Reality-Show im Irak: IS-Kämpfer treffen im TV auf Opfer-Familien
Aktualisiert

Reality-Show im IrakIS-Kämpfer treffen im TV auf Opfer-Familien

Im irakischen Fernsehen feiert die Sendung «Im Griff des Gesetzes» Top-Quoten. Darin müssen militante Islamisten über ihre Verbrechen sprechen. Menschenrechtler üben Kritik.

von
kko
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Moderator Hassan Ahmed (2.v.r.) holt die «schlimmsten Verbrecher des Landes» vor die Kamera.

Moderator Hassan Ahmed (2.v.r.) holt die «schlimmsten Verbrecher des Landes» vor die Kamera.

Keystone/AP/Hadi Mizban
So etwa den 21-jährigen Haider Ali Motar (im gelben Overall).

So etwa den 21-jährigen Haider Ali Motar (im gelben Overall).

Keystone/AP/Hadi Mizban
In der Reality-Show «Im Griff des Gesetzes» werden gefangene Terroristen vorgeführt, was die Menschen davor abschrecken soll, das Gesetz zu brechen.

In der Reality-Show «Im Griff des Gesetzes» werden gefangene Terroristen vorgeführt, was die Menschen davor abschrecken soll, das Gesetz zu brechen.

Keystone/AP/Hadi Mizban

Die Iraker lieben das Format: Jeden Freitag sehen sich gemäss «France 24» neun Millionen Zuschauer die Reality-Show «Im Griff des Gesetzes» des Staatssenders al-Iraqiya an, in der gefangene Terroristen von Moderator Ahmed Hassan und seinem Team vorgeführt werden.

Hassan versucht, den in gelben Overalls gekleideten Männern Details zu ihren Taten und ihrer Nähe zum «Islamischen Staat» zu entlocken. Zum jeweiligen Fall präsentiert die Sendung ausserdem Bilder, etwa von Überwachungskameras, von den Anschlägen, die die Tat des Islamisten beweisen sollen.

Höhepunkt der Show ist, wenn der Moderator die mit Handschellen gefesselten Islamisten mit ihren Opfern und deren Angehörigen konfrontiert.

Tränen der Terroristen

«Im Griff des Gesetzes» wird in Zusammenarbeit mit den irakischen Behörden produziert. Ziel sei es, dass die Täter Reue zeigen und die Zuschauer davor abgeschreckt werden, das Gesetz zu brechen, heisst es.

Vor die Kamera gezwungen wird so auch der 21-jährige Haider Ali Motar. Vor rund einem Monat wurde er wegen Beihilfe zur Durchführung mehrerer Autobombenanschläge in Bagdad verurteilt, die im Namen einer IS-nahen Extremistengruppe durchgeführt wurden.

Wie viele «schlimmste Verbrecher des Landes» vor ihm, wird auch Motar den Angehörigen eines seiner Opfer gegenübergestellt und bricht in Tränen aus. Das passiere oft, sagt Moderator Hassan. Die Crew lässt keine Zweifel daran, dass die Protagonisten Kriminelle sind. Vor laufender Kamera legen sie Geständnisse ab. Zuvor standen sie bereits vor Gericht.

Scharfe Kritik von Amnesty International

Bei den Zuschauern ist die Sendung extrem beliebt, Menschenrechtsorganisationen sind alarmiert. «Das irakische Justizsystem ist so kaputt und die Rechte der Angeklagten werden regelmässig verletzt, dass es praktisch unmöglich ist, sicher zu sein, dass die Männer frei sprechen können», sagt Donatella Rovera von Amnesty International.

Viele Terrorverdächtige seien auf der Grundlage von «Geständnissen» verurteilt worden, die ihnen unter Folter abgenommen worden seien, so Rovera.

Die Anti-IS-Propaganda greift bisher allerdings nur bei der Zuschauer-Quote. Die Terrormiliz muss sich um Nachwuchs nach wie vor keine Sorgen machen.

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