SRF-Rekordfilm: Ist der Film zum Gotthard-Horror 11 Millionen wert?
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SRF-RekordfilmIst der Film zum Gotthard-Horror 11 Millionen wert?

Die grösste Schweizer TV-Produktion aller Zeiten wirft einen ungeschönten Blick auf die Schattenseiten des Jahrhundertbaus.

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Produktion der Superlative: Pasquale Aleardi und Miriam Stein erhalten Anweisungen von Regisseur Urs Egger. Am Sonntag und Montag, 11./12. Dezember, feierte der TV-Zweiteiler Premiere auf SRF.

Produktion der Superlative: Pasquale Aleardi und Miriam Stein erhalten Anweisungen von Regisseur Urs Egger. Am Sonntag und Montag, 11./12. Dezember, feierte der TV-Zweiteiler Premiere auf SRF.

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Die Dreharbeiten fanden im Herbst 2015 in der Schweiz, in Köln und in der Nähe von Prag statt.

Die Dreharbeiten fanden im Herbst 2015 in der Schweiz, in Köln und in der Nähe von Prag statt.

Bernd Spauke
Die Produktion wirft einen ungeschönten Blick auf die harten Arbeitsbedingungen der Mineure.

Die Produktion wirft einen ungeschönten Blick auf die harten Arbeitsbedingungen der Mineure.

Bernd Spauke

Göschenen, 1872. Vor einer imposanten Bergkulisse liefert sich eine Kutsche ein waghalsiges Wettrennen mit einer Dampflok. Wer aus diesem Kampf als Sieger hervorgeht, ist klar, und die Symbolik auch: In «Gotthard» geht es um den Konflikt zwischen Jung und Alt, Tradition und Fortschritt.

Mit diesen Bildern beginnt die aufwändigste Produktion der Schweizer Fernsehgeschichte, die am Dienstagabend, 2. August, auf der Piazza Grande in Locarno Weltpremiere feierte. Tausende Zuschauer, eine riesige Leinwand und ... Dramatik pur? Letzteres würde man gern sagen, doch bis der Zweiteiler so richtig Fahrt aufnimmt, dauert es ein Weilchen.

Liebe und Leid am Gotthard

Der Ingenieur Max (Maxim Mehmet) kommt in die Schweiz, um bei der historischen Bezwingung der Alpen dabei zu sein. In Göschenen lernt er die bodenständige Schweizer Fuhrmannstochter Anna (Miriam Stein) kennen und verliebt sich in sie. Der schüchterne Deutsche hat die Rechnung allerdings ohne seinen Nebenbuhler, den hitzköpfigen italienischen Mineur Tommaso (Pasquale Aleardi), gemacht.

Die humorvolle Annäherung dieser drei völlig unterschiedlichen und fiktiven Personen sorgt am Anfang für viele Lacher, doch schon bald wird die Stimmung düster, denn das grosse Abenteuer am Gotthard entpuppt sich für die Protagonisten und ihre Mitstreiter als Albtraum. Die harten Bedingungen auf der Baustelle fordern hunderte Menschenleben, aus der anfänglichen Euphorie entspinnen sich Konflikte auf allen Ebenen. Als dann noch die Baugesellschaft unter der Leitung von Louis Favre (Carlos Leal mit Vollbart!) kurz vor der Pleite steht, droht der Traum vom Durchstich endgültig zu scheitern.

Ehrliche Geschichtsbewältigung

Das grosse Verdienst der «Gotthard»-Macher ist, dass sie den Bau des Tunnels, der die Schweiz einte und auf den die Nation zu Recht stolz ist, nicht glorifiziert. Gnadenlos hält Regisseur Urs Egger auf schwitzende, blutende Arbeiter, die ihre Körper für ein paar Franken im Monat zerstören und der Profitgier und der Mauschelei der Politiker und Unternehmer schutzlos ausgeliefert sind. Sobald es in den Tunnel geht, ist der Feel-Good-Vibe der Liebesgeschichte vorbei, und die harte Realität trifft auch den Zuschauer mitten ins Herz. 200 Mineure liessen ihr Leben im Tunnel, viele mehr erkrankten Jahre später unheilbar an den Folgen der schwierigen Arbeitsbedingungen.

Mit «Gotthard» gelingen dem SRF solide 180 Minuten Fernsehstoff, der zwar nicht so bahnbrechend wie sein Thema ist, aber gute Unterhaltung mit Tiefgang bietet. Zwar ist die Koproduktion mit ZDF und ORF mit 11 Millionen Franken – die SRG finanzierte die Hälfte davon –, die teuerste SRF-Eigenleistung überhaupt, doch für eine Produktion dieser Grössenordnung ist der Betrag im internationalen Vergleich immer noch eine kleine Summe, was man dem Film stellenweise auch ansieht.

Der erste Teil des Fernsehfilms erreichte eine Traumquote: Rund eine Million Zuschauer sahen den Film. Der zweite Teil läuft heute um 20.05 Uhr auf SRF 1.

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