Bevölkerungsschutz: Ist die Schweiz für einen Atomunfall gerüstet?
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BevölkerungsschutzIst die Schweiz für einen Atomunfall gerüstet?

Eine Gruppe linker Ärzte kritisiert, die Schweiz habe aus Fukushima nichts gelernt: Es fehle eine taugliche Notfallplanung. Die Behörden widersprechen.

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daw
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«Die Katastrophenplanung des Bundes geht von einem Unfallszenario aus, bei dem zehnmal weniger Radioaktivität austritt als in Fukushima und 100-mal weniger als in Tschernobyl», sagt Martin Forter von den Ärzten für den Umweltschutz.

«Die Katastrophenplanung des Bundes geht von einem Unfallszenario aus, bei dem zehnmal weniger Radioaktivität austritt als in Fukushima und 100-mal weniger als in Tschernobyl», sagt Martin Forter von den Ärzten für den Umweltschutz.

Kimimasa Mayama
«Der Notfallschutz in der Schweiz ist im Fall eines Atomunfalls auf einem sehr hohen Niveau sichergestellt», sagt Kurt Münger, Kommunikationschef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz.

«Der Notfallschutz in der Schweiz ist im Fall eines Atomunfalls auf einem sehr hohen Niveau sichergestellt», sagt Kurt Münger, Kommunikationschef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz.

Keystone/Gaetan Bally
Leibstadt ist das jüngste und leistungsstärkste Kernkraftwerk der Schweiz. Es produziert rund 16 Prozent des in der Schweiz verbrauchten Stroms.

Leibstadt ist das jüngste und leistungsstärkste Kernkraftwerk der Schweiz. Es produziert rund 16 Prozent des in der Schweiz verbrauchten Stroms.

Tritt aus einem havarierten AKW viel Radioaktivität aus, bleibt wenig Zeit: Die Behörden müssen die betroffene Bevölkerung alarmieren, je nach Standort hunderttausende Menschen evakuieren, den Verkehr umleiten und weitere Massnahmen wie die Einnahme von Jodtabletten anordnen.

Die Katastrophenplanung des Bundes nehmen nun die Befürworter der Atomausstiegsinitiative unter Beschuss. So werfen die Ärzte für den Umweltschutz (Aefu) den Behörden vor, keine Lehren aus der Katastrophe von Fukushima gezogen zu haben. Das Notfallkonzept sei bei schweren Unfällen untauglich, schreibt die Gruppe in einer Medienmitteilung. Die Streitpunkte:

• Das Notfallkonzept

«Die Katastrophenplanung des Bundes geht von einem Unfallszenario aus, bei dem zehnmal weniger Radioaktivität austritt als in Fukushima und 100-mal weniger als in Tschernobyl», sagt Aefu-Geschäftsleiter Martin Forter. «Entgegen der Beteuerungen der Behörden ist der Schutz der Bevölkerung bei einem Unfall wie in Fukushima nicht gewährleistet.»

Zudem trete die radioaktive Wolke frühestens sechs Stunden nach dem Unfallbeginn aus und nicht bereits nach vier oder gar zwei Stunden, wie es in den schwereren Szenarien zu erwarten sei. Forter: «Es ist absurd. Der AKW-Unfall muss sich nach dem Zeitplan der Behörden richten.»

Kurt Münger, Kommunikationschef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz (Babs), weist die Kritik zurück. Man habe den Unfall von Fukushima sehr wohl analysiert: «Der Notfallschutz in der Schweiz ist im Fall eines Atomunfalls auf einem sehr hohen Niveau sichergestellt. Die zuständigen Behörden haben viele Massnahmen vorbereitet und sie werden in Übungen laufend durchgespielt.» Die massgeblichen Unfallszenarien habe das Ensi in einer breit abgestützten Arbeitsgruppe erarbeitet. Sie würden den Risiken in Schweizer Kernanlagen «weitgehend gerecht», heisst es bei der Aufsichtsbehörde.

• Der Katastrophenalarm

Laut der Ärzte-Gruppe fehlt es auch an konkreten Plänen, wie grössere Städte wie Bern, Biel oder Aarau bei einem schweren Unfall evakuiert würden. «Doch noch nicht einmal die Information der Bevölkerung würde funktionieren, wenn der Strom ausfällt», kritisiert Forter: «Ein UKW-Radio mit Batterien hat heute kaum mehr jemand zu Hause.» Mit grosser Wahrscheinlichkeit würde auch das Handynetz kollabieren. «Damit wird auch das Aufgebot der Sicherheits- und Rettungsorganisationen im betroffenen Gebiet zum Problem.»

Babs-Sprecher Kurt Münger hält fest: «Die Sirenen funktionieren unabhängig von der Stromversorgung über längere Zeit. Zudem hätten immer noch viele ein Radiogerät, etwa im Auto.» Auch hätten die lokalen Behörden weitere Möglichkeiten, etwa Lautsprecherdurchsagen vor Ort. Die Kantone seien gesetzlich verpflichtet, die Evakuierung sicherzustellen.

• Das Unfallrisiko

Forter kritisiert, dass der Bund Szenarien ausschliesse, weil sie als unwahrscheinlich gelten. «Der Bund geht davon aus, dass ein schwerer Unfall nur einmal in 1 bis 10 Millionen Jahren vorkommt.» Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung sei umstritten, zumal Risiken wie vorsätzliche Flugzeugabstürze, Cyber- oder Terrorangriffe nicht in die Rechnung einbezogen würden. Lenke einer ein Flugzeug in das Kraftwerk Beznau, könne sehr viel Radioaktivität austreten.

Beim Ensi heisst es, dass alle in Betrieb stehenden Kraftwerke in der Schweiz die gesetzlich vorgeschriebenen Anforderungen erfüllen. Diese schreibt das Umweltdepartement in einer Verordnung fest. Beispielsweise muss ein Betreiber nachweisen, dass ein Kernschaden gemäss Wahrscheinlichkeitsrechnung seltener als alle 10'000 Jahre vorkommt.

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