Propagandakrieg: IS missbraucht toten Aylan für Flüchtlings-Kampagne

Aktualisiert

PropagandakriegIS missbraucht toten Aylan für Flüchtlings-Kampagne

Der Flüchtlingsstrom aus dem Irak und Syrien bereitet Europa Kopfzerbrechen – aber auch dem «Islamischen Staat». Jetzt hat die Terrormiliz eine Kampagne lanciert.

von
gux

Die Flüchtlingskrise beschäftigt nicht nur Europa, auch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat sich des Themas in einer grossangelegten Kampagne angenommen, wie das Middle East Media Research Institute schreibt. In 13 Videos, zahlreichen Artikeln, Pamphleten und Social-Media-Posts versucht der IS, Muslime von der Flucht aus Syrien und dem Irak abzuhalten. Wer nach Europa flieht, so die Terroristen, lande im ewigen Höllenfeuer.

Der Hintergrund: So wie Europa unter der Last der Hunderttausenden von Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten ächzt, setzt die Abwanderung aus Irak und Syrien die Terroristen unter Druck. Zum einen widerlegt die grosse Zahl von Fluchtwilligen die IS-Propaganda, wonach Muslime aus aller Welt in das ausgerufene Kalifat zwischen Irak und Syrien strömen. Dazu wird die Rekrutierung erschwert: Auch junge, kampffähige Männer versuchen dem Krieg und Terror daheim zu entfliehen. Der IS, das legt die nachdrücklich betriebene Propagandakampagne nahe, hat offenbar ein demographisches Problem.

Die IS-Flüchtlingskampagne gründet in erster Linie auf der Verdammung all jener, die in den Westen fliehen. Die Flüchtlinge würden zusätzliches Unglück erfahren – und das zu Recht, verraten sie in den Augen der Extremisten doch die muslimische Pflicht zur Hidschra («Migration»). Demnach sollen Muslime in islamisches Herrschaftsgebiet und nicht in feindliche, nicht-islamische Länder auswandern. Für die Extremisten gehören allein die Gebiete unter IS-Herrschaft zur «Heimat des Islam» («Dar al-Islam»), während der Westen für sie «Dar al-Kufr», «Heimat der Ungläubigen» ist. In dieser extremistischen Sichtweise verletzen alle Muslime, die nicht in IS-Gebiet ziehen, ihre religiöse Pflicht.

Schweinefleisch, Prostitution, Erniedrigung

Was die irakischen und syrischen Muslime in Europa erwartet, will der IS mit Fotos aus Europa belegen: mit Bildern des kleinen Aylan, dem syrischen Flüchtlingskind, das die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland nicht überlebte, mit brennenden deutschen Asylheimen, mit tränengassprühenden ungarischen Polizisten, mit Parolen schreienden Rechtsextremen.

Im Westen, so die IS-Propaganda, erwarten die Flüchtlinge vor allem Erniedrigung und Ehrlosigkeit. «Bei Allah, ich war in Frankreich, in Paris», schreibt ein IS-Kämpfer auf Twitter, «und ich sah die Flüchtlinge, wie sie in den Strassen und Parks schlafen mussten. Die Ungläubigen brachten ihnen manchmal Essen und Getränke. Aber hier, im Land des Islamischen Staates, wird uns ein würdiges Leben ermöglicht.»

Ein weiterer IS-Kämpfer schreibt: «Wollt ihr wirklich in ein Land gehen, wo die Menschen Schweine essen und Wein trinken und wo offen über Korruption und Unmoral gesprochen wird? Die Leute, die in den Westen wandern, werden erniedrigt, in Allahs Namen. Ruhm gibt es nur im Islamischen Staat, nirgends sonst.» In einem weiteren Video fragt ein IS-Prediger aus Mosul, Irak: «Werden die Flüchtlinge im Westen ihre Frauen beschützen können? Es sind Länder der Prostitution, Allah möge uns davor beschützen, Länder von Unmoral und Wein, von Unzucht und Verdorbenheit. Wie könnt ihr dort eure Frauen beschützen?»

Flüchtlingshilfe als «Verschwörung» des Westens

Dass Europa, allen voran Deutschland, Flüchtlinge willkommen heisst, gehört in den Augen des IS zu einer Verschwörung des Westens: Die «Ungläubigen» wollten mit der Willkommensgeste vor allem Muslime missionieren und zum Christentum bekehren. «Alles, was sie wollen, ist, dass du deinen Glauben an Mohammed aufgibst», heisst es etwa. Ein anderer Radikaler schreibt auf Twitter: «Die wahren Gründe, dass der Westen Flüchtlinge aufnimmt, ist die Möglichkeit, diese auszubeuten und sie zu Christen zu machen. Das ist allein daran ersichtlich, dass der Papst die Kirchen und die Gläubigen dazu aufgerufen hat, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen.»

Dem «IS-Land» wird in der Propaganda einmal mehr als Hort des Friedens und des materiellen Komforts gehuldigt. «Bei Allah, wir essen, trinken, geniessen es, haben Klimaanlagen, Autos, Internet, Handys, alles dank Allah», heisst es unter anderem. Die Flüchtlingsströme erzählen allerdings eine andere Geschichte.

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