Aktualisiert 05.05.2010 12:54

Krisenmanagement

Island atmet durch: «Besser als die Griechen»

Die Isländer haben schon vieles hinter sich, was den Griechen noch bevorsteht. Nach Bankenkollaps und Vulkanausbruch herrscht wieder Optimismus.

von
Thomas Borchert, dpa

Trotz beängstigend viel Vulkanasche sehen die Isländer wieder mehr Licht am Horizont. «Wir stehen besser da als die Griechen. Es läuft viel besser als erwartet, ich bin sehr optimistisch», sagt Aussenminister Össur Skarphédinsson, der die kleine Inselrepublik im Atlantik möglichst schnell in die EU bringen will.

Dass Island in Brüssel derzeit nicht willkommen sein könnte, weil das Land als Folge der Finanzkrise relativ zur Bevölkerung noch wesentlich höher verschuldet ist als das Euro-Sorgenkind Griechenland, glaubt er nicht: «Ich höre nur immer wieder von meinen Kollegen aus der EU, dass wir hochwillkommen sind.»

Tatsächlich erhalten die mit ihren drei grössten Banken vor anderthalb Jahren gegen die Wand gefahrenen Wikinger-Nachfahren Lob des Internationalen Währungsfonds (IWF): Es sei «verblüffend», was die 320 000 Insel-Bürger seit dem Zusammenbruch ihres Finanzsektors durch strammes Sparen erreicht hätten:

Der IWF verweist auf den konstanten Kursanstieg der Landeswährung Krone, den moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 7 Prozent statt befürchteter zweistelliger Zahlen, die schnelle Reorganisierung der Banken und die positive Entwicklung im Aussenhandel.

Kabeljau-Preise steigen

«Sogar der Ozean meint es gut mit uns», freut sich der Aussenminister, denn die Weltmarktpreise für Kabeljau als Islands traditionell wichtigstes Exportprodukt sind wieder gestiegen. «Und die Hering-Bestände vor unserer Küste haben historische Grössenordnungen erreicht.»

Seit die gescheiterten Kreditabenteuer isländischer Banker dem Land eine Schuldenlast von 300 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung beschert haben, steht die Fischerei als wichtigste Branche wieder mehr im Blickpunkt. Und sie läuft derzeit gut.

Dasselbe gilt für die Aluminium-Schmelzen, die gegen heftigen Widerstand von Umweltschützern nach Island geholt wurden, um die einseitige Abhängigkeit von Fischfängen zu vermindern.

Der Tourismus boomt

Ebenso wie der weltweit wieder steigende Appetit auf Leichtmetall hilft der Mitte-links-Regierung von Ministerpräsidentin Jó«Hanna» Sigurdardóttir, dass der Tourismus als dritte wichtige Branche seit dem letzten Jahr boomt.

Das Jahr 2009 brachte 10 bis 15 Prozent Zuwachs, weil Islands atemberaubende Natur wegen des niedrigen Kronen-Kurses auf einmal für jedermann vom europäischen Kontinent erschwinglich wurde.

Arni Gunarsson, Präsident der isländischen Tourismus- Organisation, wäre langfristige Stabilität statt der starken Schwankungen der eigenen Mini-Währung aber lieber: «Wenn wir nicht den Euro bekommen, ist für uns langfristige Planung fast nicht möglich.»

Bittere Pillen geschluckt

Die Bürger haben bittere Pillen für Islands Sparkurs schlucken müssen: Die durchschnittlichen Rentenansprüche wurden gerade erst um 10 Prozent gekürzt. Viele Familien sind mit ihren Krediten in Ausland-Währungen hoffnungslos überschuldet. Und noch ist das Land von der Hilfe des IWF und einiger anderer Länder abhängig.

Vertrauen in die beantragte EU-Mitgliedschaft als eine Art Garantie gegen den wirtschaftliche Absturz haben die meisten Menschen hier im Gegensatz zur Regierung nicht: Umfragen bringen klare Mehrheiten dagegen.

«Das wird ein hartes Stück Arbeit, meine Landsleute zu einem Ja zur EU zu bewegen», sagt der sozialdemokratische Aussenminister. Aber am Ende werde «völlig sicher die Zustimmung bei einem Referendum stehen»: «Ausserhalb der Euro-Zone können wir ganz einfach nicht überleben.»

Fehler gefunden?Jetzt melden.