Aktualisiert 21.05.2013 15:45

AnglizismenIst die deutsche Sprache in Gefahr?

Die deutsche Standardsprache ist nicht nur einem ständigen Zustrom englischer Wörter ausgesetzt, sondern wird auch zunehmend aus wichtigen Kommunikationsfeldern verdrängt. Müssen wir uns Sorgen um sie machen?

von
Rolf Maag

Im März 1996 gab Jil Sander, Modeschöpferin aus Hamburg, im Gespräch mit dem Magazin der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» Folgendes von sich: «Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das future-Denken haben muss. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muss Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.»

Der «Verein Deutsche Sprache» verfolgt laut Satzung «das Ziel, die deutsche Sprache als eigenständige Kultursprache zu erhalten» und «widersetzt sich insbesondere der fortschreitenden Anglisierung des Deutschen». Es wird niemanden verwundern, dass seinen Mitgliedern die Galle hochkam, als sie Sanders anglodeutsches Gebrabbel lasen. Folgerichtig verliehen sie 1997 der Modedesignerin den Titel «Sprachpanscher(in) des Jahres», der seither jährlich vergeben wird.

Übertriebene Ängste

Sprechen wir bald alle wie Jil Sander? Geht der Einfluss des Englischen so weit, dass die deutsche Sprache in ihrer Substanz bedroht ist, wie der «Verein Deutsche Sprache» zu meinen scheint? Das Magazin «GEO» titelte in seiner Ausgabe vom November 2012: «Der Untergang der deutschen Sprache?» Bereits das Fragezeichen deutet an, dass die Autoren des zugehörigen Artikels keineswegs dieser Meinung sind. Viele Wortimporte würden rasch wieder aussortiert, etwa frühere Übernahmen aus dem Englischen wie «Luncheon» oder «Knickerbocker». Die verbleibenden würden mit der Zeit dem deutschen Lautsystem so sehr angeglichen, dass man ihnen ihre fremde Herkunft gar nicht mehr ansehe. Wer denkt heute noch daran, dass «Keks» und «Streik» aus dem Englischen stammen, und wem ist überhaupt noch bewusst, dass wir alltägliche Wörter wie «Fenster», «Küche» oder «Kreuz» dem Lateinischen verdanken?

Sprachverfall ist Sprachwandel

Ins gleiche Horn stösst der Düsseldorfer Linguist Rudi Keller. Er vertritt die These, dass die verbreitete Wahrnehmung eines vermeintlichen Sprachverfalls in Wahrheit von einem Unbehagen angesichts des unvermeidlichen Sprachwandels zeuge. Schwarzseher habe es in allen Kulturnationen zu allen Zeiten gegeben, und immer hätten sie den jeweils gegenwärtigen Zustand einer Sprache für den korrekten, guten und schönen gehalten, obwohl auch dieser selbst immer das Ergebnis einer langen Reihe von Veränderungen sei. Wäre es anders, würden wir nach wie vor das Althochdeutsche des achten Jahrhunderts sprechen.

Ausserdem sei gerade die englische Sprache, deren Wortschatz aufgrund der normannischen Eroberung im Jahr 1066 und anderer Einflüsse zu rund 50 Prozent lateinischer Herkunft ist, ein Musterbeispiel dafür, dass «Überfremdung» die Attraktivität und Vitalität einer Sprache eher befördere.

Imponiergehabe

Aber auch Keller hält viele der importierten englischen und pseudoenglischen (Handy, Talkmaster, Flipper etc.) Ausdrücke für überflüssig, die meisten sogar für «schlicht peinlich». Ist ein «Event» wirklich etwas grundlegend anderes als ein «Ereignis» oder ein «Anlass»? Erzeugen «Men's socks» (wie sie etwa bei «Coop» heissen) weniger Fussschweiss als «Männersocken»? Und ärgern sich die Kunden der Swiss weniger, wenn die «Airline» (warum nicht «Fluglinie»?) ihren Flug «cancelt» statt einfach «absagt»? Hinter solchen unnötigen Anglizismen steckt meistens reines Imponiergehabe. Wer mit englischen Ausdrücken um sich wirft (obwohl sein/ihr Englisch vielleicht mangelhaft ist), wirkt modern, flott, jung, dynamisch, sexy etc. Kurz: Er oder sie scheint «up to date» zu sein.

