Schweiz: «Im Strom-Lockdown würde der ÖV nicht mehr fahren»

Schweiz«Im Strom-Lockdown würde der ÖV nicht mehr fahren»

Der Schweiz droht im Winter, der Strom auszugehen. Fachleute informierten am Mittwoch zum Thema Energie.

von
Seline Bietenhard
Monira Djurdjevic
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Das Blackout-Szenario wäre noch vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen.

Das Blackout-Szenario wäre noch vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen.

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Dass uns im Winter ein Strommangel bevorsteht, ist laut Energieministerin Sommaruga (SP) nicht auszuschliessen.

Dass uns im Winter ein Strommangel bevorsteht, ist laut Energieministerin Sommaruga (SP) nicht auszuschliessen.

20min/Simon Glauser
An einer Medienkonferenz am Mittwoch informierten Fachleute über die aktuelle Lage.

An einer Medienkonferenz am Mittwoch informierten Fachleute über die aktuelle Lage.

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Mittwoch, 20.07.2022

Zusammenfassung

Die Versorgungssicherheit der Schweiz ist derzeit gegeben. Aufgrund des Ukraine-Kriegs und der damit verbundenen möglichen Gaslieferunterbrechungen in Europa sowie der Situation bei den Kernkraftwerken in Frankreich kann gemäss Einschätzung der ElCom die Stromversorgung im kommenden Winter 2022/2023 aber angespannt werden. Falls eine Strommangellage eintreffen sollte, gäbe es Massnahmen. So denkt der Bund unter anderem über Strom-Kontingente für Grosskunden nach. Als letzte Konsequenz würde der Bundesrat Netzabschaltungen beschliessen.

Pressekonferenz ist beendet

Die Pressekonferenz zum Thema Energie ist beendet. Wir bedanken uns für die Aufmerksamkeit.

Wirtschaftliche Konsequenzen

«Ein Lockdown in der Pandemie war etwas ganz anderes als eine Strom-Kontingentierung», sagt Michael Frank. Es könne zwar mit «vierstündigen Lockdowns» verglichen werden, doch die Menschen könnten ihre Häuser oder Wohnungen verlassen. Der ÖV wäre zwar nicht verfügbar, die Leute könnten sich aber mit dem Velo oder zu Fuss bewegen. «Die Kontingentierung hätte eher wirtschaftliche Konsequenzen», sagt Frank weiter, die Bevölkerung wäre nicht sonderlich eingeschränkt. Es sei jedoch sehr schwierig abzuschätzen, wie lange diese Abschaltungen dauern würden, falls sie eintreffen.

«Alles dafür tun, damit Mangellage nicht eintrifft»

«Sollte es zu einer Strommangellage kommen, werden die Massnahmen umgesetzt. Ob es aber tatsächlich zu einem Mangel kommt, ist extrem schwierig abzuschätzen», sagt Urs Meister von ElCom. Es hänge ebenfalls davon ab, wie kalt der Winter 2022/2023 wird. «Wir sollten alles dafür tun, damit die Mangellage gar nicht erst eintrifft», ergänzt Michael Frank.

«Es können alle mithelfen»

«Die Möglichkeit einer Strommangellage ist real und gross. Wir können und müssen uns schnell und bestmöglich auf eine Mangellage vorbereiten. Nichtstun ist keine Option», sagt Michael Frank, Direktor, Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE. Es werde alles getan, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. «Es können alle mithelfen und weniger Strom oder Warmwasser verbrauchen. Jede Kilowattstunde zählt», sagt Frank.

Es gelte der Grundsatz, zuerst die milderen, dann die strengeren Massnahmen einzuführen. «Zuerst würde der Bundesrat freiwillige Sparmassnahmen ausrufen», sagt Frank. Falls die Sparappelle nicht ausreichen, könnte der Bundesrat Einschränkungen beschliessen. «Dies betrifft zunächst unter anderem Schaufenster, Heizgeräte oder Weihnachtsbeleuchtungen. Im nächsten Schritt werden Grossverbraucher zum Stromsparen animiert», sagt Frank. Dies betreffe etwa rund 30'000 Unternehmen.

«Die Ultima Ratio wäre: Der Bundesrat beschliesst Netzabschaltungen. Dabei wird der Strom für einige Stunden abgeschaltet und dann wieder für einige Stunden eingeschaltet», sagt Frank.

