Weniger Fälle und Hospitalisierungen - Ist die vierte Corona-Welle schon gebrochen?
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Weniger Fälle und HospitalisierungenIst die vierte Corona-Welle schon gebrochen?

Die Lage in den Spitälern ist zentral für die Corona-Massnahmen. Ein Blick in die Zahlen zeigt: Die Hospitalisierungen gehen seit Wochen zurück. Das sagen Expertinnen und Experten zur aktuellen Situation.

von
Daniel Graf
Bettina Zanni
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Epidemiologinnen und Epidemiologen zeigen sich vorsichtig optimistisch. «Der Trend könnte in die richtige Richtung gehen», sagt Daniel Speiser, Immunologe an der Universität Lausanne und ehemaliges Mitglied der Taskforce des Bundes.

Epidemiologinnen und Epidemiologen zeigen sich vorsichtig optimistisch. «Der Trend könnte in die richtige Richtung gehen», sagt Daniel Speiser, Immunologe an der Universität Lausanne und ehemaliges Mitglied der Taskforce des Bundes.

20min/Marco Zangger
Lag der Sieben-Tage-Durchschnitt am 18. August bei 0,86 Spitaleinweisungen pro 100’000 Einwohnerinnen und Einwohner, betrug er am 8. September nur noch 0,45.

Lag der Sieben-Tage-Durchschnitt am 18. August bei 0,86 Spitaleinweisungen pro 100’000 Einwohnerinnen und Einwohner, betrug er am 8. September nur noch 0,45.

20min/Marvin Ancian
Innerhalb von etwas mehr als drei Wochen hat sich die Zahl also fast halbiert.

Innerhalb von etwas mehr als drei Wochen hat sich die Zahl also fast halbiert.

Screenshot/covid19.admin.ch

Darum gehts

  • Innerhalb von etwas mehr als drei Wochen hat sich die Zahl der Hospitalisierungen fast halbiert.

  • «Der Trend könnte in die richtige Richtung gehen», sagt Immunologe Daniel Speiser.

  • Urs Karrer, Vize-Präsident der Taskforce, stellt folgende Prognose: «Wir hoffen, dass mit der Zertifikatspflicht die Fallzahlen bei Erwachsenen innert zehn bis 14 Tagen deutlich abnehmen.»

  • Infektiologe Jan Fehr warnt vor einem Denkfehler. Gerade im Hinblick auf den Herbst hält er das Szenario eines raschen Anstiegs von Covid-Patientinnen und -Patienten nach wie vor für wahrscheinlich.

Die Zahl der neuen Corona-Fälle rutschte am Dienstag erstmals seit Anfang August wieder unter die 2000er-Marke. Auch bei den Hospitalisierungen zeigt sich ein Rückgang: Lag der Sieben-Tage-Durchschnitt am 18. August bei 0,86 Spitaleinweisungen pro 100’000 Einwohnerinnen und Einwohner, betrug er am 8. September nur noch 0,45. Innerhalb von etwas mehr als drei Wochen hat sich die Zahl also fast halbiert.

Der 8. September ist das letzte Datum, für das das BAG einen Sieben-Tage-Schnitt angibt. Auf der Website heisst es allerdings auch, die Zahlen seien aufgrund von Meldelücken und -verzug mit Vorsicht zu geniessen.

«Minus elf Prozent im Eilzugstempo»

«Das Infektionsgeschehen hat sich eher etwas beruhigt, die Fallzahlen stabilisieren sich, die Hospitalisationen sind rückgängig», sagte auch Patrick Mathys, Krisenmanager beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Point de Presse vom Dienstag. Hingegen sei die Belegung in den Intensivstationen nach wie vor hoch.

Bereits werden Stimmen laut, die eine abgeflachte Sommer-Welle ins Spiel bringen. «Am Sonntag lagen laut Bund noch 267 Covid-Kranke auf der Intensivpflege, eine Woche zuvor waren es auf dem Zenit 301. Minus elf Prozent im Eilzugstempo», schreibt das Finanzportal «Inside Paradeplatz». Zudem freuen sich Userinnen und User auf Social Media über den Rückgang der Fallzahlen.

