Aldi-Chef: «Irgendwann sprechen wir von Aldi-Kindern»

Aktualisiert

Aldi-Chef«Irgendwann sprechen wir von Aldi-Kindern»

Bei Aldi gebe es keine Lockvogelangebote, sagt Schweiz-Chef Timo Schuster. Zum zehnjährigen Jubiläum von Aldi Suisse hat er eines seiner seltenen Interviews gegeben.

von
S. Spaeth

Herr Schuster, die Chefs von Migros und Coop zählen in der Schweiz zur Prominenz. Sie als Aldi-Chef sind der breiten Bevölkerung aber unbekannt. Weshalb?

Das ist Teil unserer Philosophie. Wir versuchen nicht einen einzelnen Manager in den Vordergrund zu stellen. Relevant ist für uns, welche Leistung wir als Unternehmen dem Kunden bringen. Es gibt bei Aldi keinen Personenkult.

Das tönt jetzt sehr nach Aldi-Vorgabe aus Deutschland.

Nein, das ist eine schweizerische Haltung. Die Schweiz ist ein Land, wo die Einzelperson nicht zu sehr im Vordergrund steht. Es gibt keinen Starkult wie in anderen Ländern. Deswegen deckt sich die Haltung der Firma zu hundert Prozent mit meiner Meinung.

Wie oft kommen die Aldi-Chefs aus Deutschland in die Schweiz auf Besuch?

Mitglieder des obersten Managements kommen regelmässig vorbei, zwei bis drei Mal im Jahr. Für die Mitarbeiter ist das jeweils ein grosser Tag.

Nach zehn Jahren in der Schweiz gibt sich Aldi überaus schweizerisch. Wie sehr mussten Sie sich von Deutschland emanzipieren?

Wir sind ein Unternehmen, das sich sehr gut an einzelne Länder anpassen kann. Es ist Teil des Aldi-Erfolgs, dass wir uns ab dem ersten Tag bezüglich des Sortiments, der Werbung und der Kommunikation dem neuen Markt anpassen. Wir sind als Aldi Suisse zu 100 Prozent eine Schweizer Firma, die aber in eine Unternehmensgruppe eingebunden ist. Daraus ergeben sich beispielsweise Vorteile im Einkauf. Welche Waren wir im Schweizer Regal haben, ist eine Schweizer Entscheidung.

Die ganze Swissness-Strategie scheint stark Image-getrieben.

Unsere Philosophie ist immer die, zuerst etwas zu tun und erst danach darüber zu sprechen. Folglich machen wir alles zu seiner Zeit. Die Schweizer Herkunft und die Nachhaltigkeitsstrategie haben nur einen Sinn, wenn der Kunde auch darüber Bescheid weiss. Swissness hat für uns einen grossen Mehrwert. Die Schweizer erwähnen oft, sie seien Migros- oder Coop-Kinder. Mein Ziel ist, dass wir in der Schweiz irgendwann von Aldi-Kindern sprechen.

Ihre Konkurrenten behaupten immer wieder, Aldi würde Lockvogel-Angebote machen, bei denen Aldi gar nichts mehr verdienen würde. Liegen die Kritiker richtig mit dem Vorwurf?

Wir machen nie Lockvogel-Angebote, den Ausdruck lehnen wir seit jeher ab. Wir bieten unseren Kunden einfach attraktive Preise. Durch unsere hohe Effizienz und unsere Grösse können wir anders kalkulieren und kommen mit einem geringeren Aufschlag aus als die Mitbewerber.

Dann gibt es nie ein Produkt, bei dem Sie drauflegen?

Das ist so definitiv nicht geplant.

Derzeit gibt es 178 Schweizer Aldi-Filialen. Damit scheint man hinter dem ursprünglichen Plan zu sein.

Unsere Expansion ist nicht ins Stocken geraten. Wir werden in diesem Jahr fünf neue Filialen eröffnen, im letzten Jahr waren es sogar neun. Seit 2010 haben wir mehr Filialen eröffnet als unsere Hauptmitbewerber. Es gibt einen typischen Expansionsverlauf, der sich auch in anderen Ländern zeigt. Zu Beginn ist die Expansionskurve flach, dann steigt sie stark an und flacht dann wieder etwas ab. Das liegt an den verfügbaren Grundstücken.

Wie viele Aldi-Filialen wird es in fünf Jahren geben?

Ich kann keine Zahl nennen. Wir planen aber möglichst viele Standorte, das Problem ist die Verfügbarkeit. Die Nachfrage ist gerade in den Ballungszentren sehr gross. Auf Zürcher Stadtgebiet haben wir erst drei Filialen, es gäbe aber schon morgen eine genügend grosse Nachfrage für zwanzig Aldi-Standorte. Die Expansion ist in Zürich viel schwieriger als in anderen Regionen.

Der Detailhandel setzt stark auf den Online-Kanal. Andere Anbieter sind hier viel weiter als Aldi.

Unsere Konkurrenten haben riesige Summen in den Online-Handel investiert, dennoch sind die Marktanteile im klassischen Lebensmittelhandel in der Schweiz unter einem Prozent. Aldi ist im Online-Handel kein Frühstarter, derzeit gibt es aber in England erste Schritte. Wir warten diese Tests ab. Ist der Erfolg in England da, ist ein Online-Shop auch in der Schweiz denkbar.

2015 ist für den Detailhandel wegen des enormen Einkaufstourismus sehr schwierig. Werden Sie noch wachsen können?

Wir wachsen bei den Kunden zweistellig und auch beim Umsatz können wir zulegen. Und das trotz der schwierigen Währungssituation. Folglich sind wir sehr zufrieden.

Zehn Jahre Aldi Suisse

Aldi eröffnete am 27. Oktober 2005 die ersten vier Filialen in Weinfelden (TG), Amriswil (TG), Altenrhein (SG) und Gebenstorf (AG). Exakt zehn Jahre später ist Aldi Suisse mit 178 Filialen in 24 Kantonen der Schweiz vertreten und beschäftigt über 2500 Mitarbeitende sowie rund 130 Lernende. Der Discounter hat die Preiskultur in der Schweiz nachhaltig verändert und den Preiskampf angezettelt. In den letzten 10 Jahren wurde das Sortiment von 700 auf 1300 Artikel ausgebaut. Inzwischen wird rund die Hälfte des Sortiments von einheimischen Lieferanten und Produzenten bezogen. Den anfängli-chen Ressentiments und Protektionismusversuchen der etablierten Mitbewerber und deren angeschlossener Industriebetriebe konnte erfolgreich entgegnet werden, wie Aldi in einer Medienmitteilung schreibt. (sas)

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