie. Zur Wehr setzen sich die wenigsten Frauen. Warum? «Die Fine-Dining-Szene ist klein. Zeigt man seinen Chef an, ist man für den Rest des Lebens auf der schwarzen Liste.»

Wie ist die Situation in der Schweiz?

«Die hiesige Spitzengastronomie ist ein schönes, respektvolles Miteinander», sagt Tanja Grandits (48), die wohl erfolgreichste Sterneköchin der Schweiz. Sie habe nie negative Erfahrungen gemacht, sagt sie zu 20 Minuten. Das sei sicherlich mit ihrem starken Selbstbewusstsein zu erklären, aber auch mit der Tatsache, dass sie sich im Beruf keine Gedanken über ihr Geschlecht macht. Ihr Appell: «Egal ob Frau oder Mann – mach einfach dein Ding!»

«Wenn man als Frau von vornherein von einer Benachteiligung ausgeht, dann tritt man im Job gehemmt und blockiert auf. Von diesen Gedanken sollte man sich lösen und einfach tun, was man am besten kann», ist Tanja Grandits überzeugt. Die Spitzenköchin weiss aber auch, dass nicht alle Frauen so viel Durchsetzungsvermögen haben wie sie. Darum will Grandits Frauen, die am Anfang ihrer Karriere stehen, gezielt fördern und coachen.

«Nicht die Frauen, sondern die Industrie muss sich ändern.»

Doch wo liegen die Probleme genau? Für Angela Hartnett ist klar, dass jeder Chef die Verantwortung für das Klima in seinem Unternehmen trägt. «Es liegt an mir, eine Umgebung zu schaffen, in der jegliche Art von Missbrauch gar nicht stattfindet oder sofortige Konsequenzen hat», sagt sie. Canabal fügt an: «Nicht die Frauen, sondern die Industrie muss sich ändern.»

Haben Sie auch schon in einer Profiküche gearbeitet und als Frau schlechte oder auch gute Erfahrungen gemacht? Schreiben Sie Ihre Erlebnisse ins Kommentarfeld. Wir freuen uns auf eine angeregte Diskussion!

Trailer zu «The Heat: A Kitchen (R)evolution»:

(Video: Youtube/HotDocsFest)

«The Heat: A Kitchen (R)evolution» der kanadischen Filmemacherin Maya Gallus porträtiert sieben Küchenchefinnen aus aller Welt. Jede der Protagonistinnen erzählt ihre eigene, bewegende Geschichte und schildert die vielen Kämpfe, die sie als Frau in einer Profiküche auszufechten hatte. Anne-Sophie Pic, eine der besten Köchinnen der Welt, bringt das Problem ziemlich gut auf den Punkt: «Mann oder Frau, das ist egal. Wir sind einfach nur Köche».

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.