Spitzel-Affäre«Ist Angela Merkel eine Terroristin?»
Für NSA-Enthüller Glenn Greenwald ist klar: Die US-Spionage ist mehr als nur Kampf gegen Terrorismus. Das legte er im Interview mit CNN-Starjournalistin Christiane Amanpour dar.
- von
- kmo
Der «Guardian»-Journalist Glenn Greenwald liess im Juni 2013 die Bombe platzen: Er veröffentlichte als Erster Informationen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden. Weitere Berichte folgten in regelmässigen Abständen.
Am Mittwoch stellte sich der Brite den Fragen der CNN-Journalistin Christiane Amanpour (s. Video oben). Diese konfrontierte ihren Kollegen gleich zu Beginn mit dem enormen Schaden, den er den USA durch die Enthüllungen zugefügt hat. Sie verwies auf die Informationen zur US-Spionage in seiner Wahlheimat Brasilien und fragte: «Was um Himmels willen wollen Sie mit den Veröffentlichungen erreichen?» Die Menschen sollen wissen, in welch gigantischem Ausmass sie bespitzelt werden, antwortete Greenwald und fügte hinzu, dass es im übrigen nicht seine Aufgabe sei, das Image der USA zu schützen.
«So etwas tun nur die USA und China»
Dass sich Staaten gegenseitig ausspionieren, sei doch längst bekannt, erwiderte Amanpour und wollte von Greenwald wissen, was an seinen Enthüllungen besonders sei. «Es stimmt nicht, dass jeder Staat die Kommunikation der Staatsoberhäupter verbündeter Demokratien abhört», erwiderte der Journalist, «Wirtschaftsspionage in diesem Ausmass betreiben allein die Vereinigten Staaten und China.»
Als Nächstes verwies Amanpour auf eine Aussage des britischen Premierministers David Cameron, wonach die Enthüllungen den Terroristen nützten, da diese jetzt wüssten, dass sie bespitzelt werden. Laut Greenwald ist das Politikergeschwätz: «Seit 9/11 malen britische und amerikanische Politiker reflexartig den Terrorismus-Teufel an die Wand, sobald ihre Regierungen bei etwas erwischt werden, das sie nicht hätten tun sollen.» Ausserdem wisse jeder Terrorist, der fähig sei, seine Schuhe selbst zu binden, dass Grossbritannien und die USA versuchen, ihn abzuhören.
Grund für Anti-Amerikanismus
«Was wir enthüllten, ist, dass sich dieses Spionage-System nicht nur gegen Terroristen, sondern in einem unglaublichen Ausmass gegen Millionen Unschuldige weltweit richtet», so Greenwald weiter. Genau das sei es, was die britische und die US-Regierung so erbose.
Es gehe um Sicherheit, sagte Amanpour und zitierte den Vorsitzenden des US-Geheimdienstausschusses Mike Rogers: «Die Franzosen wären dankbar, wenn sie wüssten, wie sehr die Spionage in Frankreich zu ihrer Sicherheit beigetragen hat.» – «Da wundern sich die Menschen noch, warum es so viel Anti-Amerikanismus gibt», antwortete Greenwald, «Rogers sagt den Leuten tatsächlich, dass sie für das Eindringen in ihre Privatsphäre dankbar sein sollen.»
Es gehe bei der Spionage zu einem grossen Teil um politische und wirtschaftliche Macht, fuhr Greenwald fort und fragte rhetorisch: «Ist Angela Merkel eine Terroristin? Sind 60 oder 70 Millionen Spanier und Franzosen Terroristen? Gibt es im brasilianischen Unternehmen Petrobas Terroristen?».