«Rachel Corrie» gestoppt: Israel verteidigt bröckelnde Blockade
Aktualisiert

«Rachel Corrie» gestopptIsrael verteidigt bröckelnde Blockade

Über acht Stunden lang lieferte sich die israelische Marine ein Katz-und-Maus-Spiel mit einem Gaza-Hilfsschiff. Am Ende mussten sich die Aktivisten geschlagen geben. Blut floss dieses Mal nicht.

von
Hans Dahne
dpa
Die «Rachel Corrie» wird von der israelischen Marine im Mittelmeer gestoppt.

Die «Rachel Corrie» wird von der israelischen Marine im Mittelmeer gestoppt.

Knapp fünf Tage lang hagelte es aus allen Ecken und Enden der Welt Kritik. Mit der blutigen Erstürmung eines türkischen Passagierschiffes hatten die israelischen Elitesoldaten bei vielen Menschen im Ausland keinen guten Eindruck hinterlassen.

Am Samstag brachte die Marine das siebte und zugleich letzte Hilfsschiff der Gaza-Solidaritätsflotte auf. Dieses Mal fiel kein Schuss. Es floss kein Tropfen Blut.

Wie bei einer Schnitzeljagd

Die israelische Armee ist lernfähig und machte dieses Mal vieles anders als am Montag. Zum Beispiel wurde der unter irischer Flagge fahrende Frachter «Rachel Corrie» nicht in der Dunkelheit der Nacht übernommen. Die Organisatoren von Free Gaza hatten nach dem Blutvergiessen vom Montag unter anderem den Angriff der Elitesoldaten vor dem Morgengrauen als Grund für die Angst und Panik sowie den Widerstand genannt.

Und wer wollte, konnte am Samstag wie bei einer Schnitzeljagd an allen Etappen der Verfolgung teilhaben. Armeesprecherin Avital Leibowitz dementierte im Internetdienst Twitter sofort, wenn Gerüchte die Runde machten.

Alle vier Warnungen der Armee an die Crew machte sie öffentlich. Darunter auch den Wortlaut: «Sie nähern sich einem feindlichen Gebiet, das unter einer Seeblockade steht. Das Gebiet von Gaza, die Küstenregion und der Hafen von Gaza sind geschlossen für allen Seeverkehr (...) Wir laden Sie nach Aschdod ein.»

Israelis stürmen «Solidaritätsflotte»

Die Botschaft bei so viel Transparenz sollte wohl lauten: Israel hält sich an die Vorschriften und hat nichts zu verbergen. Die Organisatoren von Free Gaza sehen das natürlich anders.

Israels Marine will den Hilfkonvoi lotsen

Die Übernahme eines Schiffes ist für Sprecherin Greta Berlin ein Akt der Gewalt - vor allem, wenn er in internationalen Gewässern erfolgt. Und sie hält die Seeblockade des Gazastreifens sowieso für illegal.

USA: Blockade nicht mehr haltbar

Die mehr als 700 pro-palästinensischen Aktivisten auf den sieben Schiffen der diesjährigen Gaza-Solidaritätsflotte haben einen Teilerfolg erzielt - und dafür einen hohen Preis gezahlt. Neun Menschen starben, 45 weitere wurden verletzt. Israel inhaftierte 632 Aktivisten und wies mehr als 700 ohne Gepäck aus.

Ein Ziel der Aktivisten war es, die seit drei Jahren währende Seeblockade vor dem Gazastreifen zu brechen. Das haben sie nicht geschafft. Dafür zeichnet sich eins mit Sicherheit ab: Israel wird die Sanktionen für 1,5 Millionen Palästinenser lockern müssen. Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der USA, Mike Hammer, sagt unverblümt: «Die derzeitige Regelung ist nicht haltbar und muss geändert werden.»

Israel argumentierte bislang, dass im Gazastreifen keine humanitäre Krise herrscht. Tatsächlich gibt es keine Hungersnot, weil Hilfsorganisationen die Menschen über Wasser halten.

UNO-Hilfsorganisationen machen ihrerseits die Krise an Zahlen fest: 80 Prozent der Palästinenser im Gazastreifen würden ohne Hilfe von aussen nicht überleben, drei von vier sind arm und knapp die Hälfte ist arbeitslos. Landwirtschaft und Fischerei stehen vor dem Kollaps. Allein der Schmuggel blüht.

Mitverantwortung der Hamas

Für Israel hat sich binnen einer Woche viel verändert. Die Beziehungen zum strategischen Partner Türkei tendieren gen Nullpunkt. In anderen Teilen der Welt hat das Ansehen Israels gelitten. Wegen des Blutvergiessens auf der «Mavi Marmara» scheint eine Untersuchung wohl unausweichlich.

Und ein gewaltiger Dorn im Auge dürfte auch sein, dass die im Gazastreifen herrschende Hamas Nutzniesser einer bröckelnden Blockade wird. Dabei hat die radikal-islamische Organisation mit der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit und dem jahrelangen Raketenbeschuss auf israelische Zivilisten die Sanktionen mit zu verantworten.

Netanjahu hält an Seeblockade fest

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will die Seeblockade des Gazastreifens ungeachtet internationaler Kritik aufrechterhalten. Netanjahu sagte am Samstag, er werde «die Errichtung eines iranischen Hafens im Gazastreifen» nicht erlauben. Israel wirft dem Iran vor, die militante Hamas im Gazastreifen mit Waffen und Geld zu beliefern. Netanjahu erklärte weiter, die Blockade solle verhindern, dass Waffen in die Hände der Hamas fielen. Die israelische Kriegsmarine hatte kurz zuvor nach eigenen Angaben ein mit Hilfsgütern für Palästinenser beladenes Schiff daran gehindert, den Gazastreifen zu erreichen. (ap)

Netanjahu: Unterschied zwischen Friedens- und Hassaktivisten

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat nach dem gewaltfreien Aufgeben der pro- palästinensischen Aktivisten an Bord des irischen Hilfsfrachters «Rachel Corrie» lobende Worte für die Mannschaft gefunden.

Dies sei der Unterschied zwischen wirklichen Friedensaktivisten und Hass-Aktivisten, sagte Netanjahu am Samstag.

Kurz zuvor hatten israelische Soldaten den Frachter übernommen. Die Aktivisten hatten die Soldaten nach stundenlanger Verfolgung und mehrmaliger Aufforderung schliesslich widerstandslos an Bord des unter irischer Flagge fahrenden Frachters gelassen.

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