Aktualisiert 16.10.2011 23:41

Shalit-Deal

Israeli klagen gegen Austausch von Gefangenen

Dass unter den über 1000 begnadigten palästinensischen Häftlingen auch Terroristen sind, hat in Israel eine erregte Debatte ausgelöst. Die Hamas bereitet unterdessen einen Heldenempfang vor.

Aktivisten demonstrieren am 12. Oktober vor der Residenz des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu für die Freilassung des Soldaten Gilad Schalit.

Aktivisten demonstrieren am 12. Oktober vor der Residenz des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu für die Freilassung des Soldaten Gilad Schalit.

Über den zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas verabredeten Austausch des Soldaten Gilad Schalit gegen 1027 palästinensische Häftlinge ist in Israel eine erregte Diskussion entbrannt. Während Staatspräsident Schimon Peres am Wochenende die Begnadigungen unterzeichnete, stritten Befürworter und Gegner vor allem darüber, ob auch Gefangene freikommen sollen, die an Anschlägen beteiligt waren.

In Vorbereitung des Austausches wurden am Sonntag die ersten Häftlinge mit Bussen von einer Einrichtung in Südisrael in eine andere verlegt. Kritiker werfen der israelischen Regierung vor, dass der Austausch die Palästinenser zu weiteren Entführungen ermutige. Nahrung erhielten diese Befürchtungen durch ein am Sonntag veröffentlichtes Interview der israelischen Zeitung «Jediot Ahronot» mit Mahmud Sahar, einem Hamasführer im Gazastreifen. «Die Lektionen, die wir durch die Entführung von Soldaten gelernt haben, spornt uns an, mit den Entführungen weiterzumachen», sagte er demnach. «Wir haben noch immer 7000 Gefangene in (israelischen) Gefängnissen und sie müssen auch freigelassen werden.»

Verhältnis noch nie so ungleich wie jetzt

Viele Israelis halten den Austausch auch den Familien der Opfer von Terroranschlägen gegenüber für ungerecht. Israel hat in der Vergangenheit wiederholt ungleichen Gefangenenaustauschen zugestimmt, nie war das Verhältnis aber so ungleich wie jetzt. Die Debatte in Israel, zusammen mit dem geplanten Heldenempfang für die entlassenen Palästinenser spiegelt die unterschiedlichen Sichtweisen der beiden Gesellschaften wider.

Während die Gefangenen in Israel als kaltblütige Terroristen angesehen werden, betrachten die Palästinenser sie als Widerstandskämpfer, die sich für die gemeinsame Sache geopfert haben. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas plant nach Angaben eines Vertrauten für Dienstag im Westjordanland einen Empfang für die freigelassenen Palästinenser.

«Reue? Nein, warum sollte ich?

Zum Unmut in Israel trug auch ein Gefängnisinterview des israelischen Fernsehsenders Kanal 2 mit der Palästinenserin Ahlam Tamimi bei, die einen Selbstmordattentäter nach Jerusalem brachte, der 15 Menschen mit in den Tod riss. Auf die Frage, ob sie Reue empfinde, antwortete Tamimi: «Nein, warum sollte ich?» Auch eine ganze Reihe von Attentätern sollen freikommen. Die Hamas verkündete am Samstag unter anderem, dass auch Jehia Sanwar, einer der Gründer des militanten Hamas-Flügels, unter den Begnadigten sei.

Mehrere Hinterbliebene legten Klage gegen den Austausch ein – es wurde aber nicht damit gerechnet, dass es zu einem gerichtlichen Stopp kommt. Der Graben der Befürworter und Gegner ging jedoch selbst durch Familien von Opfern: Ron Kehrman, dessen Tochter 2003 von einem Selbstmordattentäter in den Tod gerissen wurde, sagte, drei der an dem Anschlag beteiligten Palästinenser sollten freikommen. Er sei dagegen, weil dies zu weiteren israelischen Anschlagsopfern führen könnte. Josefa Goldstein, die ihre Tochter 2002 durch einen Anschlag verlor, sagte dagegen, sie sei wegen der Wiedervereinigung Schalits mit seinen Eltern für den Austausch.

Austausch am Dienstag

Die Hamas bereitete unterdessen unter grösster Geheimhaltung die Freilassung des seit fünf Jahren festgehaltenen israelischen Soldaten vor. Sie fürchtete, der Deal könnte platzen, wenn Israel vorher Schalits Standort ausfindig macht. Schalit war im Juni 2006 auf der israelischen Seite der Grenze von palästinensischen Kämpfern überfallen und in den Gazastreifen verschleppt worden.

Die Übergabe soll voraussichtlich am Dienstag in Ägypten stattfinden, wie aus Hamas-Kreisen verlautete. Die ägyptischen Behörden sollten Schalit übernehmen und anschliessend an Israel übergeben. Zeit und Route blieben geheim.

Es wird erwartet, dass Israel am Tag von Schalits Freilassung zunächst an die 450 palästinensische Gefangene freilässt. Sie sollten von Israel ebenfalls nach Ägypten transportiert werden, bevor es zum Austausch komme, sagte Mohammed al Barem vom Volkswiderstandskomitee, einer kleineren Extremistenorganisation, die Schalit 2006 entführt hatte. (dapd)

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