Absicherung einer Knappheitssituation

«Es kann sein, dass wenn Nordstream 1 wieder Gas liefert, die Preise wieder sinken. Dies ist jedoch sehr unsicher», sagt Urs Meister, Geschäftsführer, Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom. Diverse Europäische Länder hätten in der letzten Zeit einen Aufruf zum Gassparen gemacht. «In der Schweiz spielen insbesondere die Wasserspeicherstände eine Rolle», sagt Meister. «Die Kernkraftwerke laufen derzeit auf Volllast. Wenn die Wassertemperatur der Aare auf 25 Grad steigt, wird die Leistung des Kernkraftwerks Beznau eingeschränkt», sagt Meister. Dies hänge jedoch davon ab, wie lange die Temperatur der Aare über 25 Grad bleibt.

Eine Möglichkeit, die Versorgung im Winter zu gewährleisten, sei eine Anlage einer Wasserkraftreserve. «Der Zweck dieser Reserve ist eine Absicherung einer Knappheitssituation», sagt Meister. Es sei wichtig zu wissen, dass die Wasserkraftreserve keine zusätzliche Energie ins System bringe. «Es ist entscheidend, dass sich die Wasserreserve nicht dazu eignet, die Strommangellage in der Schweiz im Winter zu überbrücken. Sie dient nur für eine Überbrückung für mehrere Tage oder Wochen», sagt Meister.

Strom-Kontingente

«Die Nachfrage ist im Sommer entsprechend tief, dennoch ist es wichtig, entsprechend vorbereitet zu sein», sagt Schwark. Es gebe vorbereitete Massnahmen, die im Falle einer Gasmangellage eintreffen können. «Zuerst wird zum Sparen aufgerufen, das heisst, auch eine Beschränkung der Heiztemperatur, jedoch nur um etwa ein Grad», sagt Schwark. Anschliessend erfolge die Umschaltung der Zweitstoffanlagen von Gas auf Öl, dort können bis zu 20 Prozent gespart werden.

«Weiter kann es Einschränkungen von gewissen Anwendungen geben. Dieser Entscheid würde jedoch beim Bundesrat liegen», sagt Schwark. Dabei könnte es verbindliche Beschränkungen der Heiztemperatur in öffentlichen Gebäuden oder Büros geben. «Zuletzt würde eine Kontingentierung erfolgen», sagt Schwark.

«Die Versorgungslage der Schweiz ist derzeit gegeben»

Die Pressekonferenz beginnt. «Wir erleben die erste Energiekrise Europas. Seit mehreren Monaten bemühen wir uns, eine Lösung für den Energiemangel zu finden. Wir konzentrieren uns derzeit besonders auf den Winter 22/23, um eine Versorgung aller Haushalte zu gewährleisten», sagt Benoît Revaz, Direktor des Bundesamt für Energie BFE.

«Grundsätzlich ist die Versorgungslage der Schweiz gesichert», sagt Bastian Schwark, Leiter Fachbereich Energie, Wirtschaftliche Landesversorgung WL. Die Gasmärkte funktionieren, jedoch auf hohem Preisniveau. «Die Märkte erwarten, dass sich die Gaslage in der nächsten Zeit wieder erholt», so Schwark. Die Schweiz verfüge über keine Gasspeicher und sei deshalb besonders vom benachbarten Ausland abhängig. «Es ist wichtig, auf alle Mangellagen vorbereitet zu sein», sagt Schwark. Der Bundesrat habe bereits im Mai dafür gesorgt, dass die Gasversorgung gewährleistet sei.

Pressekonferenz

Das Szenario wäre noch vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen: Der Schweiz droht im Winter, der Strom auszugehen. Der Bundesrat hat kürzlich von einer realen Gefahr gesprochen. An einer Medienkonferenz am Mittwoch informieren Fachleute über die aktuelle Lage. An der Medienkonferenz nehmen teil:

  • Benoît Revaz, Direktor, Bundesamt für Energie BFE

  • Patrick Kutschera, Geschäftsführer EnergieSchweiz, Bundesamt für Energie BFE

  • Ueli Haudenschild, Stv. Direktor a. i., Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung BWL

  • Bastian Schwark, Leiter Fachbereich Energie, Wirtschaftliche Landesversorgung WL

  • Urs Meister, Geschäftsführer, Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom

  • Jürg Rauchenstein, Fachspezialist Netze und Europa, Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom

  • Michael Frank, Direktor, Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE

  • Lukas Küng, Leiter Kommission OSTRAL (Organisation für Stromversorgung in Ausserordentlichen Lagen)

  • Thomas Hegglin, Leiter Kommunikation, Verband der Schweizerischen Gasindustrie VSG

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