Aktualisiert 14.09.2016 16:02

Krieg in SyrienIS erhält 300 Mio Dollar von Schleppern

Der «Islamische Staat» verdient an den Fluchtbewegungen, die die Jihadisten selbst mitverursachen. Es besteht die Gefahr, dass die Balkanroute über eine Hintertür wieder geöffnet wird.

von
mch
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Schlepperbanden schicken Flüchtlinge regelmässig mit überfüllten und nicht seetauglichen Booten aufs Mittelmeer: Die europäische Grenzagentur Frontex greift ein Boot voller Flüchtlinge in der Nähe von Italien auf. (7. September 2015)

Schlepperbanden schicken Flüchtlinge regelmässig mit überfüllten und nicht seetauglichen Booten aufs Mittelmeer: Die europäische Grenzagentur Frontex greift ein Boot voller Flüchtlinge in der Nähe von Italien auf. (7. September 2015)

Ein italienisches Kriegsschiff nimmt Flüchtlinge auf. (30. August 2016)

Ein italienisches Kriegsschiff nimmt Flüchtlinge auf. (30. August 2016)

Keystone/Italian Coast Guard
Die Migranten aus Afrika sind oft in überladenen, alten Botten unterwegs. (30. August 2016)

Die Migranten aus Afrika sind oft in überladenen, alten Botten unterwegs. (30. August 2016)

Keystone/Italian Coast Guard

Die Terrormiliz «Islamischer Staat» soll über Schlepper-Netzwerke rund 300 Millionen Dollar eingenommen haben. Das berichtet die österreichische Zeitung «Kurier» mit Bezug auf Zahlen des US-Nachrichtenmagazins «Time». Zum Vergleich: Gemäss UN-Schätzungen soll sich der jährliche Kostenaufwand der Jihadisten für Bewaffnung, Bezahlung der Kämpfer und andere «Leistungen» auf ungefähr 500 bis 800 Millionen Dollar belaufen.

Der IS agiert gleichzeitig also als Fluchtursache und -profiteur zugleich. So sollen die Jihadisten Flüchtlingscamps an der syrisch-jordanischen Grenze bewusst angegriffen haben, um die Flüchtlingskrise – und damit ihre Einnahmen – weiter anzukurbeln.

Andere Einnahmequellen teils unterbunden

Damit haben sich die Einnahmequellen des IS weitgehend verschoben. Zu Beginn finanzierten sich die Jihadisten des Ende Juni 2014 selbstproklamierten «Islamischen Staats» über private Spenden aus Saudiarabien und Katar sowie aus dem Verkauf von Kunstgegenständen und Öl aus eroberten Gebieten.

Diese Finanzströme versiegen hauptsächlich, weil die Ölindustrie durch US-Bombenangriffe weitgehend lahmgelegt wurde und die Türkei stärker gegen den IS vorgeht – und den Schmuggel über ihre Grenze stärker unterbindet.

Der Grund für die Finanzflüsse von Schleppern zum IS liegt laut dem «Kurier» darin, dass offenbar neue Gruppierungen die Schlepper-Routen übernommen haben. So sei die lahmgelegte Balkan-Route derzeit in der Hand arabischer Gruppierungen. Gemäss Insider-Informationen gelte Budapest als Umsteigeplatz, dort würden dann tschetschenische Kriminelle die Weiterleitung der Flüchtlinge nach Westeuropa organisieren. Dabei würden auch bereits in Europa lebende Flüchtlinge als Transport-Helfer angeworben.

Balkanroute «über eine Hintertür» öffnen

Der oberste österreichische Schlepper-Ermittler, Gerald Tatzgern, bestätigt gegenüber der Zeitung, dass Gelder aus dem Schlepperwesen zum IS fliessen: «Die Finanzströme der Schlepper weisen in Richtung Islamischer Staat, aber auch zur [kurdischen] PKK», so Tatzgern.

Dabei zeichne sich ab, dass oft Ägypten als Einstiegsland für die gefährliche Überquerung des Mittelmeers nach Europa dient. Zurzeit führe die Route hauptsächlich über Italien. Viel deute aber darauf hin, dass künftig Griechenland angesteuert werde, schreibt die Zeitung. Speziell die griechische Insel Kreta werde oft genannt.

So könnte die Balkanroute «über eine Hintertür» wieder geöffnet werden. Die grosse Zahl flüchtender Menschen vom letzten Jahr dürfte aber gemäss nicht näher benannten Experten ausbleiben, schreibt die Zeitung.

Zielt Ägypten auf einen Flüchtlingsdeal ab?

Die Vorteile für die Schlepper in Ägypten liegen auf der Hand: Anders als in Libyen, wo Bürgerkrieg herrscht, und in der Türkei, die bis anhin den Flüchtlingsdeal mit der EU durchsetzt, können sie in Ägypten relativ ungestört agieren – denn die Behörden leisten keine Amtshilfe.

Das Land hofft wohl auf einen ähnlich lukrativen Flüchtlingsdeal, wie die Türkei ihn hat, schreibt der «Kurier». Sollte die Route über Ägypten in Zukunft tatsächlich verstärkt gebraucht werden, könnte Präsident al-Sisi – wie schon Erdogan vor ihm – die Flüchtlinge als Druckmittel gebrauchen. Dass der IS an diesen Fluchtbewegungen mitverdient, würde al-Sisis Verhandlungsposition wohl zusätzlich stärken.

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