Operation «Gegossenes Blei»: Israel erwägt Einmarsch in Gaza
Aktualisiert

Operation «Gegossenes Blei»Israel erwägt Einmarsch in Gaza

Nach den schwersten Luftangriffen seit Jahrzehnten erwägt Israel nach Informationen aus Militärkreisen auch einen möglichen Einmarsch im Gazastreifen. die Operation «Gegossenes Blei» solle «vertieft und ausgeweitet» werden und werde «weder kurz noch leicht» sein, sagte Israels Verteidigungsminister Ehud Barak.

Mehrere hundert Soldaten seien auf dem Weg zur Grenze, teilten israelische Offiziere mit. Die Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen dauerten bis Sonntag früh an.

Als Ziel der Offensive nannte die Regierung in Jerusalem die Einstellung der Raketenangriffe aus dem Gazastreifen. Ministerpräsident Ehud Olmert sagte am Samstagabend, es gehe um «eine grundsätzliche Verbesserung der Sicherheitslage», und fügte hinzu: «Das kann einige Zeit dauern und werde weder kurz noch leicht sein.»

100 Tonnen Bomben

Die israelische Luftwaffe warf in den ersten neun Stunden der Angriffe nach eigenen Angaben Bomben mit einem Gewicht von insgesamt mehr als 100 Tonnen ab. Die erste Angriffswelle richtete sich gegen militärische Ausbildungslager, Waffenlager und mutmassliche Werkstätten für den Bau von Raketen. Eine zweite Welle galt am Samstagabend den Stellungen entlang der Grenze, von denen Raketen auf Israel abgeschossen wurden.

Moschee bombadiert

Ein Militärsprecher bestätigte Berichte, denen zufolge auch eine Moschee getroffen wurde. Es handle sich um eine «Basis für Terroraktivitäten», sagte er. Unterdessen rollten zahlreiche israelische gepanzerte Fahrzeuge zu einem möglichen Bodeneinsatz in Richtung Gazastreifen.

230 Tote

Mindestens 230 Menschen waren am Samstag bei den schwersten Luftangriffen seit Jahrzehnten auf Einrichtungen der radikal- islamischen Hamas getötet worden. Etwa 780 Palästinenser wurden bei der Operation «Gegossenes Blei» zum Teil schwer verletzt. Israel will mit dem Einsatz den andauernden Raketenbeschuss seiner Grenzorte unterbinden.

Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak hatte am Samstagabend gesagt, die Operation solle «vertieft und ausgeweitet» werden und werde «weder kurz noch leicht» sein.

Arabische Welt empört

Die israelischen Luftangriffe auf Einrichtungen der Hamas im Gazastreifen haben in der arabischen Welt Empörung ausgelöst. In Ägypten, Jordanien, Syrien und dem Libanon kam es am Samstag zu Protestkundgebungen von Exil-Palästinensern. zu einer Welle von Protesten im Westjordanland gekommen. In Ramallah sowie in Hebron warfen palästinensische Jugendliche am Samstag mit Steinen auf israelische Kontrollpunkte und Soldaten. In Bethlehem, wo nach christlichem Glauben Jesus geboren wurde, schaltete die Stadtverwaltung als Zeichen der Solidarität mit den Bewohnern von Gaza die Weihnachtsbeleuchtung ab.

Vertrauter des Präsidenten: Raketenangriffe sinnlos

In einer ersten Reaktion forderte der palästinensische Präsident Mahmud Abbas die israelische Regierung auf, «diese Aggression sofort zu beenden». Abbas, der sich am Samstag auf Reisen befand, rief die palästinensischen Demonstranten jedoch zur Zurückhaltung auf. Man werde keine gewaltsame Ausschreitungen dulden. Die palästinensische Polizei war überall im Einsatz, um aufgebrachte Jugendliche in Schach zu halten. Ein Vertrauter von Abbas, Nimer Hamad, gab der Hamas zumindest indirekt eine Mitschuld an der Offensive. Die Raketenangriffe auf Israel seien sinnlos. Man dürfe Israel keinen Vorwand für Militäraktionen liefern, sagte Hamad. Zugleich rief er Israel zur Einstellung der Luftangriffe auf.

Der im Exil lebende Hamas-Führer Chalid Maschaal rief im Sender Al-Dschasira die Palästinenser zu einer «dritten Infifada» auf.

Ägypten zitiert Botschafter

Der israelische Botschafter in Kairo wurde ins dortige Aussenministerium einbestellt, wo ihm persönlich mitgeteilt wurde, dass Ägypten die Luftschläge aufs Äusserste verurteile. In einer Erklärung aus dem Büro von Präsident Husni Mubarak hiess es weiter, die ägyptische Regierung wolle sich trotz der jüngsten Gewalt um eine neue Waffenruhe zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen bemühen. Auch müsse der Konflikt innerhalb der palästinensischen Organisationen beigelegt werden, um das Leid das Volkes zu lindern.

Libanon: «kriminelle Militäroperationen»

Der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora sprach von «kriminellen Militäroperationen» Israels. Der jüdische Staat füge damit ein weiteres Massaker zu seiner Liste von Massakern hinzu. In der Flüchtlingssiedlung Ain el Hilweh im südlichen Libanon bekundeten rund 4.000 Palästinenser ihre Solidarität mit den Bewohnern des Gazastreifens. Sie protestierten sowohl gegen Israel als auch gegen Ägypten und setzten dabei Reifen in Brand.

