Verspottete Peace-Fahnen – Ist der Pazifismus am Ende?

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Verspottete Peace-Fahnen Ist der Pazifismus am Ende?

Friedensfahnen werden belächelt, die Forderung nach Aufrüstung bekommt zusätzliche Unterstützung. Die pazifistische Bewegung sei nicht wahrnehmbar, sagt ein Konfliktberater.

von
Bettina Zanni
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Die Rufe nach Frieden sind trotz Demos nicht besonders laut. 

Die Rufe nach Frieden sind trotz Demos nicht besonders laut. 

20min/Simon Glauser
Der Aufruf der SP,  eine Peace-Fahne zu bestellen, stiess auf Social Media auf hämische Reaktionen.

Der Aufruf der SP,  eine Peace-Fahne zu bestellen, stiess auf Social Media auf hämische Reaktionen.

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Auf Twitter schimpfen Userinnen und User über den Pazifismus. Wenn Putin danach sei, den Krieg auszuweiten, werde er es tun. «Egal, ob wir vorher dämlichen Pazifismus zelebriert haben oder nicht», schreibt jemand.

Auf Twitter schimpfen Userinnen und User über den Pazifismus. Wenn Putin danach sei, den Krieg auszuweiten, werde er es tun. «Egal, ob wir vorher dämlichen Pazifismus zelebriert haben oder nicht», schreibt jemand.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

Die regenbogenfarbene Friedensfahne bietet im Ukraine-Krieg viel Angriffsfläche. Kürzlich rief die SP Schweiz auf, eine Peace-Fahne zu bestellen. Die Partei begründete dies damit, in diesen düsteren Tagen gemeinsam ein Zeichen gegen den Krieg und für die Solidarität mit den betroffenen Menschen zu setzen. Der Aufruf löste auf Social Media hämische Reaktionen aus.

«Literally einfach die Definition von performativem Aktivismus. Wem hilft das?», kritisiert eine Userin auf Instagram. Ein User spottet: «Kuuuuul ey. Das bringt jetzt sicher die globale Friedensbewegung, die wir saudringend brauchen.» Ein User wirft den «realitätsentfernten Sozis» vor, sie hätten das Gefühl, «No War»-Fahnen helfen der Ukraine.

Ja zu bewaffneter Verteidigung

Auf Twitter schimpfen Userinnen und User derweil über den Pazifismus. Wenn Putin danach sei, den Krieg auszuweiten, werde er es tun. «Egal, ob wir vorher dämlichen Pazifismus zelebriert haben oder nicht», schreibt jemand. Jürgen Kasek, Leipziger Stadtrat und Mitglied des Bündnisses 90/Die Grünen, twitterte über dem Hashtag #StayWithUkraine: «Es ist mitunter sehr leicht zu fordern: nie wieder Krieg und keine Waffen, wenn man nicht unmittelbar betroffen ist.»

Auch in einer Umfrage von 20 Minuten und Tamedia schrecken die Menschen in der Schweiz vor Waffengewalt nicht zurück. 66 Prozent der Befragten sehen es als ihre Pflicht an, das Land mit der Waffe zu verteidigen. Hoch ist die Zustimmung auch bei linken Befragten: 50 Prozent sagen Ja oder eher Ja zur bewaffneten Verteidigung. Gross ist die Zustimmung mit 45 Prozent für ein Aufrüsten der Armee. Auch bei SP-Sympathisanten und -Sympathisantinnen sind mehr Befragte (21 Prozent) für ein Aufrüsten als für ein Abrüsten (16 Prozent).

«Nehme keinen Wunsch nach Frieden wahr»

Die Reaktionen fallen auf. «Aktuell ruft man primär nach Aufrüstung und nicht nach Frieden», sagt Konfliktberater Stefan Rohner. Er nehme keinen Wunsch nach Frieden wahr wie etwa in den 68er-Jahren, sondern eine riesige Empörung und Polarisierung.

«Die pazifistische Bewegung ist nicht wahrnehmbar», sagt Rohner. Die Stimmung sei so aufgeladen, dass eine Friedensdemo fast peinlich wirken könnte. «Jetzt, wo die Lunte schon brennt, wirkt es in der Gesellschaft realitätsfremd, nach Frieden zu rufen.» Politik und Gesellschaft hätten es verpasst, Russland richtig einzuschätzen. «Man hätte zu Friedenszeiten nicht nur daran appellieren müssen, dass man den Frieden pflegen muss, sondern sich vorsichtshalber auch auf einen bewaffneten Konflikt vorzubereiten.»

Auch Ruedi Tobler, Präsident des Schweizerischen Friedensrates, stellt fest, dass der Ruf nach Frieden auffällig leise ist. «Es ist dem Pazifismus nicht gelungen, den nötigen Druck für eine Abrüstung der Atomwaffenmächte aufzubauen», sagt Tobler. Stattdessen habe eine Modernisierung der Atomwaffenmächte stattgefunden. «Die Weltgemeinschaft ist gescheitert, die Menschheit vor der Geissel des Krieges zu bewahren.» In der Folge reagiere die Bevölkerung in Krisensituationen erst recht rückschrittlich. Zudem habe die Gesellschaft die Bedrohung eines Kriegs aus den Augen verloren. «Die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit an der Klimazerstörung zugrunde geht, ist für Junge heute grösser als ein Atomkrieg.»

«Symbolkraft des Pazifismus nicht unterschätzen»

Für andere Stimmen ist der Pazifismus hingegen spürbar. Der Pazifismus sei nicht gescheitert, sagt Jo Lang, Alt-Nationalrat der Grünen und Vorstandsmitglied der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). «Denn auch Pazifistinnen und Pazifisten können nicht jeden Krieg verhindern.» Doch viele Menschen hätten zwei Seelen in ihrer Brust. «Einerseits ist die Angst vor dem Krieg da, andererseits die Einsicht, dass Waffen zu Krieg führen.» Die Tausenden von Teilnehmenden an den Friedenskundgebungen zeigten, dass der Ruf nach Frieden gross sei. «Noch mehr könnte die Bevölkerung aber erreichen, wenn sie Politikerinnen und Politiker aktiv ins Gebet nähmen, um ein Embargo auf russisches Gas und Öl zu verhängen.»

Auch die SP nimmt in der Bevölkerung einen starken Drang nach Frieden wahr. In Zeiten eines solchen Angriffskriegs seien die kriegerischen Stimmen leider lauter als die pazifistischen, sagt Nicolas Haesler, Mediensprecher der SP. «Doch die Symbolkraft des Pazifismus darf man nicht unterschätzen.» Die Peace-Fahne biete jeder Person die Möglichkeit, ein Zeichen der Solidarität und für den von der SP geforderten sofortigen Waffenstillstand zu setzen.

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

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