«Wollen ein offenes Reiseland sein»: Ist die Burka-Initiative wirklich Gift fürs Tourismusland Schweiz?
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Aktualisiert

«Wollen ein offenes Reiseland sein»Ist die Burka-Initiative wirklich Gift fürs Tourismusland Schweiz?

Am 7. März stimmen wir über das Verhüllungsverbot ab. Tourismusverbände warnen jetzt vor den schädlichen Auswirkungen der Initiative. Wir haben nachgefragt.

von
Martin Hoch

Die Schweiz stimmt am 7. März über die Verhüllungsinitiative ab. Gemäss der Initiative soll in Zukunft niemand mehr in der Öffentlichkeit sein Gesicht verhüllen dürfen. Davon betroffen wären mitunter Frauen, die entweder einen Niqab oder eine Burka tragen. Dies werde sich negativ auf den Tourismus in der Schweiz ausüben, ist das Tourismuskomitee «Nein zum Burkaverbot» überzeugt. Denn speziell die arabischen Gäste aus den Golfstaaten wären davon betroffen. Gäste, die man nicht vergraulen möchte.

So sieht eine Burka aus – eine solche sollen Frauen laut den Initianten der Verhüllungsinitiative in Zukunft in der Öffentlichkeit nicht mehr tragen dürfen.

So sieht eine Burka aus – eine solche sollen Frauen laut den Initianten der Verhüllungsinitiative in Zukunft in der Öffentlichkeit nicht mehr tragen dürfen.

20min/Stevan Bukvic
Auch der Niqab soll in Zukunft in der Öffentlichkeit nicht mehr erlaubt sein.

Auch der Niqab soll in Zukunft in der Öffentlichkeit nicht mehr erlaubt sein.

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Laut Hotelleriesuisse, dem Unternehmerverband der Beherbergungsbranche, verzeichnete die Schweiz 2019 insgesamt 863’767 Logiernächte von Gästen aus den Golfstaaten. Die Gäste aus den Golfstaaten machen damit ca. 2 Prozent aller Logiernächte aus. Eine kleine Zahl, doch sie sind mit Abstand die spendierfreudigsten.

Gibt ein Schweizer oder eine Schweizerin laut dem Tourismus Monitor 2017 von Schweiz Tourismus im Durchschnitt pro Tag 140 Franken aus, lassen die Gäste aus den Golfstaaten im Schnitt 420 Franken liegen. Selbst die Russinnen und Russen, denen man nachsagt, dass der Rubel in den Ferien locker rollt, geben bei uns täglich nur 250 Franken aus.

Wie wirkt sich das Verbot in bereits betroffenen Kantonen aus?

In der Schweiz ist das Tragen einer Burka im öffentlichen Raum bereits in den Kantonen Tessin und St. Gallen untersagt. Im Kanton Glarus wurde ein ähnlicher Vorstoss abgelehnt. Seit Inkrafttreten des Tessiner Burkaverbots 2015 geht man von rund einem Dutzend Anzeigen wegen Verstosses gegen das Gesetz aus. Ein Einbruch bei den Gästezahlen konnte man im Folgejahr nicht vermelden. Danach jedoch schon.

Laut Jutta Ullrich, Pressesprecherin bei Ticino Turismo, verzeichnete das Tessin zwischen 2015 und 2019 einen Rückgang der Übernachtungen von Touristen aus den Golfstaaten um rund 28 Prozent. «Wie wir aus Verkaufsgesprächen mit unseren Agenten wissen, ist ein Rückgang der Zahlen unter anderem auf die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation zurückzuführen.» Welchen Einfluss die Entscheidung zum Verhüllungsverbot auf den Tourismus im Tessin genau hat, sei schwer abzuschätzen, da nur ein sehr kleiner Anteil Burka oder Niqab trägt.

Wer steckt hinter dem Tourismuskomitee «Nein zur Burkainitiative»?

Das Komitee ist ein Schulterschluss von Hotelleriesuisse, dem Schweizer Tourismus-Verband, den Seilbahnen Schweiz, dem Schweizer Reise-Verband, sowie dem Verband Schweizer Tourismusmanager. Sie stehen laut eigener Aussage für eine offene und tolerante Schweiz ein, die als Gastland anderen Kulturen aufgeschlossen begegnet. Die Koordination innerhalb des Komitees läuft über Hotelleriesuisse.

Welche Schweizer Tourismusregionen könnte die Annahme der Initiative besonders treffen?

Zu den beliebtesten Schweizer Destinationen für Reisende aus den Golfstaaten gehören Luzern, Zürich, die Genferseeregion und das Berner Oberland, speziell Interlaken.

Die Genferseeregion ist bei Gästen aus den Golfstaaten äusserst beliebt.

Die Genferseeregion ist bei Gästen aus den Golfstaaten äusserst beliebt.

Switzerland Tourism
Auch Zürich zählt zu den angesagten Destinationen für arabische Gäste.

