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Heimlicher Königsmacher«Irgendwie wollen alle liberal sein»

Geograf Michael Hermann ist der Erfinder des Smartvote-Spider und einer der einflussreichsten Politbeobachter im Land. Er sieht den Umgang mit seinen Methoden skeptisch.

von
L. Egli und L. Mäder
Ein Artfremder mischt die Politologen auf: Geograf Michael Hermann.

Ein Artfremder mischt die Politologen auf: Geograf Michael Hermann.

Wer ist konservativer: die Grünen oder die SVP?

Das kommt sehr drauf an, was man in den Mittelpunkt stellt. Beide Parteien sind bei den Polen: Die SVP ist in Gesellschaftsfragen die konservativste, die Grünen sind es in Wirtschaftsfragen.

Entsprechend haben Sie die Grünen kürzlich auf einer Ihrer Politkarten in die konservative Ecke gestellt. Ist Ihnen da ein Fehler unterlaufen, wie die linke «Wochenzeitung» behauptete?

Das war ein Missverständnis. Wenn es nur um gesellschafts- und staatspolitische Themen gegangen wäre – Cannabis-Liberalisierung, Sterbehilfe, erleichterte Einbürgerung – wären die Grünen tatsächlich in der liberalen Zone. Aber wir haben eben auch wirtschaftspolitische Vorlagen einbezogen. In diesen Fragen sind die Grünen tatsächlich konservativ.

Wie haben die Grünen reagiert?

Nationalrat Jo Lang hat sich sehr über die Positionierung aufgeregt. Bei anderer Gelegenheit haben sich auch schon Geri Müller und Andreas Gross beschwert. Sie sagen, ich würde einem Ladenöffnungszeiten-Liberalismus das Wort führen. Interessant daran ist, dass alle irgendwie liberal sein wollen.

Warum wollen die Grünen denn liberal sein?

Das ist eine gute Frage. In meinem Liberalitätsrating, das ich für die «NZZ am Sonntag» erstellt habe, waren die Grünen in Gesellschaftsfragen die liberalsten. Das nahmen viele euphorisch zur Kenntnis. Nationalrat Bastien Girod gab sich auf Facebook triumphal. Irgendwie ist es absurd, dass in einer Zeit, wo der Liberalismus so diskreditiert ist, alle liberal sein wollen. Aber scheinbar transportiert der Begriff immer noch Offenheit und Modernität.

SVP-Vordenker Christoph Blocher behauptete einmal, Ihr Liberalitätsrating sei sowieso gekauft.

Genau, weil nicht die SVP sondern die FDP als wirtschaftsliberalste Partei erschien. Nur zwei Tage später regte sich dann allerdings die FDP furchtbar auf, weil ich dem «Migros Magazin» sagte, die FDP könne bei Wahlen nur verlieren. Ich mache selbstverständlich Dinge gegen Bezahlung. Ich habe unter anderem ein Rating für den Gewerbeverband gemacht. Dass die «NZZ» dieses dann als KMU-Rating anpreist, hat mich dann doch erstaunt. Das Liberalitätsrating allerdings habe ich nach klaren sachlich-inhaltlichen Kriterien erstellt und nicht, um einer Partei zu gefallen. Aber klar: Das Rating würde anders aussehen, wenn es jemand anderes gemacht hätte.

Wie das?

Was liberal ist, muss man definieren. Da hat jeder Autor einen gewissen Spielraum.

Gibt es in der Wissenschaft denn keinen Konsens darüber?

Nein, da gibt es ganz unterschiedliche Ansätze. Was im angelsächsischen Raum als liberal gilt, bezeichnen wir als linksliberal oder sozialdemokratisch. Dort ist liberal eine rein gesellschaftliche Frage; im kontinentaleuropäischen Ansatz ist es eine Frage der Wirtschaft. In der Schweiz im speziellen haben die Liberalen auch eine staatspolitische Dimension – sie haben den Bundesstaat gebaut.

Bei welcher Partei ist die Diskrepanz zwischen Liberalitätsanspruch und Realität am grössten?

Bei den Grünliberalen. Sie führen das Liberale im Namen, sind in Wirtschaftsfragen aber nicht sonderlich liberal, und auch in Gesellschaftsfragen sind sie konservativer als SP, Grüne und FDP. In vielem haben die Grünliberalen eine eher konservative Wertebasis.

