Aktualisiert 20.10.2011 12:03

Nach GefangenenaustauschIsraelis empören sich über Shalits Interview

Nach der Freilassung führte das ägyptische Staatsfernsehen ein Interview mit Gilad Schalit. Dieses sorgt in Israel für Unmut. Doch auch in Ägypten melden sich kritische Stimmen – allerdings aus anderen Gründen.

von
ske

Am Dienstag war der israelische Soldat Gilad Schalit nach fünf Jahren Gefangenschaft nach Israel zurückgekehrt. Im Gegenzug liess Israel über tausend palästinensische Gefangene frei. Schalits Rückkehr war in Israel frenetisch gefeiert worden. Für Verärgerung sorgt hingegen das Interview, welches das ägyptische Staatsfernsehen mit dem israelischen Soldaten kurz nach dessen Freilassung geführt hatte. Ägypten hatte bei dem Gefangenenaustausch als Vermittler gewirkt und Schalit von den Hamas auf ägyptischem Boden in Empfang genommen. Das staatliche Fernsehen «Nile TV» nutzte diese Gelegenheit und führte mit dem kurz zuvor Freigelassenen ein exklusives Interview. Darin sei ein offensichtlich erschöpfter Gefangener vorgeführt und dazu gebracht worden, Ägypten für dessen Vermittlungstätigkeit zu loben, empört man sich nun in Israel.

Im Gespräch mit der Reporterin Shahira Amin wirkt Gilad Schalit tatsächlich erschöpft. Er ist bleich, mager, blickt kaum auf und atmet schwer. Er spricht leise und beantwortet die auf englisch gestellten Fragen in hebräisch. Ursprünglich habe sie das Interview auf Englisch führen wollen, sagte Amin gegenüber dem israelischen Blatt «Haaretz». Nach fünf Fragen habe sie aber abgebrochen, weil Schalit so müde gewesen sei und sie habe ihn gefragt, ob er lieber auf hebräisch antworten wolle. «Ich fühle mich nach der ganzen Sache nicht so gut», übersetzt die «Welt» eine seiner hebräischen Antworten. Die Simultanübersetzung am Fernsehen machte daraus den Satz «Ich fühle mich gut.» Ausserdem habe er «sehr lange keine Menschen gesehen».

Fernsehen verteidigt Vorgehen

Über das «ausbeuterische Interview» sei man «schockiert», hiess es laut «Welt» innerhalb der Armee. Doch das ägyptische Staatsfernsehen und die Journalistin, welche das etwa zehnminütige Interview durchgeführt hatte, verteidigen ihr Vorgehen. Das Interview sei eine Exklusivität, die jede Nachrichtenorganisation gerne gehabt hätte. «Wenn man an so eine Exklusivmeldung gerät, sollte man sie dann nicht nutzen?» zitiert die «New York Times» Khaled Mehanna, den Nachrichtenchef des Staatsfernsehens.

Das Interview sei keine Bedingung für Schalits Freilassung gewesen, sagt Shahira Amin. Sie habe den Informationsminister gefragt, ob ein Interview mit Schalit möglich sei. Dieser habe die Anfrage an die Militär- und Geheimdienstvertreter weitergeleitet, die mit der Freilassung Schalits betraut gewesen seien. Das Interview sei in letzter Minute bewilligt worden. Shahira Amin betont, sie habe auch Gilad Schalit ausdrücklich gefragt, ob er mit ihr sprechen wolle. «Wenn er nein gesagt hätte, hätte ich ihn nicht dazu gedrängt», sagt sie. Da er so erschöpft gewesen sei, habe sie zudem auf Fragen verzichtet.

Keine ehrliche Antworten zu erwarten

Damit lässt sich Israel aber kaum beruhigen. Wütend macht die Israeli vor allem, dass Schalit gefragt wurde, wieso er glaube, dass die ägyptische Vermittlung erfolgreich gewesen sei, während andere Versuche zuvor jahrelang gescheitert waren. Schalit antwortete darauf, Ägypten pflege gute Beziehungen zu beiden Seiten. Auch die Frage, ob er sich jetzt für die Freilassung von tausenden Palästinensern in Israel einsetzen werde, sorgte in Israel für Empörung. Schalit antwortete, er werde sich dafür einsetzen, wenn ehemalige Gefangene nicht mehr gegen Israel kämpfen würden.

Für Safwat el-Alim, Professor für politische Medien an der Universität in Kairo, ist aber klar, dass sich Schalit immer noch als Gefangener gefühlt habe und dies nicht der ideale Moment gewesen sei, ehrliche Antworten zu erwarten.

Empörte Zuschauer in Ägypten

Doch auch auf der anderen Seite der Grenze löste das Interview Empörung aus. Bei den ägyptischen Zuschauern habe dieses laut «New York Times» genau den gegenteiligen Effekt gehabt. Laut den Kommentaren auf der Website des Fernsehkanals, werde beklagt, dass Gilad Schalit zwar ein bewaffneter Soldat sei, aber trotzdem wie ein Individuum behandelt werde. Die palästinensischen Gefangenen würden hingegen nur als Masse gesehen.

«Was ist das für ein bizarres Verhalten? Unsere Medien prahlen mit dem exklusiven Interview mit einem Soldaten, der zu denjenigen gehört, die unsere Soldaten getötet haben. Wann werden wir uns ändern?» heisst es. Andere verlangen, das ägyptische Fernsehen solle den freigelassenen Palästinensern gleich viel Aufmerksamkeit zukommen lassen wie Gilad Schalit. Shahira Amin entgegnet, man habe mehrere Kameras bei den Bussen installiert, welche die Palästinenser zurückgeführt hatten.

Die Reporterin vermutet laut «New York Times» aber auch, dass das Informationsministerium ein Interesse daran gehabt habe, dieses Exklusiv-Interview zu bringen, da die staatliche Nachrichtenagentur in den vergangenen Wochen kritisiert worden war, den Mob angestachelt zu haben, der am 9. Oktober christliche Demonstranten angegriffen hatte. Diese Vermutung bestätigt auch Professor Safwat el-Alim. «Das Staatsfernsehen sucht politische Propaganda in jeder Situation, um die ägyptische Politik zu unterstützen, sogar wenn die Situation dies nicht verlangt.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.