Auch Zürich zählt zu den angesagten Destinationen für arabische Gäste.

Switzerland Tourism, Nicola Fuerer 
Interlaken ist ein weiterer Sehnsuchtsort für Reisende aus den Golfstaaten.

Interlaken ist ein weiterer Sehnsuchtsort für Reisende aus den Golfstaaten.

Switzerland Tourism, Mike Kaufmann

Würde die Annahme der Initiative dem Image der Schweiz im Ausland schaden?

Nicole Brändle Schlegel von Hotelleriesuisse geht davon aus, dass das Image einer weltoffenen Schweiz im Falle einer Annahme der Initiative im Ausland leiden wird. «Wir wollen ein offenes Reiseland sein. Das ist Teil unserer Identität.» Dabei rechne man nicht zwingend damit, dass der Effekt gleich zu spüren sei, vielmehr, dass es dem Reiseland Schweiz längerfristig schaden würde.

Dem widerspricht Walter Wobmann, SVP-Politiker und Präsident des Egerkinger Komitees, das die Initiative lancierte: «Zur Panikmache der Tourismusverbände sage ich: Es kann doch auch eine Chance sein.» Laut Wobmann sei es eine Möglichkeit für Frauen aus muslimischen Länder, in den Ferien im Westen den Schleier abzulegen. Zudem hätten bereits mindestens sechs europäische Länder Verhüllungsverbote und da könne man keinen Rückgang beim Tourismus feststellen.

Wird die Initiative dem Tourismusland Schweiz wirtschaftlich schaden?

Walter Wobmann streicht im Gespräch mit 20 Minuten Lifestyle hervor, dass ihm die Wirtschaftlichkeit des Tourismus sehr wichtig sei. «Ich habe die Hotellerie, die Gastronomie, ja generell den Tourismus in meiner politischen Arbeit immer unterstützt», sagt er. Doch die Verhüllungsinitiative hat laut ihm keinen Zusammenhang zum Tourismus in der Schweiz. Bereits 2009, im Vorfeld zur Abstimmung der Minarett-Initiative, habe man ähnlich argumentiert: «Es hiess, dann kommen die arabischen Gäste nicht mehr.» Das Gegenteil sei eingetroffen.

Touristinnen auf der Luzerner Kapellbrücke.

Touristinnen auf der Luzerner Kapellbrücke.

TAMEDIA AG

Fakt ist, dass sich die Anzahl Logiernächte von Touristen und Touristinnen aus den Golfstaaten seit 2007 um 130 Prozent gesteigert haben. Nicole Brändle Schlegel findet das Argument schwach und sagt: «Man weiss nicht, was gewesen wäre, wenn die Minarett-Initiative damals abgelehnt worden wäre.» Das Wachstum hätte ja auch noch höher sein können. Hotelleriesuisse stehe im Kontakt mit den Hoteliers vor Ort – die seien froh um den Einsatz des Komitees «Nein zum Burkaverbot». Man dürfe nicht vergessen, dass sich verschiedenste Hotels auf Gäste aus den Golfstaaten spezialisiert haben. «Für diese wäre eine Annahme der Initiative kontraproduktiv.»

Gewichten die Tourismusverbände die Wirtschaftlichkeit höher als eine mutmassliche Diskriminierung von Frauen, mit welcher die Initianten argumentieren?

Nicole Brändle Schlegel sagt klar: «Wir sind gegen die Diskriminierung von Frauen.» Man glaube aber nicht, dass diese Initiative das richtige Mittel sei, um die Diskriminierung von Frauen zu bekämpfen. Laut Brändle Schlegel würde da der Gegenvorschlag mehr bewirken. «Wir erachten die Initiative als unverhältnismässig und unnötig», sagt sie. Es sei bekannt, dass es sich um wenige betroffene Frauen in der Schweiz handle, bei Touristinnen sei das ebenso der Fall.

Diese Touristin wäre von der Verhüllungsinitiative nicht betroffen, da ihr Gesicht erkennbar ist.

Diese Touristin wäre von der Verhüllungsinitiative nicht betroffen, da ihr Gesicht erkennbar ist.

Getty Images, Michael Svoboda

Kommt die Initiative mitten in der Coronazeit zu einem falschen Zeitpunkt?

Für Nicole Brändle Schlegel ist dies eines der Hauptprobleme. Sie sagt: «Wir wollen nicht, dass der Wiederbelebung des Tourismus nach der Coronakrise Steine in den Weg gelegt werden.» Schliesslich befinde man sich aktuell im Tourismus in einer akuten Krise, der schwersten seit dem zweiten Weltkrieg. Es sei für sie als Touristikerin erschwerend, «wenn man sich nebst all den Problemen mit der Coronakrise nun auch noch mit einer solch unverhältnismässigen und nicht zielführenden Initiative auseinandersetzen muss.»

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