Eine Mogelpackung also?

Das würde ich nicht sagen. Aber sie operieren mit einem schwammigen Liberalitätsbegriff. Die Grünliberalen sind für mich eher grünkonservativ.

Wie stark lassen sich Politiker von Ihren Ratings beeinflussen?

Stärker, als mir lieb ist. Das zeigt sich im Parlament: Der Nationalrat stimmt anders als der Ständerat. Nationalräte sind sich heute sehr bewusst, dass ihr Stimmverhalten in Ratings erscheint. Das ist ein Problem. Die Ratings werden überschätzt.

Sagt ausgerechnet der Meister dieser Ratings!

Meine Methode stört bisweilen die Qualität der freien Debatte im Parlament. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Volksvertreter zuwenig selbstbewusst sind und sich manchmal wie Schüler benehmen, die auf Noten schielen. Barack Obama wurde im Vorfeld seiner Wahl von einer Zeitschrift als der linkste Senator dargestellt, und das in einem Land, in dem man nicht links sein darf. Obama hat sich nicht darum geschert – und ist trotzdem Präsident geworden.

Was versteht ein Geograf eigentlich von Politik?

Per se gar nichts. Als ich zu studieren anfing, gab es die Politikwissenschaften noch nicht als Hauptfach. Geografie gefiel mir, weil sie Sozialwissenschaftliches mit Technischem verbindet. Geografie ist auch Kartografie. Inhaltlich stiess ich bald auf unsere Volksabstimmungen, die wir in der Schweiz wegen der Gemeindestruktur wie nirgendwo sonst auf der Welt im politischen Raum positionieren können. So habe ich angefangen, die Schweiz nach politischen statt nach geografischen Gesichtspunkten zu zeichnen. Mittlerweile verstehe ich ein bisschen was von Politik.

Als Artfremder haben Sie sich viele Feinde gemacht in der Politikwissenschaft.

Für gewisse Politologen bin ich eine wandelnde Provokation. Vielleicht weil ich ein bisschen eine Wildsau bin und nicht darauf achte, in wessen Garten ich pflüge.

Sind Sie der Vermesser der politischen Schweiz?

Angeblich. Deswegen werde ich auch angegriffen. Lustig ist, dass ich meine Grafiken selbst nicht uneingeschränkt gut finde. Mir gefällt daran, dass man politische Positionen visualisieren kann. Was den Umgang mit meiner Arbeit angeht, bin ich aber eher skeptisch.

«Wer Demokratie vermisst, schafft sie ab», sagt Ihre schärfste Kritikerin, die Politologin Regula Stämpfli. Gefährden Sie die Demokratie?

Das wäre interessant – wenn meine Tools die Demokratie gefährden könnten! Das gäbe mir viel Macht. Nein, dieser Satz ist völlig übertrieben. Ich berichte einfach über das Parlament – ich stelle Öffentlichkeit her. Ratings werden erst dann ein Problem, wenn sie zu einem Fetisch werden.

Sind sie das nicht längst geworden?

Ja, zum Teil. Das zeigte sich unter anderem während der Berner Ständeratswahl im Februar. Jeder wedelte mit einem Rating, buhlte mit seiner Position.

Und überall hatten Sie Ihre Finger im Spiel. Waren Sie der Königsmacher?

Ich denke nicht, dass Amstutz von der SVP wegen eines Ratings gewonnen hat. Ob er oder Ursula Wyss von der SP gewählt wird, hat eben nicht nur mit politischen Positionen zu tun, sondern auch mit dem Auftreten. Obama hat eine charismatische Art – den Leuten war es letztlich egal, wie links er ist. Die Wähler vertrauen auf ihren Instinkt.

Wählen Sie selbst nach Smartvote?

Selbstverständlich nutze ich das Tool, aber ich entscheide längst nicht nur nach Smartvote. Ich wähle oft Leute, von denen ich weiss, dass sie etwas geleistet haben. Ein Grünschnabel, der zufällig dasselbe Profil hat wie ich, ist nicht unbedingt der Politiker, den ich als Repräsentanten in Bern haben will.

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