Neues Mittelalter?

Allerdings verweist die Tatsache, dass derartige Angebereien überhaupt möglich sind, auf ein echtes Problem. 2005 erklärte Günther Oettinger, damals Ministerpräsident von Baden-Württemberg, in einem Interview: «Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber Englisch wird die Arbeitssprache.» Zwar stellte sich später heraus, dass Oettingers eigene Englischkenntnisse eher bescheiden sind (siehe Video unten), aber er hatte zweifellos eine wichtige Tendenz der Gegenwart richtig benannt. Nicht nur in der Werbung und in der Computersprache, sondern auch in so prestigeträchtigen Bereichen wie der Diplomatie, der Geschäftswelt und den (Natur-)Wissenschaften dominiert das Englische heute nahezu uneingeschränkt.

Oettingers «englische» Rede

(Quelle: Youtube/cpro90)

Der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant fühlt sich gar an die mittelalterliche «Diglossie» (Zweisprachigkeit) erinnert: Damals sprach und schrieb man in den «wichtigen» Feldern Latein, während in der privaten Welt (und in der Dichtung) verschiedene Dialekte verwendet wurden. Die deutsche Standardsprache («Hochdeutsch»), die sich ab dem 16. Jahrhundert herausbildete, trat in den «oberen» Bereichen (Wissenschaft etc.) zunehmend an die Stelle des Lateins und wurde im Verlauf dieser Entwicklung immer differenzierter und ausdrucksstärker. Heute, so Trabant, besteht die Gefahr, dass das Hochdeutsche diese mühsam errungene Position an das Englische verliert, genauer gesagt an eine leicht verkümmerte «globale» Variante davon, die er «Globalesisch» nennt. Hochdeutsch würde dadurch entbehrlich, Englisch (das «neue Latein») würde in Zukunft als gemeinsame Arbeitssprache die Vielzahl der deutschen Dialekte überdachen.

Monokultur

Sind Trabants Befürchtungen berechtigt? Zumindest seine Diagnose der Schweizer Zustände erscheint übertrieben: «Noch wird in der Schule das Schriftdeutsche gelernt, sie ist einer der wenigen Orte, wo diese Sprache auch gesprochen wird. Ansonsten aber scheinen die Schweizer auf dem Weg, die Sprachgemeinschaft mit den Deutschen zu verlassen. Die Schweizer Diglossie der Zukunft ist nicht mehr: oben Deutsch, unten Schweizerdeutsch, sondern: oben Englisch, unten Schweizerdeutsch (mit immer weniger Schriftdeutsch dazwischen).» Schliesslich gibt es bei uns immer mehr Bemühungen um das «Schriftdeutsche», etwa seine teilweise Einführung in den Kindergärten. Auch beherrschen nach wie vor zu wenig Leute «Globalesisch» in Wort und Schrift, um das Hochdeutsche wirklich entbehrlich werden zu lassen.

Aber in einer anderen Hinsicht hat er möglicherweise Recht. Auch bei uns wird es immer schwieriger, Schüler zum Lernen anderer Sprachen als des Englischen zu animieren, weil man sie vermeintlich nicht «brauchen» kann. Der Französischunterricht war in der Deutschschweiz noch nie sonderlich populär, doch inzwischen scheinen ihn viele für vollkommen überflüssig zu halten. Die Lage des Deutschunterrichts in der Romandie dürfte vergleichbar schlecht sein. Das Englische erweist sich insofern wirklich als «Sprachenkiller» (Trabant). Die sprachliche und kulturelle Vielfalt war immer eine der Hauptattraktionen der Schweiz wie Europas. Es wäre schade, wenn wir sie nicht mehr zu schätzen wüssten.

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