«Trend könnte in die richtige Richtung gehen»

Epidemiologinnen und Epidemiologen zeigen sich vorsichtig optimistisch. «Der Trend könnte in die richtige Richtung gehen», sagt Daniel Speiser, Immunologe an der Universität Lausanne und ehemaliges Mitglied der Taskforce des Bundes. Noch sei es aber zu früh, um sicher sein zu können. «Dieser Trend müsste sich um mindestens einen Monat verlängern, um von einer gebrochenen vierten Welle sprechen zu können.» Unklar sei, wie sich die Lage im Herbst entwickle, sagt Speiser. «Steigt die Impfquote nicht markant, könnten die Fallzahlen nach den Herbstferien und mit den kälteren Temperaturen wieder zunehmen.»

Urs Karrer, Vize-Präsident der Taskforce, stellt folgende Prognose: «Wir hoffen, dass mit der Zertifikatspflicht die Fallzahlen bei Erwachsenen innert zehn bis 14 Tagen deutlich abnehmen. Dann können wir damit rechnen, dass nach weiteren zehn Tagen auch die Hospitalisierungen der in der Schweiz angesteckten Personen abnehmen werden.»

Der Zustrom von infizierten und erkrankten Reiserückkehrerinnen und -rückkehrern hat mit dem Ende der Sommerferien laut Karrer zwar stark abgenommen. Das zeigt sich jetzt bei den Hospitalisierungen und später hoffentlich auch auf den Intensivstationen.» Aber: «Die Hospitalisierungen von Menschen, die sich in der Schweiz infiziert haben, hat sich bisher noch nicht stark verringert. Die vierte Welle ist leider noch nicht gebrochen.»

«Trendwende schwierig abzuschätzen»

Auch Jan Fehr, Infektiologe und Public Health-Experte der Uni Zürich, sagt: «Die Hospitalisierungen sind zum Glück nicht weiter angestiegen und sinken derzeit sogar leicht. Sie bewegen sich aber nach wie vor auf hohem Niveau.»

Er warnt vor zu viel Euphorie: Die Kurve der Hospitalisierungen zeige derzeit nach unten und die IPS-Belastung liege laut Bundesamt für Gesundheit nur bei 76,3 Prozent. Trotzdem dürfe man hier keinen Denkfehler machen: «Jeder einzelne Covid-Patient oder jede einzelne Covid-Patientin belegt das Gesundheitssystem über das übliche Mass hinaus. Gerade im Hinblick auf den Herbst ist das Szenario eines raschen Anstiegs der – vor allem ungeimpften – Covid-Patientinnen und -Patienten, die ins Spital müssen, leider nach wie vor nicht unwahrscheinlich.»

Wettlauf gegen die Zeit

Verhindern lässt sich ein Szenario wie im letzten Herbst laut Jan Fehr, Infektiologe und Public Health-Experte der Uni Zürich, nur mit der Impfung: «Neben dem Druck, den der Bundesrat mit der Ausweitung der Zertifikatspflicht ausübt, braucht es vor allem den Dialog und niederschwellige Angebote. Die Impftram, welche wir im Kanton Zürich am Dienstag in Betrieb nehmen konnten, ist ein tolles Projekt, von dem wir uns viel erhoffen.» Dass es einen gewissen Prozentsatz gebe, der sich nicht impfen lassen wolle, sei okay, so Fehr. «Wir müssen im Wettlauf gegen die Zeit jetzt aber alles daran setzen, die Unentschlossenen abzuholen und die Lücke in der Impfquote zu anderen Ländern wie Dänemark zu schliessen.»
Auch Urs Karrer, Vize-Präsident der Taskforce, appelliert an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen. Grundsätzlich werde eine klare Beschleunigung der Epidemie erwartet, sobald es kälter werde. «Pro 100 geimpfte Erwachsene verhindern wir ein bis zwei Hospitalisierungen.»

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