Flüchtling in Syrien: «Zionistischer Holocaust»

Auch im Flüchtlingslager Al Jarmuk am Rande von Damaskus demonstrierten Palästinenser und schworen, den Kampf gegen Israel fortzusetzen. Ein Demonstrant verurteilte die israelischen Luftangriffe als «zionistischen Holocaust».

Dringlichkeitssitzung der Arabischen Liga

In der jordanischen Hauptstadt Amman protestierten hunderte Demonstranten vor der dortigen Niederlassung der Vereinten Nationen. König Abdullah II. forderte eine sofortige Einstellung aller militärischen Aktionen in der Region, da vor allem unbeteiligte Zivilpersonen, darunter Frauen und Kinder, die Opfer seien. Eine Eskalation der Gewalt werde Israel keine Sicherheit bringen, warnte der Monarch. Jordanien verlangte eine Dringlichkeitssitzung der Arabischen Liga.

Diese wird sich nun doch nicht am Sonntag treffen, um eine gemeinsame Position zu finden. Das Treffen sei auf Mittwoch verschoben worden, sagte der Generalsekretär der Liga, Amr Mussa, am Samstagabend. Am Freitag soll zudem ein Sondergipfel in Doha stattfinden, der sich mit den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen befasst. Die Liga ist ein Verbund 22 arabischer Staaten. Der Jemen hatte einen Krisengipfel gefordert.

(Quelle: SDA/AP)

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Internationale Kritik an Angriff - USA machen Hamas verantwortlich

Der israelische Luftangriff auf den Gazastreifen ist international scharf kritisiert worden. Die Schweiz hat am Samstag die Reaktionen der israelischen Streitkräfte auf die Raketenangriffe aus dem Gaza- Streifen als «unverhältnismässig» verurteilt. Sie rief alle Konfliktparteien zur Zurückhaltung auf. Israel habe das Recht, sich zu verteidigen, teilte das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) mit. Dies müsse jedoch unter Beachtung des humanitären Völkerrechts erfolgen und dem Prinzip der Verhältnismässigkeit entsprechen. Die israelische Blockade des Gaza-Streifens erschwere die Versorgung der Verletzten zusätzlich. Das EDA forderte, es müsse deshalb unverzüglich der Humanitäre Zugang zum Gaza-Streifen ermöglicht werden.

Das EDA verurteilte auch den Raketenbeschuss aus dem Gaza- Streifen heraus. Diese Angriffe stellten für die israelische Zivilbevölkerung eine unhaltbare Belastung dar, hiess es in der Mitteilung weiter.

Die USA forderten Israel auf, Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Die USA machen jedoch die Hamas für die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten verantwortlich. Die Hamas habe den Waffenstillstand mit Israel aufgekündigt und sei deshalb verantwortlich für die tödliche Gewalt im Gazastreifen, erklärte US-Aussenministerin Condoleezza Rice am Samstag in Washington. «Die Vereinigten Staaten verurteilen die wiederholten Raketen- und Mörserangriffe gegen Israel auf das Schärfste und machen Hamas verantwortlich für das Ende der Waffenruhe und die erneute Gewalt in Gaza», hiess es in der Erklärung. US-Präsident George W. Bush hat die Hamas zu einem Ende ihrer Raketenangriffe gegen Israel aufgefordert. Zugleich äusserte er sich nach Worten seines Sprechers Gordon Johndroe besorgt über die Lieferung humanitärer Hilfsgüter in den Gazastreifen. Bush befindet sich derzeit auf Weihnachtsurlaub auf seiner Ranch in Texas.

Der EU-Aussenbeauftragte Javier Solana hat die israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen kritisiert. Diese hätten eine «inakzeptable Verlustziffer unter der palästinensischen Zivilbevölkerung» zur Folge gehabt, sagte er am Samstag. Zugleich erschwerten die Angriffe die Suche nach Frieden. Israel müsse die Grenzen wieder öffnen. Die EU sei bereit, ihre Beobachtermission an der Grenzübergangstelle Rafah wiederaufzunehmen.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy warf Israel unverhältnismässigen Gewalteinsatz vor. Die Bombardierung müsse sofort ein Ende haben, liess der Staatschef am Samstag in Paris mitteilen. Zugleich verurteilte Sarkozy die Raketenangriffe militanter Palästinenser auf Israel und forderte ein Ende der «unverantwortlichen Provokationen», die zur jetzigen Situation geführt hätten. Diese seien ebenso zu verurteilen wie die «unverhältnismässige Gewalt». Es gebe keine militärische Lösung im Gazastreifen, hiess es aus dem Elyséepalast.

Russland appellierte an beide Seiten, die Kämpfe einzustellen. Deutschland verurteilte das Vorgehen der Hamas, appellierte aber auch an die israelische Seite, bei den Militäraktionen das Gebot der Verhältnismässigkeit zu respektieren. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte ein sofortiges Ende aller Gewalt im Nahen Osten. Auch der Vatikan und der Nahost-Sondergesandte Tony Blair riefen zu einem sofortigen Stopp der Kämpfe auf.

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